Interview mit Tariq Ali

"Diese Demokratie war nicht gemeint"

Der Publizist und Filmemacher Tariq Ali kritisiert die saudische Königsfamilie, die ihr Land nach Mafia-Art regieren würde. Die arabischen Scheichtümer seien 'imperiale Tankstellen', die ohne die Unterstützung des Westens nicht überleben könnten. Mit ihm sprach Tareq al-Arab.

 ​​Herr Ali, der Verleger und Chefredakteur von Deutschlands führendem intellektuellen Wochenblatt "Die Zeit", Dr. Josef Joffe, ist der Ansicht, die arabische Welt sei zurückgeblieben und hauptsächlich deshalb verarmt, weil sie nicht an der Globalisierung teilnehmen wolle. Teilen Sie diese Sicht?

Tariq Ali: Lassen Sie uns zur Abwechslung einmal einen Blick auf Saudi Arabien werfen: da ist die saudische Monarchie, der das Land zuerst von den Briten und dann von den Amerikanern überlassen wurde, militärisch unterstützt zunächst durch Großbritannien und schließlich durch die Vereinigten Staaten. Wie kann man die Bevölkerung der arabischen Halbinsel für die saudische Königsfamilie verantwortlich machen, die das Land führt wie ein Mafia-Clan? Diese kleinen Scheichtümer der arabischen Welt – imperiale Tankstellen – würden ohne die Unterstützung des Westens beseitigt. Oder Ägypten: Wie viele Milliarden Dollar erhielt Mubarak, um seine reaktionäre Regierung an der Macht zu halten, nur aus dem Grund, weil sie sich mit Israel arrangiert hatte. Was können die Ägypter dafür?

Spricht man mit den Menschen in Ägypten, so hört man die Forderung nach freien Wahlen. Es handelt sich um eine Marionettenregierung. Warum also zwingen die Vereinigten Staaten sie nicht zu freien Wahlen? Weil sie verlieren würden. Samuel Huntington nennt es das "demokratische Paradoxon": Gäbe es freie Wahlen in der arabischen Welt, so würden daraus überwiegend Regierungen hervorgehen, die den Vereinigten Staaten und der Art und Weise, wie ihnen das Öl abgepumpt wird, feindlich gegenüberstehen. Was würden ihre Ideologen dazu sagen? Es gäbe Demokratie und Regierungen, die die Kontrolle über ihr eigenes Öl einfordern. Sie müssten gestürzt werden, weil dies nicht die Demokratie wäre, die gemeint war. Das ist die Realität.

Natürlich gibt es in der arabischen Welt Regime, die ihr Volk unterdrücken, und ich streite nicht ab, dass die meisten Fehler – und das wird in meinen Büchern sehr deutlich - von den arabischen Führungen selbst gemacht wurden. Es geht nicht darum, dies zu bestreiten, sondern darum, die Rolle, die erst der britische und dann der amerikanische Imperialismus in der Region spielte, zu verstehen.

Sehen Sie eine neue Form der Fremdenfeindlichkeit in Europa?

Ali: Ja, ich denke, sie existiert, und sie ist das Ergebnis einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, die die gemeinschaftliche Solidarität in der westeuropäischen Gesellschaft geschwächt hat. Die Gewerkschaften sind viel schwächer als früher, kollektives Denken und Handeln stehen permanent unter Beschuss. Großbritannien steht in dieser Hinsicht am schlechtesten da, die Menschen werden eher aufgefordert zu konsumieren. Der Bürger wird durch den Konsumenten ersetzt, was zunehmend dazu führt – und das gehört zur Struktur des modernen Kapitalismus -, dass die Menschen ein unglaublich vereinzeltes Dasein führen. Man denkt nur noch an sich.

