Iranisch-arabische Beziehungen

Zwischen Konfrontation und Annäherung

Die Geografie der Region ist ein unabänderlicher Fakt: Der Iran und die Golfstaaten sind und bleiben Nachbarn. Es liegt daher im Interesse des Irans und der arabischen Länder ihre Konflikte hinter sich zu lassen und eine Ära der regionalen Kooperation und Stabilität einzuläuten. Von Khaled Hroub

Die folgenden Überlegungen gehen von vier möglichen Entwicklungen aus, die die arabisch-iranischen Beziehungen mittelfristig nehmen könnten: Erstens, eine zunehmende Konfrontation bis hin zu verheerenden Kriegen in der Region und darüber hinaus. Zweitens, eine fortgesetzte Konfrontation ohne Konflikteskalation. Dies würde langfristig eine gegenseitige Zermürbung und Aufreibung nach sich ziehen. Drittens, eine allmähliche Deeskalation, in deren Verlauf sich die Konfliktparteien gegenseitig in Schach halten. Die vierte Möglichkeit besteht in der umfassenden Beilegung der Konflikte und der Beginn einer neuen Kooperation im Rahmen eines regionalen Sicherheitsgefüges.

Auf absehbare Zeit sind die ersten zwei Entwicklungen wohl die wahrscheinlichsten, auch wenn die beiden letztgenannten Möglichkeiten nicht auszuschließen sind. Welche dieser Entwicklungen die arabisch-iranischen Beziehungen letztlich nehmen werden, hängt davon ab, in welchem Maß die verschiedenen politischen Kräfte willens und in der Lage sind, ideologische Differenzen und Expansionsstreben pragmatischen politischen Überlegungen unterzuordnen. Genauso entscheidend ist aber auch, dass auf regionaler Ebene ein politisches Klima geschaffen wird, das eine auf Aushandlungsprozessen basierende Politik ermöglicht, die auf zukünftige Kooperation setzt. Eine solche Zusammenarbeit würde zwar allen Seiten Zugeständnisse abverlangen, letztlich aber profitiert davon die Region als Ganzes.

Die arabische Welt im Niedergang

Die arabische Welt befindet sich nach wie vor in einer Phase des Niedergangs und zunehmender Auflösungserscheinung – nicht zuletzt deshalb, weil einige der wichtigsten arabischen Länder im Auge des nicht enden wollenden Sturmes liegen, der über die Region zieht. Spätestens seit dem amerikanischen Einmarsch in den Irak 2003 ist der Iran auf die eine oder andere Art in diesen Sturm verwickelt – und er blieb es auch in den darauffolgenden verheerenden Kriegen in Syrien, dem Irak und dem Jemen. Seit dieser Zeit hat der Iran in unterschiedlichem Ausmaß Einfluss auf Krisen und Kriege in arabischen Staaten genommen, deren Preis immer die betroffenen Länder und ihre Gesellschaften zahlen müssen.

Infografik politische Allianzen des Iran und Saudi-Arabiens im Nahen Osten; Quelle: DW
Iran und Saudi-Arabien als Rivalen und Hauptakteure im regionalen Ränkespiel: "Die Golfstaaten haben jedoch inzwischen erkannt, dass eine Konfrontation mit der Trias aus Schia, Paniranismus und dem iranischen Nationalstaat nicht in ihrem Interesse liegt, auch weil sie dem Iran militärisch - konventionell und gegebenenfalls auch atomar - unterlegen sind. Das bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass das militärische Kräftegleichgewicht zwangsläufig zugunsten des Iran entschieden wäre", schreibt Hroub.

Angesichts des Dickichts aus Krisen, Koalitionen, Stellvertreterkriegen, unvorhersehbaren Entwicklungen und schwankenden Kräfteverhältnisse, die die Präsenz beziehungsweise den Rückzug verschiedener internationaler Kräfte nach sich ziehen, ist die Zukunft des Nahen Ostens und der Region insgesamt ungewiss.

