Interview mit Tariq Ramadan

"Es gibt kein islamisches System, nur islamische Prinzipien"

Im Gespräch mit Claudia Mende wendet sich der muslimische Gelehrte und Reformdenker Tariq Ramadan gegen autoritäre Herrschaftsstrukturen im Islam und wirbt für ein modernes Glaubensverständnis auf der Grundlage einer Trennung von Staat und Kirche.

In Ihrem neuen Buch "Radikale Reform" schreiben Sie, Frauen sollten in den Moscheen und in theologischen Debatten präsenter sein als bisher. Sollten sie auch das Freitagsgebet leiten?

​​Tariq Ramadan: Wir sollten sehr vorsichtig sein, eine Diskussion über eine Funktion zu eröffnen, die im Islam keine wirkliche Autorität besitzt. Jeder kann das Gebet anleiten, man braucht keine Autorität, die etwa der eines Priesters entspricht. Im Islam ist es wichtiger für eine Frau, ein so genannter faqih zu sein, ein Jurist, ein Richter, eine islamische Gelehrte. In dieser Funktion bedeutet Autorität tatsächlich etwas. Doch abgesehen davon braucht man keine tieferen Kenntnisse des Islams, um das Gebet anzuleiten. Es reicht, den Koran auswendig zu können.

Aber die Frage besitzt doch hohen symbolischen Wert…

Ramadan: Das glaube ich nicht. Ich finde es besser, wenn ein Mann das Gebet anleitet, sobald Männer und Frauen zusammen beten, so wie es auch der vorherrschenden Gelehrtenmeinung entspricht. Das ist meine Position in dieser Auseinandersetzung. Mir sagt auch die Position des ägyptischen Muftis zu, der im Einzelfall keine Bedenken hat, wenn eine bestimmte Moschee sich für eine weibliche Vorbeterin entscheidet. Aber ich würde die Kontroverse über dieses Thema nicht forcieren, weil es heute wichtigere Themen gibt, wie zum Beispiel Bildung und Autorität in der Rechtsprechung sowie gesellschaftliche Verantwortung.

Zu den Rechtsangelegenheiten gehört zum Beispiel die Frage nach dem Erbrecht von Frauen. Traditionell erben Frauen nur halb soviel wie Männer. Was halten Sie davon?

Ramadan: Es gibt Verse im Koran, die ausdrücklich besagen, dass wenn es eine direkte Erbfolge gibt, Frauen die Hälfte des männlichen Anteils erhalten. Diese Regelung hat mit dem islamischen Ideal von Familie zu tun, wonach alle Muslime streben sollten – ein Ideal, das auf Stabilität und Gerechtigkeit in der Familie ausgerichtet ist. Die Realität sieht in den Familien heute jedoch oftmals ganz anders aus. Es gibt viele allein erziehende Frauen. Wir können die Koranverse nicht tilgen, aber wenn man sie mit dem Ideal der Gerechtigkeit verbinden will, dann ist es heute eine kollektive Aufgabe, solche Frauen zu entschädigen und ihre finanzielle Selbständigkeit zu unterstützen. Das sollte deshalb geschehen, um das Ideal der Gerechtigkeit nicht aufzugeben, anstatt die Verse wortwörtlich auszulegen, um scheinbar dem Islam treu zu bleiben, de facto aber Ungerechtigkeit zu schaffen.

Sehen Sie die neue Auslegung solcher Verse als eine Aufgabe des europäischen Islam an?

Ramadan: In meinem Buch geht es nicht um europäische islamische Theologie. Es enthält keine europäische Theologie, sondern richtet sich an alle Muslime in der Welt von heute.

Aber Sie sind doch ein europäischer Denker? ​​

Ramadan: Die religiöse Gewalt darf den Menschen nichts auferlegen, was sie mit ihrem eigenen Gewissen ausmachen. Aber der Begriff säkulare Gesellschaft ist im islamischen Kontext anders aufgeladen als im Westen. Säkularisierung meint im Westen, dass die katholische Kirche vom Staat unterschieden wurde, um einen Weg zur Religionsfreiheit zu ebnen. Das halte ich für einen wichtigen Prozess. In der islamischen Welt steht Säkularisierung in einem anderen Zusammenhang. Ihre Geschichte ist jünger und mit Kolonisierung und Diktatur verbunden. Alle muslimischen Führer, die mit diesem Konzept arbeiteten, waren keine Demokraten. Deshalb ist das Wort Säkularisierung als etwas Fremdes aufgeladen und suggeriert Kolonialismus. Wir müssen ein Konzept finden, das die Prinzipien voran bringt, ohne gleich Ablehnung zu provozieren, weil die Begriffe vorbelastet sind.

Heißt das, Sie akzeptieren die Trennung von Staat und Kirche?

Ramadan: Ich akzeptiere sie nicht nur, diese Trennung war im Islam von Anfang an angelegt. Muslimische Gelehrte haben die Bereiche von Bekenntnis einerseits und sozialen Angelegenheiten auf der anderen Seite unterschieden.

Aber islamische Staaten kennen diese Trennung nicht.

Ramadan: Bei ihnen handelt es sich nicht um islamische Staaten sondern um Dynastien oder im Fall Irans um Länder mit einer religiösen Autorität, die alle gesellschaftlichen Prozesse kontrolliert. Ich bin gegen solche Strukturen. Beide Ebenen müssen klar voneinander getrennt sein.

Sollte die letzte Entscheidungsgewalt beim Volk liegen?

Ramadan: Die Menschen sollen politische Entscheidungen selbst fällen. Das Problem ist, wie wir die Normen und das Rechtsgefüge organisieren. Ich rufe die Muslime dazu auf, mehr Kreativität zu entwickeln, damit wir ein gesellschaftliches System finden, das islamische Prinzipien respektiert, aber weder den Westen imitiert noch das, was derzeit in muslimischen Ländern passiert. Mit Euro-Islam habe ich nichts zu tun.

Aber was ist Euro-Islam dann für Sie?

Ramadan: Euro-Islam ist ein Begriff, den Bassam Tibi erfunden hat und den Journalisten gern benutzen. Ich denke nicht an neue Modelle, die aus Europa kommen. Sie könnten aus jedem Teil der Welt kommen. Wir haben kein islamisches Modell für Europa. Für europäische Muslime sind mir drei Dinge zentral: Sie sollten die Sprache sprechen, sich an die Gesetze halten und loyal zu ihren Ländern stehen. Schließlich sind sie Europäer.

Interview: Claudia Mende

© Qantara.de 2013

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