In dieser Atmosphäre steht man allem feindlich gegenüber, was das tägliche Konsumentendasein gefährden könnte. Menschen von außerhalb werden als Kontrahenten wahrgenommen. Wir leben in einer Welt, in der politische und militärische Sanktionen gegen Länder ergriffen werden, die den freien Markt nicht akzeptieren und in der der freie Kapitalfluss das Wichtigste ist, in der jedoch der Fluss der Arbeitskraft, der ebenfalls frei sein sollte, konsequent behindert wird: "Wir werden euch ausbeuten so gut wir können, ihr aber könnt nicht hierher kommen, um hier zu arbeiten, da dies unser soziales Gefüge bedrohen würde". Darauf ist zu antworten: "Was ihr macht, schadet dem sozialen Gefüge Lateinamerikas, Afrikas und weiter Teile Asiens".

Ist die Angst vor islamistischem Terror in diesem Zusammenhang nur ein Vorwand? Würde es Vorurteile und gar Rassismus gegenüber der arabischen Welt nicht auch ohne den islamistischen Terror geben?

Ali: Seit dem Ende des Kalten Krieges suchen insbesondere die USA nach einem neuen Feindbild, um Militärausgaben und die Unterstützung der Rüstungsindustrie rechtfertigen zu können, wodurch die amerikanische Wirtschaft und Politik in großem Ausmaß geprägt ist. In dieser Situation kommt es nicht überraschend, dass der 11. September dazu benutzt wurde, ein neues Feindbild aufzubauen. Jeder in der islamischen Welt weiß natürlich, dass es sich bei der islamistischen Terrorgruppe um Osama Bin Laden, die 3.000 bis 4.000 Personen umfasst, um einen sehr schwachen Feind handelt. Damit ist sie vielleicht dreimal größer als die Baader-Meinhof-Gruppe in Deutschland oder die Roten Brigaden in Italien.

Der einzige Weg, diesem Terror Herr zu werden, besteht in der Arbeit der Polizei. Länder zu besetzen, diese zum Feind zu erklären, die Bedrohung zu übertreiben: wem soll das letztendlich dienen? Ich sage es seit dem 11. September: Ohne dieses Ereignis hätten sie es vielleicht auch versucht, aber es wäre nicht so einfach gewesen wie jetzt, nachdem die Welt, die westliche insbesondere, den USA zeitweise absolut unkritisch gegenüberstand. Das hat sich erst durch den Irak-Krieg wieder geändert. Was bleibt, ist die Fremdenfeindlichkeit und die Stilisierung des Islam und der muslimischen Bevölkerung zu einer potentiellen Gefahr, die zwar dumm ist, die aber dennoch existiert. Daran gibt es keinen Zweifel.

Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit haben die Reformbewegungen in der islamischen Welt geschwächt. Gibt es trotzdem noch Gruppen, die an der Entwicklung einer Zivilgesellschaft arbeiten?

Ali: Ja, natürlich. In Pakistan hat es bereits häufig Wahlen gegeben, Wahlen gab es kürzlich auch in Indonesien. In der arabischen Welt gibt es eine lange Tradition der Literatur und Poesie, die dem Westen weit voraus ist. In gewisser Weise ist dafür die Unterdrückung, die die Menschen in den Untergrund treibt und so eine andere Denkweise erfordert, verantwortlich. Würden Sie heute ein Gespräch in einem Cafe in Damaskus, Kairo oder Bagdad einerseits, in einem Cafe in den USA andererseits aufnehmen und beide vergleichen, so würden Sie sehen, dass in den verschiedenen Teilen der Welt sehr unterschiedliche Dinge diskutiert werden. Die Menschen in den arabischen Ländern sind viel engagierter und kritischer als ihre Zeitgenossen in den USA und auch in einigen Staaten Westeuropas.

Man liest die Gedichte von Nizar Qabbani, Saadi Youssef oder Muzaffar al-Nawab, zeigen Sie mir Vergleichbares in der westlichen Welt. Ich möchte nicht zu weit gehen, aber was hat Enzensberger in den letzten 25 Jahren geschrieben? Nichts, zumindest nichts von Bedeutung. Stattdessen geht der Trend bei den westlichen Intellektuellen dahin, die jeweilige Regierung in der einen oder anderen Weise zu unterstützen.