Der Großteil der möglichen Szenarien läuft auf einen fortschreitenden Niedergang hinaus, nicht zuletzt aufgrund der Entfremdung der arabischen Staaten untereinander und des Fehlens einer geeinten und kohärenten Haltung. Eine solche vertritt nicht einmal mehr der Golfkooperationsrat, obwohl er die einzige Institution in der arabischen Welt ist, die sich ein vernünftiges Maß an Zusammenhalt und interner Solidarität bewahrt hat.

Die arabisch-iranische Nachbarschaft als Realität begreifen

Der Ausgangspunkt der hier vorgetragenen Überlegungen ist die Unmöglichkeit, die Geografie der Region zu verändern. Die arabisch-iranische Nachbarschaft ist somit eine Realität die es anzuerkennen gilt. Geschichte und Politik hingegen können verändert und beeinflusst werden. Deswegen liegt es sowohl im Interesse der arabischen Staaten als auch des Irans, ihre Konflikte hinter sich zu lassen und eine Ära der regionalen Kooperation und Stabilität einzuläuten. Durch die Perpetuierung der Konfrontation würden sich alle Seiten nur weiter gegenseitig schwächen und schaden.

In Anbetracht der angeführten gegenwärtigen und zukünftigen Optionen ist es wichtig, dass die arabische Seite erst einmal versucht, den Iran und seine Ziele zu verstehen. Das Gleiche gilt für die Golfstaaten und deren Anliegen. Zu Beginn gilt es daher festzustellen, dass wir es im Iran mit mehreren verschiedenen ideologischen und politischen Identitätskonzeptionen zu tun haben. Es gibt keine Identitätskonstruktion oder Wesensdefinition unter der der Iran als starrer homogener Block zusammengefasst werden könnte. Das erste iranische Identitätskonzept ist das des schiitisch motivierten religiösen Staates, der von der Revolutionsgarde gesteuert wird und durch einen ausgeprägten Drang nach Expansion und Einflusserweiterung geprägt ist.

Logischerweise stellt das eine Herausforderung für das arabisch-iranische Nachbarschaftsverhältnis dar. Darüber hinaus provoziert es eine religiös-salafistische Reaktion in der Region und vertieft bestehende konfessionelle Gräben.

Zwischen Paniranismus und Nationalstaatlichkeit

Das zweite Identitätskonzept ist der persische Nationalismus oder Paniranismus, in seinen unterschiedlich radikalen Ausprägungen. Seine nationalistisch gefärbte feindselige Haltung gegenüber den Arabern und sein ausgeprägtes Streben nach imperialer Größe sind wohl für die iranischen Beziehungen mit ihren Nachbarn und den arabischen Staaten die entscheidenden Faktoren. Der Paniranismus und das religiös konnotierte Identitätskonzept überlappen sich demnach in ihrer expansionistischen Haltung und dem Streben nach mehr Einfluss in der Region.

Der Nationalstaat ist das Herzstück der dritten iranischen Identitätskonzeption. Dieser Staat handelt wie alle Nationalstaaten im Rahmen seiner Interessen und Strategien politisch pragmatisch. Es ist diese iranische Identitätskonzeption, die die Möglichkeit einer besseren Zukunft und die Aussicht auf regionale Zusammenarbeit auf Basis der gemeinsamen Interessen eröffnet.

Diese drei Identitätskonzepte sind verwoben in komplizierten, wechselseitig aufeinander bezogenen Beziehungen und Dynamiken. Sie konkurrieren in manchen Punkten und treffen sich in anderen, sind sich aber nicht notwendigerweise und immer in allen Angelegenheiten oder politischen Strategien einig. Im Gegenteil, das Verhältnis der nationalstaatlichen Identität auf der einen sowie dem Paniranismus und der religiös-staatlichen Identität auf der anderen Seite ist chronisch angespannt und alle drei genannten Ideen haben ihre Anhänger in Politik und Militär.

