Interview mit Yenny Zannuba Wahid

Religiöse Vielfalt statt Intoleranz

Yenny Zannuba Wahid, Tochter des früheren indonesischen Staatspräsidenten Abdurahman Wahid, leitet seit mehreren Jahren das Wahid-Institut in Jakarta, das sich für einen toleranten, pluralistischen Islam sowie für soziale Reformen in Indonesien einsetzt. Zaki Amrullah hat sich mit ihr unterhalten.

Yenny Zannuba Wahid, Tochter des früheren indonesischen Staatspräsidenten Abdurahman Wahid, leitet seit mehreren Jahren das Wahid-Institut in Jakarta, das sich für einen toleranten, pluralistischen Islam sowie für soziale Reformen in Indonesien einsetzt. Zaki Amrullah hat sich mit ihr unterhalten.

Yenny Zannuba Wahid; Foto: &copy www.zannubawahid.com
Wahid: "In der einfachen Bevölkerung wächst die Zustimmung und das Bewusstsein darüber, dass Toleranz und Vielfalt in Indonesien bewahrt und als Bestandteil des Erbes der Gründer unserer Nation erhalten werden müssen"

​​ Frau Wahid, Ihre Einrichtung setzt sich für Pluralismus und einen moderaten Islam ein. Welche Programme und Aktivitäten führen Sie durch, um ihre Ideen in der Bevölkerung bekannter zu machen?

Yenny Zannuba Wahid: Wir haben verschiedene soziale und bürgernahe Programme entwickelt, mit denen wir der einfachen Bevölkerung helfen wollen, so z.B. das Riyanto-Stipendium für Schüler bis zur 12. Klasse. Der Namensgeber Riyanto war Mitglied der Organisation Barisan Ansor und starb im Jahr 2000 durch eine von Terroristen gelegte Bombe, als er an der Bewachung einer Kirche teilnahm.

Damals befahl mein Vater Abdurahman Wahid der Barisan Ansor-Truppe, (einer paramilitärisch ausgerüsteten, multifunktionellen Hilfstruppe der muslimischen Organisation "Nahdlatul Ulama", deren Vorsitzender Abdurahman Wahid war; Anm.d.Übersetzerin), verschiedene Kirchen zu beschützen, weil es Bombendrohungen gegen mehrere Kirchen in indonesischen Großstädten gegeben hatte. Die Bomben sollten in Weihnachtspäckchen versteckt sein.

Auch in der Kirche, in der Riyanto seinen Wachdienst tat, wurden Weihnachtspäckchen angeliefert, und gerade als er ein Päckchen aussortieren wollte, ging eine Bombe hoch, die ihn tötete. Wir wollen daher an sein Wirken erinnern, weil es ein Vorbild für den Dschihad ist – und zwar nicht im engstirnigen Sinn, der nur zur Einschüchterung der Angehörigen anderer Religionen benutzt wird.

Sie leiten das Wahid-Institut nun seit fast fünf Jahren. Auf welche Akzeptanz stoßen Sie mit Ihrer Einrichtung bei der Bevölkerung?

Wahid: Ich glaube, die Akzeptanz ist sehr groß. Unsere Aktivitäten, vor allem die auf der Graswurzel-Ebene, werden mit viel Enthusiasmus aufgenommen. Sehr viele religiöse Führer sind involviert, nicht nur islamische Gelehrte, sondern auch Vertreter anderer Religionsgemeinschaften. In der einfachen Bevölkerung wächst die Zustimmung und das Bewusstsein darüber, dass Toleranz und Vielfalt in Indonesien bewahrt und als Bestandteil des Erbes der Gründer unserer Nation erhalten werden müssen.

Wenn die Haltung der Bevölkerung in dieser Hinsicht bereits so positiv ist, wie stehen dann die Chancen des Wahid-Institus, den Pluralismus im indonesischen Volk zu verankern?

