Interview mit Mahmoud Bakhshi-Moakhar

Märtyrerkult und Provokation

In seinen Installationen erschafft er Märtyrersymbole in Blut-Rot: Der Konzept-Künstler Mahmoud Bakhshi-Moakhar beschäftigt sich mit Symbolen des Gottesstaates und reagiert damit auf die gesellschaftliche Situation in seiner Heimat Iran. Carola Hoffmeister hat sich mit ihm unterhalten.

In seinen Installationen verwendet er die iranische Nationalfahne und erschafft Märtyrersymbole in Blut-Rot: Der Konzept-Künstler Mahmoud Bakhshi-Moakhar beschäftigt sich mit Symbolen des Gottesstaates – und reagiert damit auf die gesellschaftliche Situation in seiner Heimat Iran. Carola Hoffmeister hat sich mit ihm unterhalten.


Mahmoud Bakhshi-Moakhar; Foto: dpa
Mahmoud Bakhshi-Moakhar: "Es ist nicht leicht, unabhängig von der aktuellen Situation im Iran Kunst zu machen. Die Stimmung ist angespannt. Das liefert mir viele Ideen für meine Arbeit!"

​​Herr Bakhshi-Moakhar, im Iran herrscht Zensur. Können Sie dennoch regimekritische Arbeiten ausstellen?

Mahmoud Bakhshi-Moakhar: Man braucht vor jeder Ausstellung eine Genehmigung vom Kulturministerium. Die erhält man, indem man ein Foto mit dem Kunstwerk an die Behörde schickt – ohne Titel. Eine Erklärung ist meistens nicht nötig. Dann wartet man auf das okay. Ich hatte meistens keine Probleme, nur einmal wurde eine Ausstellung von mir geschlossen.

Warum?

Bakhshi-Moakhar: Die Ausstellung fand 2004 in einem Kulturzentrum von Teheran statt. Ich habe dort meine Installation "Air Pollution of Iran" gezeigt, Luftverschmutzung im Iran. Sie besteht aus acht gerahmten Flaggen der iranischen Nation – eine Zahl, die auf den achtjährigen irakisch-iranischen Krieg anspielt. Die Fahnen hatte ich in einem Laden in Teheran gekauft. Sie waren gebraucht und schmutzig. Ihre weiß-rot-grünen Streifen waren ergraut, Abgase waren tief in den Stoff eingedrungen.

Die Luftverschmutzung in Teheran ist immens. Doch der Betrachter versteht, dass es in Ihrer Installation nicht nur um Abgase geht. Man denkt auch an das verpestete Klima im Land…

Bakhshi-Moakhar: Ich erkläre meine Arbeiten nicht gerne.

Ich habe gelesen, dass Sie Ihre Fahnen auf das Dach eines Hochhauses gelegt haben, von dem aus man das Evin-Gefängnis sehen kann – einen Ort, in dem viele politische Oppositionelle einsitzen.

Bakhshi-Moakhar: Das habe ich auch gelesen, aber es stimmt nicht.

In Ihrer Wohnung in Teheran hängen Bilder, für die Sie die iranische Nationalflagge zerschnitten und mit Folklore-Stoffen vernäht haben. Das Symbol der Nation ist zerstört. Könnten Sie diese Arbeit dem Kulturministerium zeigen?

​​Bakhshi-Moakhar: Ich habe es nicht versucht. Doch die bildenden Künstler im Iran sind relativ frei. Wenn die Regierung jemanden von uns verhaften würde, würde uns das nur mehr Aufmerksamkeit bescheren. Die Leute würden dann neugierig werden und sich fragen, was diese Künstler machen. Die Regierung will das vermeiden und lässt uns gewähren. Die zeitgenössische Kunstszene in Teheran ist relativ klein. Niemand kümmert sich darum, was wir in den Galerien zeigen. Weder die Regierung noch die Öffentlichkeit.

Sie haben kürzlich an einer Gruppenausstellung in Teheran teilgenommen. Der Besucher kam in einen dunklen Raum, in dem Blumen aus rotem Neonlicht wachsen. Worum geht es in dieser Arbeit?

Bakhshi-Moakhar: Die Blumen sind stilisierte Tulpen. Sie haben einen Dreh-Mechanismus, den die Ausstellungsbesucher betätigen können. Die Form der Tulpe taucht im Zentrum der iranischen Staatsflagge auf. Sie ist eine vereinfachte Form des arabischen Wortes "Allah" und außerdem ein Symbol der Märtyrer.

In der persischen Mythologie gibt es den Glauben, dass überall dort, wo das Blut eines Kämpfers für sein Land vergossen wird, eine Tulpe wächst. Meine Installation heißt "Tulips Rise from the Blood of the Nation's Youth" – Tulpen, die aus dem Blut der Jugendlichen des Landes erwachsen. Der Titel bezieht sich auf ein berühmtes Gedicht, das den Märtyrern der Geschichte gedenkt.