Saudi-Arabiens König Salman bin Abdulaziz Al Saud; Foto: picture-alliance/dpa
Neu aufbrechendes sunnitisch-schiitisches Schisma: Die jahrzehntelange Feindschaft zwischen der saudischen Führung und dem Iran bekam neue Nahrung durch den Atomdeal, den die UN-Vetomächte und Deutschland 2015 mit dem Iran schlossen. Riad sah darin einen Verrat der USA und fürchtet seitdem einen wachsenden Einfluss Teherans. Auf US-Präsident Donald Trump setzen die Herrscher in Saudi-Arabien und seine Verbündeten wegen dessen Anti-Iran-Rhetorik daher große Hoffnungen.

Auf dem außenpolitischen Parkett agieren diese drei Fraktionen sowohl regional als auch international als würden sie festgelegte Rollen ausfüllen, was aber nicht notwendigerweise impliziert, dass sie einem exakt abgestimmten Plan folgen.

Unabdingbarer Aufbau nationalstaatlicher Beziehungen

Eine zukunftsorientierte Herangehensweise der arabischen Länder würde bedeuten, dem Iran auf der nationalstaatlichen Ebene zu begegnen und die Zusammenarbeit mit denjenigen Gruppierungen im Staatsapparat zu forcieren, die den Iran nicht mit einem expansiv-imperialen Anspruch religiöser oder paniranischer Prägung vertreten.

Die zunehmende Verankerung des nationalstaatlichen Gedankens im Iran gehört zu den notwendigen Bedingungen, um den Raum für eine zukünftige Zusammenarbeit auf regionaler Ebene zu schaffen, denn trotz ihrer gängigen Parolen und der Vermittlung des Gefühls von Größe und Überlegenheit wissen weder die Vertreter des religiös geprägten Staates noch die eines anvisierten Großirans genau, was eigentlich ihre Ziele sind.

Demgegenüber ist es gut vorstellbar, dass sich die Vertreter der nationalstaatlichen Idee rationaler verhalten und genauer wissen, was die Interessen "ihres" Irans sind: Sicherheit, Stabilität, wirtschaftlicher Aufschwung und Fortschritt. Das alles kann durch regionale Zusammenarbeit und eine aktive Rolle des Irans in der Region erreicht werden, ohne dass es mit mehr Einfluss und Kontrolle für ihn einhergehen müsste. Die Umsetzung dieser Interessen ist absolut legitim und es sind genau die gleichen Ziele, die die arabischen Länder und die Golfstaaten für sich erreichen wollen.

Identitätskonzeption in den Golfstaaten

Stellen wir uns analog die Frage nach dem Selbstverständnis und der Identitätskonzeption in den Golfstaaten, wird klar, dass sowohl ihre Definition von sich als politische Entität als auch ihre politische Identität (ganz im Gegensatz zum Iran) eindeutig und unumstößlich in der Idee des Nationalstaates verankert sind. In diesen Ländern gibt es keine Expansionsideologie, weder religiös noch nationalistisch motiviert. Dschihadistische und nicht-dschihadistische Strömungen des Salafismus positionieren sich in der Regel gegen den Nationalstaat und bekämpfen ihn sogar häufig.

Und auch der Panarabismus hat keinen nennenswerten Einfluss auf die politische Identitätsbildung in diesen Staaten. Die Golfstaaten haben zudem erkannt, dass eine Konfrontation mit der Trias aus Schia, Paniranismus und dem iranischen Nationalstaat nicht in ihrem Interesse liegt, auch weil sie dem Iran militärisch - konventionell und gegebenenfalls auch atomar - unterlegen sind.

Das bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass das militärische Kräftegleichgewicht zwangsläufig zugunsten des Iran entschieden wäre: Jahrzehnte des militärischen und wirtschaftlichen Embargos haben sowohl das iranische Militär als auch die iranische Wirtschaft empfindlich geschwächt. In der Summe ist der Iran derzeit dennoch in der Lage langanhaltende und zermürbende Konflikte einzugehen, die für beide Seiten verheerend wären.