Wahid: Meiner Meinung nach sind Pluralismus und Toleranz im indonesischen Volk tief verwurzelt. Als unser Land gegründet wurde, der Islam in Indonesien ankam, gründete diese Religion auf Überzeugung und nicht auf Gewalt wie in vielen anderen Ländern. Der Islam kam über den Handel und die Kultur und wurde positiv weiter entwickelt und angenommen.

Man denke nur an die walisongo, (die so genannten "Neun Heiligen", die als erste Botschafter des Islam in Indonesien durch den Bau von Moscheen und durch die Weitergabe der Lehre für seine Verbreitung sorgten; Anm.d.Übersetzerin), die sich lokale Kulturtraditionen wie das Figurentheater zu nutze machten, um die Lehren des Islam zu verbreiten. Das war Überzeugungsarbeit. Betrachtet man nun das Phänomen von kleinen Gruppen innerhalb der Gesellschaft, die intolerant sind, dann sollten wir alle uns fragen, woher eine solche Haltung rührt.

Einerseits heißt es, die Toleranz gegenüber Angehörigen anderer Religionen sei minimal, aber kann man nicht auch sagen, dass andererseits gerade die grenzenlose Toleranz eines Teils der islamischen Gemeinschaft den Raum dafür geschaffen hat, dass sich innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft radikale Ansichten entwickeln konnten, die schließlich den Terrorismus hervorgebracht haben?

Wahid:Es gab schon immer diese ultra-konservativen Gruppierungen, die den Wunsch hegen, Indonesien solle ein islamischer Staat werden. Einigen von ihnen – auch anarchistischen Gruppen – sind dafür alle Mittel recht, um ihre Ziele zu erreichen. Aber die Mehrheit der indonesischen Bevölkerung lehnt dieses Vorgehen ab.

​​ Das Wahid-Institut ist nicht die einzige Einrichtung ihrer Art. Viele andere, wie z.B. das "Netzwerk Liberaler Islam" (Jaringan Islam Liberal) beziehen eine vergleichbare Position. Wo liegen die Unterschiede?

Wahid: Zwischen dem Wahid-Institut und dem "Netzwerk Liberaler Islam" (JIL) gibt es einen entscheidenen Unterschied. Das "Netzwerk Liberaler Islam" neigt dazu, Wertvorstellungen durchzusetzen, die als tradiert gelten – darunter auch solche, die manche Menschen als radikal bezeichnen würden. Das Wahid-Instiut dagegen wird mit seinen sozialen und bürgernahen Programmen unmittelbar im Alltag der unteren sozialen Schichten aktiv.

Welche Methode, den Pluralismus zu verbreiten, wäre nach Ihrer Ansicht am besten für Indonesien geeignet?

Wahid: Die effektivste Methode wäre nach wie vor eine kulturelle Herangehensweise, die mit guten Mitteln und Überzeugungskraft arbeitet – genau wie es früher die walisongo getan haben. Das Wahid-Institut bemüht sich beispielsweise, durch Unterricht in einen direkten Dialog zur einfachen Bevölkerung zu treten. Abgesehen davon kümmern wir uns auch um ökonomische Probleme: Wir planen ein Programm zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Menschen, indem wir armen Personen Zugang zu günstigen Krediten verschaffen. Wichtig ist ebenso die Bildung. Wir halten jede Form von Bildung für eine vorrangige Investition auf dem Weg zur Verbreitung pluralistischer Ideale.

Doch gelingt es den radikalen Gruppen immer wieder mit bestimmten Themen, sich Gehör in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Besteht vor diesem Hintergrund nicht die Gefahr, dass die Ideen des Pluralismus, die das Wahid-Institut propagiert, dann weniger wahrgenommen werden?

Wahid: Diese Gruppen verpacken ihre Ideen geschickt und bieten Dialog-Konstrukte an, in denen alles entweder schwarz oder weiß gemalt wird. Als zum Beispiel über die Anti-Pornografie-Gesetze debattiert wurde, wurden alle, die sich dagegen aussprachen, als Unterstützer der Pornografie hingestellt. Ein anderes Beispiel ist die Diskussion, die gegenwärtig um die Polygamie geführt wird: In diesem Zusammenhang werden die Gegner der Polygamie als Befürworter ehelicher Untreue diffamiert. Dem Volk wird suggeriert, es gebe nur die Wahl zwischen Polygamie und ehelicher Untreue.

