Interview mit Salwa Mikdadi

Für die Freiheit der palästinensischen Kunst

Palästina präsentiert sich zum ersten Mal auf der diesjährigen Biennale in Venedig mit einer stimmen- und spannungsreichen Ausstellung. Irmgard Berner hat sich mit der palästinensischen Kuratorin Salwa Mikdadi über Kunst aus Palästina unterhalten.

Palästina präsentiert sich zum ersten Mal auf der diesjährigen Biennale in Venedig mit einer stimmen- und spannungsreichen Ausstellung. Irmgard Berner hat sich mit der palästinensischen Kuratorin und Kunsthistorikerin Salwa Mikdadi über Kunst aus Palästina unterhalten.

Salwa Mikadi; Foto: Irmgard Berner
Salwa Mikadi: "Palästinensische Künstler sind frei, Künstler zu sein, ohne dabei eine bestimmte Rolle einzunehmen. Das gehört der Vergangenheit an!"

​​Frau Mikdadi, die erste Ausstellung Palästinas auf der Biennale geht auf Ihre persönlichen Initiative zurück. Wie kam es dazu?

Salwa Mikdadi: Sie ist letztendlich das Ergebnis einer längeren Zusammenarbeit. Als ich die Idee hierzu hatte, wollte ich eine Partnerschaft mit einem Künstler, Galeristen oder Kurator aus Venedig eingehen. Dann traf ich auf Vittorio Urbani, den Direktor der venezianischen Kunst-Assoziation Nuova Icona. Er begeisterte sich für das Projekt und wurde Kommissar der Ausstellung. Das Biennale-Komitee akzeptierte schließlich mein Bewerbungskonzept.

Zuvor habe ich mich jedoch versichert, dass wir die Finanzierung aus palästinensischen Quellen zustande bringen - die einzige Form der Finanzierung, die für mich in Frage kam. Wir fanden eine wunderbare Patronin, die palästinensische Kuratorin Rana Sadik. Auf diesem Wege wurde die Ausstellung nun eine wirklich palästinensische - eine unabhängige Repräsentation palästinensischer Künstlern.

Wie hätte die Finanzierung von anderer Seite ausgesehen?

Mikdadi: Zum Beispiel durch eine EU-Kunstförderung. Die europäischen Institutionen fördern laufend einen Großteil der Kunstprojekte in Palästina und vieles mehr in der Region - mit Ausnahme der Emirate und der Golfstaaten.

Welche weiteren Fördertöpfe aus Palästina gab es?

​​Mikdadi: Palästinensische Privatpersonen, die Khalid Shoman Foundation in Jordanien. Deren Direktorin ist Soha Shoman. Sie hat das Projekt wunderbar unterstützt, aber auch einige Wohlfahrtsorganisationen.

Es gibt viele gute Künstler in Palästina. War die Auswahl nicht schwierig? Und welche Kriterien waren Ihnen hierbei wichtig?

Mikdadi: Meine Grundkriterien bestanden nicht aus einem durchgängigen, konzeptuellen Thema, für das ich passende Künstler suchte, sondern einzelne Konzepte, die mich überzeugten. Ich kannte die Künstler und wollte auch sichergehen, dass sie in Palästina leben oder aufgewachsen sind. Deshalb kommen auch die wenigsten aus der Diaspora.

Insgesamt recherchierte ich über drei Jahre, führte Interviews und traf Künstler. Ich schaute mir die aktuelle Kunstpraxis in Palästina an, wie sie sich verändert, was neu ist. Ich wollte aufstrebende, junge und bereits international bekannte Künstler einbeziehen.

Renommierte Künstler wie etwa Mona Hatoum passen da nicht in Ihr künstlerisches Konzept?

Mikdadi: Nun, ich schätze und respektiere ihre Arbeit sehr. Aber hier geht es darum, was gegenwärtig in Palästina passiert. Es ist die erste Ausstellung und diese muss die aktuelle palästinensische Kunst repräsentieren. Und sie muss mehr als nur von Interesse für andere sein. Daran war mir sehr gelegen.

Emily Jacir stazione, 2008-2009, Proposal for a Vaporetto-Station, Digitalfotografie, Foto: © Emily Jacir - Courtesy of Emily Jacir
Die palästinensische Künstlerin Emily Jacir, die 1970 in Bethlehem geboren wurde und heute in New York lebt, präsentiert sich auf der Biennale mit ihrem Exponat "Proposal for a Vaporetto-Station".

​​ Inwiefern spielt der Aspekt der palästinensischen Identität eine Rolle?

Mikdadi: Identität diskutierte ich nicht mit den Künstlern, für sie ist das kein großes Thema. Sie alle wissen, woher sie kommen. Es gab wohl symbolische Kunst in der Vergangenheit, bezogen auf den kulturellen Stellenwert oder die Ikonographie, aber danach habe ich nicht gesucht. Und die palästinensischen Künstler sind frei, Künstler zu sein, so wie sie wollen, ohne dabei eine bestimmte Rolle einzunehmen! Das gehört der Vergangenheit an.

Glauben Sie, dass die Präsenz auf der Biennale das Bewusstsein für Kunst in Palästina verändern kann? Oder findet ein solcher Wandel bereits statt?

Mikdadi: Sie verändert sich bereits und ist definitiv ein großer Meilenstein für die Palästinenser. Man achte nur auf die vielen Ppalästinensischen besucher der Biennale auf den Straßen von Venedig - allein das ist bereits ein Erfolg was die Resonanz auf diese Initiative angeht. Glücklich waren wir auch über den Erfolg bei der Eröffnung, in Gegenwart unserer Botschafter aus Belgien, mit Luisa Morgantini und Vertretern der Stadt Venedig.

Gibt es in Palästina noch genug Raum, solch eine Kunst zu entwickeln - trotz der politischer Spannungen und auch Repressionen?

Mikdadi: Ja, warum nicht? Wie unser Dichter Mahmud Darwisch sagte: Wir können die sein, die wir sind, damit wir Freude und Spaß haben. Das heißt, Lieder schreiben, Gedichte, Humor. Warum muss alles in der palästinensischen Kunst eine Reaktion auf Israel darstellen?

Interview: Irmgard Berner

© Qantara.de 2009

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