Daher ist es besonders wichtig, das arabisch-iranische Verhältnis auf dem Parkett der Beziehungen zwischen gleichberechtigten Nationalstaaten zu verhandeln - nicht als Auseinandersetzung von Nationalstaaten auf der einen und einem Staat mit expansionistischem Großreichsanspruch auf der anderen Seite. Das mag träumerisch und utopisch klingen, im Kern ist es aber ein pragmatisch-politischer und vor allem gangbarer Ansatz: Er bringt das einzige Szenario ins Spiel, das die Region vor einer Katastrophe mit unabsehbaren langfristigen Auswirkungen bewahren kann.

Gegenseitige Anerkennung der nationalen Souveränität

Das Herz dieses Szenarios bilden die gegenseitige Anerkennung der nationalen Souveränität und die Aufnahme wirtschaftlicher Beziehungen, die sowohl den Golfstaaten als auch dem Iran mehr Stabilität bringen und ihre Entwicklung stützen würden. Dadurch wirken sie Stagnation und wirtschaftlichen Krisen entgegen, die politischen Radikalismus und Extremismus hervorbringen, der für alle Seiten zerstörerisch ist.

Der Publizist und Wissenschaftler Khaled Hroub; Foto: Universität Birzeit
Der Publizist und Medienwissenschaftler Khaled Hroub ist Berater des "Oxford Research Group's (ORG) Middle East Programme" und zählt gegenwärtig zu den wichtigsten Meinungsmachern im arabischen Raum. Er war Direktor des "Cambridge Arab Media Project" an der Universität Cambridge.

Ein im Inneren geschwächter und wirtschaftlich am Boden liegender Iran, der Extremismus produziert und expansionistisches Gedankengut vertritt, ist nicht im Interesse der arabischen Staaten. Genauso wenig liegt es im Interesse des Iran, dass seine arabischen Nachbarn im Irak, den Golfstaaten und dem Jemen der Zerstörung anheimfallen, denn die Konsequenz wäre ebenfalls lediglich die weitere Förderung von religiösem und konfessionellem Extremismus. Beide Seiten würden also davon profitieren, im Rahmen einer nationalstaatlichen Logik zu handeln, die dem Extremismus Einhalt gebietet und sich am gemeinsamen Wohl der Nachbarn orientiert.

Das derzeitige Ausmaß der Feindseligkeit zwischen dem Iran und den Golfstaaten erreicht nicht mal ein Zehntel der Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich beziehungsweise Deutschland und Großbritannien nach den beiden Weltkriegen, die zusammen mehr als 100 Millionen Menschen das Leben kosteten. Trotzdem schlossen sich diese Länder nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Basis ihrer gemeinsamen Interessen zu einer regionalen Wirtschafts- und Sicherheitsunion zusammen, deren Entstehung ihnen große Zugeständnisse und den Verzicht auf Machtansprüche abverlangte.

Aus diesem Zusammenschluss entwickelte sich der heute größte aktive Wirtschaftsblock der Welt: die Europäische Union. Die Geschichte der EU liefert uns ein überzeugendes und inspirierendes Beispiel dafür, wie aus Feindseligkeit Kooperation entstehen kann. Die arabischen Staaten und der Iran müssen sich entscheiden: Entweder sie bekämpfen sich weiter gegenseitig, oder sie beginnen endlich zusammenzuarbeiten.

Khaled Hroub

© Qantara.de 2018

Übersetzt aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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Leserkommentare zum Artikel: Zwischen Konfrontation und Annäherung

Eine unglaublich schlechte Analyse des iranisch-arabischen Konfliktes. Auf der einen Seite wird der Paniranismus und und der vermeintliche schiitische Expansionismus vor allem im 2. Fall maßlos überhöht. Auf der anderen seite der religiös politische expansionismus der Golfstaaten geradezu negiert. Zur Geschichte der Verfolgung und Ermordung von Schiiten durch die Sunniten und zum arabisch-islamischen militärischen Expansionismus kein Wort. Auch nichts zum Iran Irak Krieg bei dem der Irak den Iran überfallen und dort verheerend gewütet hat. Gerade diese Ereignisse und weitere erklären aber die iranische Politik. So etwas hätte ich von der Bild zeitung erwartet aber nicht von einem Akademiker.

Thomas Esseling13.06.2018 | 04:15 Uhr