Irakisches Theater

Hinter den Kulissen des Terrors

Wie macht man Theater im Krieg? Welche Zukunft kann man für die Kultur entwerfen in einem von Terrorattentaten bedrohten Alltag? Im Rahmen der irakischen Theaterwoche in Mülheim berichtet Dorothea Marcus über die schwierigen Arbeitsbedingungen irakischer Theatergruppen.

Wie macht man Theater im Krieg? Welche Zukunft kann man für die Kultur entwerfen in einem zerbombten, von Terrorattentaten bedrohten Alltag? Im Rahmen der irakischen Theaterwoche in Mülheim hat sich Dorothea Marcus über die schwierigen Arbeitsbedingungen irakischer Theatergruppen informiert.

​​Bagdad im Krieg. Wer nichts hat, muss das allerletzte verkaufen, was bleibt - und das ist unter anderem der Tee – ein bekanntestes arabisches Alltagsgetränk. Im Stück "Fantasie eines Reisenden" der irakischen Autorin Awatef Naeem trifft sich an der Grenze nach und nach ein merkwürdiges Völkchen zum Teeverkauf: ein Lehrer, der seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, weil er einst unter Saddam seine Schüler nicht lehren konnte, was Freiheit ist.

Grotesker Überlebenskampf im Nachkriegsalltag

Nun hat er hier Sonnenschirm und Campingstuhl aufgeschlagen und preist klagend die Qualität seiner Ware an. Dazu kommt ein ehemaliger Schauspieler mit Zelt, Thermoskanne und Handy, der an die globalisierten Warenwelt aus dem Westen glaubt - und herrisch den Teemarkt in seine Hand bringen will, einmal bindet er sich dazu sogar einen Bombengürtel um.

Eine tief verschleierte Frau will neben dem Teeverkauf Geld mit ihrem behinderten Sohn zu machen - und ein Mädchen will seine Ideen verkaufen, würde aber nur für ihren Körper bezahlt werden. Alle hoffen, dass der Lastwagen endlich hält, die Hoffnung auf ein besseres Leben in Freiheit und Demokratie.

Mit souveräner Komik und fast ohne Sprache führt die Gruppe vor, welche grotesken Überlebenskämpfe man im terroristischen Bagdader Nachkriegsalltag führen muss, immer wieder duckt man sich vor den Autobomben.

Nach und nach verwandelt sich die Grenze in ein provisorisches Flüchtlingslager, in dem sich alle austricksen - sei es mit Krokodilstränen, sei es mit leeren Kartons von amerikanischen Küchengeräten. Es ist eine tiefschwarze Komödie.

Die neun Schauspieler spielen, als ginge es um ihr Leben, sie rappen und tanzen, beziehen oft das Publikum ein, das sie fotografieren oder ihnen Ratschläge geben soll - und nehmen sich dabei selbst nicht allzu ernst. Was bleibt ihnen auch übrig...?

Auferstanden aus Ruinen

Als endlich der ersehnte LKW mit den Hilfslieferungen hält, sind ausgerechnet westliche Teebeutel und Plastikbecher darin - das hat man in Bagdad nun wirklich am wenigsten gebraucht. Aber was braucht man dann?

Theatergruppen vielleicht. Genau solche, wie sich jetzt aus den Trümmern gebildet haben: die "Theaterwerkstatt Bagdad" und die "Werkstatt Probenraum" wurde von zwei Regisseuren und ehemaligen Theaterlehrern aus den Trümmern des irakischen Theatersystems gegründet.

Mühsam suchten sie sich einige ehemalige Kollegen und Schauspielschüler zusammen: der 64jährige Aziz Khayon und der 44jährige Haitham Abed Al-Razaq. Beide Stücke, die jetzt in Mülheim zu sehen waren, wurden von seiner Frau geschrieben. Auch ihre Schwester und deren Ehemann spielen mit: das neue Theaterleben in Bagdad ersteht aus einer Familienzelle.

Wie schafft man es überhaupt, mitten in einem monströsen Guerilla-Krieg Theater zu machen, wie einen geeigneten Proberaum zu finden? "Manchmal treffen wir uns bei jemandem zuhause, manchmal warten wir in der Uni, bis die Studenten fertig sind, manchmal im Club irakischer Bildhauer", berichtet Aziz Khayoun.

"Das ist nicht gerade eine gute Atmosphäre zum Arbeiten. Direkt daneben ist eine Tankstelle, wo sich Autofahrer stundenlang um Benzin streiten, wir hören Schusswechsel. Letztens ist 50 Minuten vor Vorstellungsbeginn eine Autobombe hochgegangen - alle unsere Fenster waren zerbrochen."

Klima der Angst

Geprobt werden könne nur mittags, denn nach fünf Uhr sei es zu gefährlich, sich draußen aufzuhalten. Manchmal müsse die Gruppe auch wochenlang pausieren, erzählt sagt Khayoun:

"Als Regisseur ist man verantwortlich für das Leben der Leute, mit denen man arbeitet. Wir teilen sie immer in zwei Gruppen, zwei von uns schleusen sie durch die Stadt. Man hat die ganze Zeit Angst: kommen sie heil nach Hause? Es gibt kein Leben in Bagdad, wenn wir nicht versuchen, das Leben zu schaffen."

In Bagdad konnte "Die Fantasie eines Reisenden" erst dreimal aufgeführt werden, denn dort gibt es heute kein Theater mehr, auch keine aktuelle Kulturförderung.

Nur die dritte Vorstellung fand bei einer Konferenz für Kulturschaffende viel Publikum, erzählt die Schauspielerin Ikbal Naeem – die Gruppe wurde daraufhin nach Kairo zum Festival des experimentellen Theaters eingeladen, wo sie den ersten Preis gewannen.

Zwischen dem steifen, regierungstreuen Deklamationstheater unter Saddam Hussein und dem spielwütigen Improvisationstheater, das genau die Situation von heutigen Irakern reflektiert, liegen Welten. Wie konnte unter diesen schwierigen Bedingungen ein so anderes Theater entstehen?

Spiegel des irakischen Alltagslebens

"Wir haben ein Projekt, an dem wir arbeiten", meint Ikbal Naeem, "das ist die Energie, die uns laufen lässt. Wie ein Strommast, wie ein Licht, das uns antreibt. Das hilft einem, einigermaßen normal zu leben und Schönheit in all dem Hässlichen zu sehen und das innere Gleichgewicht zu behalten - und nicht die chaotischen und zynischen Gedanken siegen zu lassen. Und das müssen wir auch dem Publikum zeigen. Das Schlimmste wäre, wenn wir uns an den Tod gewöhnen würden und das richtige Leben vergessen."

Die Schauspielerin Ikbal Naeem meint, dass es auch die Gastspiele vom Theater an der Ruhr waren, die ihnen vor zwei Jahren Mut gemacht haben, sich in ihrer Arbeit mit der heutigen Situation des Irak zu beschäftigen.

Und so zeigt sich während der irakischen Theaterwoche in Mülheim auch: wenn es diese umstrittenen Gastspiele damals nicht gegeben hätte, hätten die heutigen Kontakte nicht entstehen können.

Mögen auch zwei kleine irakische Theaterensembles mit zehn Schauspielern, zwei Regisseuren und einer Autorin nicht viel sein als Theaterleben für ein Land mit 20 Millionen Einwohnern. Aber für das ungewöhnlich zeitgenössische und junge Theater scheint es trotz allem Hoffnung zu geben.

Dorothea Marcus

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

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