Wandmalerein in Teheran; Foto: AP
Bis heute überall im Iran präsent: Die Vielzahl der Wandmalereien in Gedenken an die gefallenen iranischen Soldaten im Krieg gegen den Irak entstanden in den 1980er Jahren.

​​Nach der Präsidentschaftswahl, bei dem Ahmadinedschad Betrug vorgeworfen wurde, gingen viele Menschen für Mussavi auf die Straße. Einige würden getötet. Sie starben als Märtyrer. Die Wände der Galerie hatte ich mit schwarzem Tuch verkleidet, genauso wie wir es auch bei einer Beerdigung tun. Die meisten Märtyrer sterben anonym und ohne Bestattung, darauf wollte ich aufmerksam machen.

Die Islamische Republik huldigt einem Märtyrerkult. Davon ist in Ihren Arbeiten nichts zu finden...

Bakhshi-Moakhar: In Teheran sind die Häuserwände mit überlebensgroßen Märtyrern bemalt, mit bärtigen Kriegern, die inmitten von Tulpenfeldern stehen. Diese Bilder sind nach dem Krieg entstanden. Sie wirken wie Werbung und sind aus diesem Grund interessant für Touristen oder manche Künstler. Aber ich bin mit den echten Bildern vom Krieg aufgewachsen. Ich war zwei Jahre alt, als Khomeini aus dem Exil in den Iran zurückkehrte und die Islamische Republik ausrief. Ich war drei Jahre alt, als der Iran-Irak-Krieg begann. Ich bin mit den Familien aufgewachsen, die ihren Vater verloren haben. Was gibt es da zu verherrlichen?

Versteht denn der iranische Betrachter sofort die kritische Dimension Ihrer Arbeit?

Bakhshi-Moakhar: Ja.

Wie sind Sie darauf gekommen, das Emblem des Iran für Ihre Tulpen-Skulpturen zu nutzen?

Bakhshi-Moakhar: Diese Skulpturen sind nicht ungewöhnlich im Iran. Man findet sie auf öffentlichen Plätzen in jeder Großstadt. Ich reproduziere das Symbol in verschiedenen Materialen. Die Blumen lassen sich als Fortsetzung meiner Arbeiten über Flaggen und Luftverschmutzung verstehen. Denn auch bei den Flaggen geht es um Märtyrer. Es geht um Kriegstote oder die Menschen, die täglich an der Luftverschmutzung im Iran sterben.

Für eine andere Arbeit verwenden Sie die amerikanische Flagge als Fußabtreter...

​​Bakhshi-Moakhar: In der Islamischen Republik sind vor vielen Ministerien und öffentlichen Gebäuden amerikanische Flaggen auf den Boden gemalt. Wenn man das Gebäude betritt, muss man die amerikanische Fahne mit Füßen treten. Ein Akt der Erniedrigung, zu dem man gezwungen wird. Ich habe darüber im Prinzip einen Witz gemacht. Meine Fußabtreter sehen aus wie persische Handarbeit und könnten gleichzeitig von der Regierung in großem Stil industriell gefertigt werden.

Sie reisen viel für Ihre Ausstellungen. Sie stellen in der Schweiz aus, in Deutschland, Frankreich und England. Inspiriert Sie westliche Kunst und Formensprache?

Bakhshi-Moakhar: Ich liebe minimalistische Kunst. Aber mehr als westliche Künstler beeinflussen mich iranische Gedichte und der Sufismus, die islamische Mystik.

Vor der Präsidentschaftswahl im Iran haben 800 iranische Künstler Unterschriften für den Kandidaten Mussavi gesammelt. Haben Sie ebenfalls für Mussavi gestimmt?

Bakhshi-Moakhar: Ja, klar. Jeder hat für ihn gestimmt. Er ist ein Reformer wie Ex-Präsident Khatami. Seit Ahmadinedschad Präsident ist, müssen wir unsere Arbeiten dem Kulturministerium zeigen, bevor wir sie ausstellen können. Unsere künstlerischen Freiheiten wurden stärker eingeschränkt.

Glauben Sie, dass Sie in der Zukunft Themen auswählen, die sich weniger mit dem Iran beschäftigen?

Bakhshi-Moakhar: Es ist nicht leicht, unabhängig von der aktuellen Situation im Iran Kunst zu machen. Die Stimmung ist angespannt. Das liefert mir viele Ideen für meine Arbeit.

Interview: Carola Hoffmeister

© Qantara.de 2009

Mahmoud Bakhshi-Moakhar, 1977 geboren, lebt und arbeitet in Teheran. Er hat an der dortigen Universität Grafik studiert und Bildende Kunst mit dem Schwerpunkt Skulptur. Gruppenausstellungen machen ihn international bekannt und führen in nach Berlin, Paris, London, Athen und Peking. Die Ausstellung "Magic of Persia Contemporary Art Prize Finalists' Exhibition" in London zeigt vom 13. bis zum 17. Oktober auch Exponate von Bakhshi-Moakhar.

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