Was muss sich ändern, damit sich indische Muslime in ihrem Heimatland nicht mehr wie Bürger zweiter Klasse fühlen?

Rehman: Es muss noch viel getan werden. Ganz unabhängig vom jeweiligen Glauben sollten alle fundamentalistischen Gruppen und solche, die sich an Hass-Kampagnen beteiligen, konsequent verboten werden. Die Justiz muss entschieden gegen alle Gewalttäter vorgehen. Indien braucht dringend neue landesweit gültige Gesetze - beispielsweise Gesetze gegen Gewalt und Diskriminierung im Kastenwesen und gegen die Lynch-Justiz.

Auch für Organisationen der Zivilgesellschaft gilt: Die Versöhnungsarbeit zwischen den beiden Gemeinschaften sollte oberste Priorität haben. Es müssen unbedingt Maßnahmen zur Vermeidung einer Ghettoisierung und zur Förderung des friedlichen Zusammenlebens ergriffen werden. Das würde neues Vertrauen aufbauen und Hass-Kampagnen den Boden entziehen.

Müssen Muslime unter Premierminister Narendra Modi um ihre Sicherheit bangen?

Rehman: Der Aufstieg von Premierminister Modi verkörpert eine neue Phase der Hindutva-Politik. Gleichzeitig gibt es viele Unterschiede zum Aufstieg der Bharatiya Janata Party unter Führung von L. K. Advani in den späten 1980er Jahren. In seiner Eigenschaft als Premierminister wendet sich Modi zwar nicht unmittelbar gegen die Muslime. Aber sein vielsagendes Schweigen zu Themen, die das Leben von Muslimen direkt betreffen, wie beispielsweise der Vigilantismus oder die Gewalt gegen Muslime wegen der vermeintlichen Entführung von Hindu-Frauen, wirft die Frage auf, wie er es mit der Verfassungstreue hält. Während er nach außen den Eindruck erwecken möchte, einen Balanceakt zu vollziehen, empfiehlt er sich nach innen als Führer der hinduistischen Rechten.  Ein solches Verhalten fördert unter den Muslimen die Angst und das Misstrauen gegenüber einem Indien unter der Führung des amtierenden Premierministers.

Modi könnte manches dagegen unternehmen.  Er hätte zum Beispiel die Familie von Mohammed Akhlaq aufsuchen können, der von den Mitbewohnern seines Dorfes gelyncht wurde, weil er angeblich Rindfleisch gegessen hat. Er hätte den Angehörigen sein Beileid aussprechen und ihnen den Schutz seiner Regierung vor weiteren Übergriffen zusichern können. Doch davon hatte er abgesehen. Und so verwundert es auch nicht, dass Muslime im heutigen Indien zutiefst verunsichert sind.

Das Interview führte Roma Rajpal Weiss.

© Qantara.de 2017

Mujibur Rehman ist Forschungsmitglied am "Dr. K. R. Narayanan Centre for Dalit and Minorities Studies/Jamia Millia Islamia", Neu Delhi, Indien.

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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