Interview Roya Sadat

"Uns fehlte fast alles"

Roya Sadat ist die jüngste Filmemacherin Afghanistans. Im Gespräch mit Fahimeh Farsaie berichtet sie über die Dreharbeiten zu ihrem ersten Film "Three Dots" und die Probleme, mit denen weibliche Regisseure und Schauspieler in Afghanistan zu kämpfen haben.

Roya Sadat; Foto: Filmhaus Köln
Roya Sadat: "Ich bin mir sicher, dass das afghanische Kino bald seine eigene Filmsprache entwickeln wird."

​​Ihren Namen muss man sich merken: Roya Sadat, geboren 1981 in Herat in Afghanistan. Ins Deutsche übersetzt bedeutet ihr Vorname Traum. Filmemacherin zu werden, war ihr inniger Traum, den sie trotz großer Schwierigkeiten verwirklicht hat.

Das cineastische Handwerk hat sich Roya Sadat durch Learning by Doing angeeignet. Theoretisch setzte sie sich mit den Geboten der siebten Kunst seit ihrer Pubertät auseinander. In diesen Jahren saß sie allein in einem kleinen Zimmer in Herat und las Handbücher übers Filmemachen, während die Taliban-Anhänger draußen mit aller Härte versuchten, ihr Land in eine film- und kunstfreie Zone zu verwandeln.

Unmittelbar nach dem Sturz dieses barbarischen Regimes nahm Roya Sadat Kontakt mit den wenigen afghanischen Cineasten auf, die in Kabul mit dem kulturellen Wiederaufbau in der Hauptstadt begonnen hatten.

Der Regisseur Siddik Barmak, der gerade mit der Realisierung seines mittlerweile weltbekannten Spielfilmes "Osama" beschäftigt war, fand Sadats Filmprojekte unterstützungswürdig, engagierte sie als Autorin für zwei Kurzfilme und vermittelte ihr die finanzielle Unterstützung einer japanischen Produktionsfirma für ihren längeren Film "Threee Dots - Se Noughta".

"Se Noughta" erzählt die traurige Geschichte einer allein stehenden Frau, Gul Afrooz, die in einem Dorf im Nordwesten Afghanistans lebt und versucht, ihre drei hilflosen Kinder durchzubringen. Obwohl sie sich mit ihrem Geliebten Firooz verlobt, wird sie gezwungen, einen alten Krieger, einen Khan zu heiraten.

Gefangen in traditionellen Strukturen, schickt sie der Khan als Drogenkurierin in den Iran. Das Unternehmen fliegt auf und Gul Afrooz wird verhaftet. Mit realistisch anmutenden Bildern schildert Sadat das bittere Schicksal dieser Frau, die vor Not, Elend, Dürre und Hunger flieht und am Schluss in einem Gefängnis im Iran landet.

Ist das Leben Gul Afroozs exemplarisch für die afghanischen Frauen, die auf dem Land leben?

Roya Sadat: In der über sechsjährigen Dürrezeit waren gab es viele mittellose Frauen, die sich allein durchs Leben schlagen mussten. Sie waren nicht nur den Naturgewalten ausgesetzt, sondern auch der Willkür des Khans, des Befehlshabers in der jeweiligen Region. Von diesen Warlords wurden sie gezwungen, als Drogenkurierinnen zu fungieren.

​​Während des Drehs haben ihre Anhänger uns auch Schwierigkeiten bereitet. Am sechsten Drehtag zwangen uns einige bewaffnete Stammeskrieger, die Gegend zu verlassen. Sie meinten, wir seien Fremde und würden ihre Frauen negativ beeinflussen. In dieser Region gibt es nicht einmal Fernsehen. Die Stämme hatten keine Erfahrung mit einem Filmstab, bei dem Männer und Frauen zusammen arbeiten.

Wie sieht diese Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen in einem afghanischen Filmstab denn aus?

Sadat: Genauso wie in einem schlecht ausgerüsteten, nicht voll besetzten, unter mangelnder Professionalität leidenden Filmteam in jeder Ecke der Welt. Nur Mut und Glaube hatten wir. Uns fehlte fast alles: Geld, Beleuchtung, professionelle Hilfeleistung. Ich musste zuweilen auch als Köchin fungieren! Ärger hatten wir reichlich, und zwar von Anfang an.

Wie sahen diese Schwierigkeiten aus?

Sadat: Zwei Jahre lang habe ich nur nach einer jungen Frau gesucht, die die Hauptrolle spielen sollte. Unter der Bedingung, dass Gul Afrooz im Film keine langen Dialoge mit den Männern führen dürfe, erklärte sich ihr Mann mit ihrer Rolle einverstanden. Nach zehn Drehtagen hatte er seine Meinung geändert: Gul Afrooz musste nach Hause. Sie hat aber weiter gespielt. Ohne ihren starken Willen und ihr Engagement wäre unser Projekt zum Scheitern verurteilt gewesen. Ihre Ehekrise hat sie danach ebenfalls gemeistert.

Ihr Film "Three Dots" lebt von einer Aura der Authentizität. Geht der Trend im afghanischen Kino in diese Richtung? Gibt es generell eine afghanische Filmsprache?

Sadat: Es ist zu früh, von dem afghanischen Kino zu sprechen. Es dauert noch eine Weile, bis es sich findet und sich definieren lässt. Die afghanische Filmsprache hat sich noch nicht entwickelt. Wenn man aber von dem objektiven Inhalt eines Filmes ausgeht, kann man vielleicht vom afghanischen Kino reden. Das heißt von Filmen, die sich mit der Wirklichkeit unserer Gesellschaft auseinandersetzen und sie schonungslos schildern, wie beispielsweise der Film Osama.

Tatsache ist aber, dass das afghanische Kino im Moment versucht, die Wirklichkeit zu zeigen statt sie zu inszenieren. Wir befinden uns zurzeit in einer Verarbeitungsphase, und daher beschäftigen wir uns eher mit der Realität, die leider aus Not, Elend und Ungerechtigkeit besteht.

Wird diese Entwicklung von außen beeinflusst, etwa vom iranischen Film?

Sadat: Sicher hat das iranische Kino eine längere Tradition als unsere und ist progressiver. Die afghanischen Filmemacher imitieren aber ihre iranischen Kollegen nicht. Außerdem haben Iran und Afghanistan, historisch gesehen, eine ähnliche Kultur und eine gemeinsame Sprache. Die ästhetischen Ähnlichkeiten sind vielleicht auf diese Gemeinsamkeiten zurückzuführen. Ich bin mir sicher, dass das afghanische Kino bald seine eigene Filmsprache und seine unverwechselbare Identität entwickeln wird.

Interview und Übersetzung: Fahimeh Farsaie

© Qantara.de 2005

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