Die Unabhängigkeit der westeuropäischen Intelligenz in den Sechziger- und Siebzigerjahren ist Vergangenheit. In Frankreich gab es Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoire. Wer ist heute der dort führende Intellektuelle? Bernard-Henry Levy, der sich den Interessen der französischen Außenpolitik unterordnet. All das muss berücksichtigt werden, wenn es um die Frage der Zivilgesellschaft geht und darum, wie sie funktioniert.

Wer sind die Reformer in der arabischen Welt?

Ali: Die einzigen Reformer, die im Westen registriert werden, sind westliche Handlanger, die Reformen des Freien Markts durchsetzen sollen. Das kann ich nicht akzeptieren, und ich glaube nicht, dass sie der arabischen Welt einen guten Dienst erweisen. In Syrien und im Irak gab es unter der Diktatur der Baathisten viele Probleme, das wissen wir. Es gab aber auch Gutes: Bildung für Frauen, die Integration der Frauen in die Gesellschaft, das Gesundheitssystem, besonders im Irak – vor den Sanktionen war es das beste in der arabischen Welt.

Die Frauen in Syrien sind sehr gut gestellt, gebildet, arbeiten als Ärzte und Lehrerinnen. Geht man heute durch die Straßen von Damaskus, so sieht man zahlreiche Frauen, die keine Kopftücher, dafür aber Kleidung aller Art tragen. Wie soll man das einordnen? Ich lehne diese Stereotypen über die islamische Welt ab, jedes Land hat seine unterschiedlichen Traditionen.

Wie stehen die Chancen für einen Erfolg der Reformbewegungen?

Ali: Viele gute Leute in den arabischen Ländern, z.B. Ägypten, sind demoralisiert durch die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre. Abgesehen von Individualismus und Konsumdenken besteht in dieser neoliberalen Welt die einzige Möglichkeit darin, kleine Nicht-Regierungsorganisationen zu gründen, die vom Westen finanziell unterstützt werden. Diese Leute könnten sich mit etwas Sinnvollerem beschäftigen, doch es werden ihnen hohe Gehälter dafür gezahlt, dass sie das Geschlechterverhältnis auf einer Baumwollplantage vor den Toren Kairos untersuchen. Das ist sicher interessant, aber ich bitte Sie: Akademiker der Universitäten sollten sich damit befassen anstelle von Nicht-Regierungsorganisationen. Man wirbt die Leute ab, so kann die Zivilgesellschaft nicht funktionieren.

Der Zivilgesellschaft würde es besser gehen, wenn diese Leute politische Organisationen gründen und so Alternativen zu den religiösen Gruppen und korrupten Regimes bieten würden. Das ist das große Problem der arabischen Welt in der heutigen Zeit. Den korrupten Regimes, die meist vom Westen unterstützt werden, stehen auf der anderen Seite die Islamisten gegenüber. Dazwischen gibt es nichts. Dieses Vakuum muss von den säkularen Kräften ausgefüllt werden. Ich habe immer gesagt, dass die Intellektuellen auf ihr Recht bestehen müssen, ebenso wie die Religionsgelehrten, diejenigen Texte zu analysieren und zu interpretieren, die gemeinsames Kulturgut Aller sind, die in dieser Region leben, um damit das Monopol der Geistlichen aufzubrechen.

Interview: Tareq al-Arab

© Qantara.de 2014

Tariq Ali ist Schriftsteller, Journalist und Filmemacher. Er wurde 1943 in Lahore, Pakistan, geboren und studierte in Oxford Politik und Philosophie. Seitdem lebt er in England und ist Mitherausgeber der New Left Review. Auf Deutsch liegen mehrere Bücher von ihm vor, u.a. "Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung" und "Bush in Babylon".

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