Mitglieder der islamistischen Hizbut Tahrir; Foto: AP
Extremistischen Gruppierungen, wie der Hizbut Tahrir, gelingt es immer wieder, sich mit radikalen Losungen in der indonesischen Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen.

​​Leider haben die Menschen in Indonesien manchmal nicht genug Zeit, um etwas genauer hinzuhören. Unser Volk entwickelt sich zu einem Volk von Fernsehzuschauern, das über alle Dinge nur oberflächliche Kenntnisse besitzt. Hierin sehe ich eine Herausforderung für die Zukunft.

Wie bewerten Sie die Rolle der Frauen in ihrer Kampagne für den Pluralismus?

Wahid: Frauen können in Indonesien zu Vermittlerinnen, um den pluralistischen Geist in der Gesellschaft zu befördern. Wenn eine Gesellschaft sich verschließt, sind die Frauen die ersten Opfer. In Aceh etwa wurden Frauen neuerdings wiederholt Opfer von Razzien, weil sie enge Jeans trugen.

Es scheint, als wären die Frauen in der Gesellschaft stets dafür bestimmt, die Hüterinnen der Moral zu sein. Aber das ist Unsinn, denn die moralische Qualität einer Gesellschaft hängt nicht vom Verhalten der Frauen ab, sondern von dem, was in den Köpfen der Menschen – Männern wie Frauen – vor sich geht. Deshalb ist die Einbeziehung der Frauen bei der Verbreitung des pluralistischen Gedankens von essentieller Bedeutung.

Worin besteht die größte Herausforderung für den Pluralismus in Indonesien?

Wahid: Das gegenwärtige Hauptproblem besteht in der sozio-ökonomischen Situation, insbesondere, weil die wirtschaftliche Lage der Bevölkerungsmehrheit noch unterhalb eines zumutbaren Niveaus steht.

Diese Situation stellt für bestimmte Gruppierungen eine Chance dar, Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, für ihre anti-pluralistischen Tendenzen zu gewinnen – etwa mit der Behauptung, Armut und Arbeitslosigkeit seien Ungerechtigkeiten, die von anderen Gruppierungen geschaffen wurden. Wir müssen uns dafür einsetzen, dies zu verhindern.

Die Anhängerschaft der größten islamischen Partei Indonesiens, der "Partai Keadilan Sejahtera" (PKS) wächst stetig. Das konnte man auch erneut bei den letzten Parlamentswahlen beobachten. Wie schätzen Sie dieses Phänomen ein? Haben Sie die Befürchtung, das Wachstum dieser Partei, die konservativ-islamische Werte propagiert, könnte die Kampagne für den Pluralismus in Indonesien behindern?

Wahid: Allgemein betrachtet ist es eher so, dass die Parteien, die die Islam-Plattform bilden, Wählerstimmen verlieren, während die nationalistischen Parteien insgesamt Stimmen gewinnen. Auch die PKS sah sich gezwungen, moderatere Sichtweisen anzunehmen. So stellt es sich zumindest in der Öffentlichkeit dar. Wie es hinter den Kulissen aussieht, weiß ich nicht. Immerhin greifen sie gegenwärtig Themen wie den islamischen Staat in der Öffentlichkeit nicht mehr auf. Sie scheinen also die öffentliche Meinung dahingehend zu interpretieren, dass Indonesien ein Rechtsstaat bleiben soll und kein islamischer Staat werden soll.

Hätte Indonesien das Potential dazu?

Wahid: Wenn Sie damit meinen, dass Indonesien von ultra-konservativen Personen mit radikalen Tendenzen beherrscht werden könnte – ja, das könnte durchaus passieren. Nach dem aktuellen politischen Trend zu urteilen, sind wir davon jedoch noch recht weit entfernt.

Interview: Zaki Amrullah

© Qantara.de 2009

Übersetzung aus dem Indonesischen von Hiltrud Cordes

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