Interview mit Lina Attalah

"Ägyptische Medien sind PR-Agenturen des Militärs"

Die ehemalige Chefredakteurin der ägyptischen Zeitung "Egypt Independent" Lina Attalah kritisiert die zunehmende Pressezensur und Beschneidung der Meinungsfreiheit unter den Militärs. Ägyptische Medien seien heute in "einem sehr bedenklichen Zustand", warnt die Journalistin. Mit ihr sprach Jannis Hagmann.

Frau Attalah, zwei Tage bevor das Militär am 3. Juli den ehemaligen Präsidenten Mohammed Mursi entmachtete, titelte die ägyptische Tageszeitung Al-Ahram "Tritt zurück oder werde dazu gezwungen!" War das ein Signal für eine Zäsur was die die Situation der Medien in Ägypten angeht?

Lina Attalah: Nein. Als staatliche Zeitung ist Al-Ahram schon immer von Institutionen der Macht kontrolliert worden. Wenn Al-Ahram nicht von Quellen innerhalb des Militärs und anderer Institutionen wie dem Geheimdienstapparat gewusst hätte, dass Mursis Tage gezählt waren, hätten sie niemals diese Titelzeile gewählt. Das Militär hat schon immer die Medien kontrolliert, vor allem nach der Entmachtung Husni Mubaraks 2011.

Also haben es Mursi und seine Muslimbruderschaft nicht geschafft, die staatlichen Medien unter ihre Kontrolle zu bringen?

Attalah: Richtig. In Ägypten ist es der Schura-Rat des Parlaments, der die Chefredakteure der staatlichen Zeitungen ernennt. Er war von Muslimbrüdern und anderen Islamisten dominiert. Zwar haben sie einige Redakteure mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft ernannt, doch waren das nur kosmetische Eingriffe, die den Kern dieser Institutionen nicht erreichten. Bei Al-Ahram etwa hatte der neue Chefredakteur keinen wirklichen Einfluss. Insbesondere Al-Ahram ist eine sehr bürokratische Institution, in der nicht allein der Chefredakteur ausschlaggebend ist.
 

Ausgaben der Zeitung Egypt Independent (Quelle: Egypt Independet)
Spielball im Interessenskampf der führenden Redakteure und Geschäftsführer: "Egypt Independent hat sehr viel kritischer berichtet als die arabische Ausgabe namens Al-Masry Al-Youm", meint Lina Attalah.

Führen die Loyalitäten ägyptischer Medien allein zu verzerrter Berichterstattung oder kommt es vor, dass Zeitungen und Fernsehsender auch Nachrichten fälschen?

Attalah: Es kommt oft zu Fälschungen. Dabei wird auf umstrittene Gruppen wie etwa die Bewegung des 6. April abgezielt. Da diese Gruppierung nicht voll hinter dem Militär steht, versuchen einige Medien ihr Image zu beschmutzen. Das Hauptproblem ist aber, dass sich sowohl staatliche als auch private Medien zu PR-Agenturen des Militärs gemacht haben.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir wissen, dass es auf der Sinai-Halbinsel Angriffe auf Sicherheits- und Militäreinrichtungen sowie eine Militäraktion gegen die Angreifer gegeben hat. Doch die einzigen Informationen, die wir bekommen konnten, waren Mitteilungen des Militärs. Der wichtigste Reporter vor Ort, der den unmittelbaren Zugang zu der Geschichte hatte, wurde verhaftet und vor ein Militärgericht gestellt.

Sie haben die Nachrichtenseite "Mada Masr" gegründet, die vor kurzem berichtete, dass sechs Soldaten bei Selbstmordangriffen auf dem Sinai getötet worden seien. Wenn Sie den offiziellen Mitteilungen nicht trauen, woher erhalten Sie dann solche Informationen?

Attalah: In diesem Fall hatten wir die Information von der staatlichen Nachrichtenagentur. Aber wir haben sie verifiziert durch einige Bürgerjournalisten, die wir vor Ort kennen, und einen Lokalreporter, der noch nicht verhaftet ist. Wir sind eines der wenigen Medienunternehmen, die im vergangenen Monat auf dem Sinai waren, um das Bild des Terrorismus auf dem Sinai zu entzaubern. Wir sind mit einer Geschichte zurückgekommen, deren Tenor war: Ja, es gibt eine Terrorismusproblem auf dem Sinai, aber es ist nicht so gewaltig, wie es uns das Militär glauben lässt. Ich denke, wenn Mada Masr mehr Beachtung fände, hätten wir Probleme bekommen.

Anfang des Monats explodierte eine Autobombe in Kairo. Glauben Sie an die offizielle Darstellung, nach der Islamisten Innenminister Mohammed Ibrahim töten wollten?

Bombenanschlag im Stadtteil Nasr City, Cairo, am 5. September 2013; Foto: picture-alliance/dpa
Terrorismusbekämpfung als Vorwand und Instrument zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit: "Heute wird die Terrorbedrohung übertrieben. Es ist ein Narrativ des Sicherheitsapparats, um kritische Diskussionen über politische und soziale Rechte aufzuschieben", so Attalah.

Attalah: Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Wir haben versucht alles zu verifizieren, aber das war schwierig. In den letzten zehn Jahren war Terrorismus in Ägypten ein weitgehend gescheitertes Unterfangen. In den Neunzigern konnte der Sicherheitsstaat dem Terrorismus größtenteils den Boden entziehen. Heute wird die Terrorbedrohung übertrieben. Es ist ein Narrativ des Sicherheitsapparats, um kritische Diskussionen über politische und soziale Rechte aufzuschieben.

Im Juni haben Sie Ihren Job als Chefredakteurin der englischsprachigen Zeitung "Egypt Independent" verloren. Warum wurde die Zeitung geschlossen?

Attalah: Aus finanziellen Gründen, aber jede finanzielle Entscheidung hat einen politischen Aspekt. Egypt Independent hat sehr viel kritischer berichtet als die arabische Ausgabe namens Al-Masry Al-Youm. Dass Egypt Independent von den Interessen der führenden Redakteure und Geschäftsleute hinter Al-Masry Al-Youm unabhängig war, hat es zu einem leichten Opfer gemacht.

Aber warum wollte man ausgerechnet die kritischere englische Ausgabe einstellen?

Lina Atallah; Foto: privat
Lina Atallah studierte Journalismus an der Amerikanischen Universität in Kairo (AUC). Bevor sie als Journalistin für Al-Masry Al-Youm tätig wurde, schrieb sie u.a. für "Reuters", die Wochenzeitung "Cairo Times", "Daily Star", und den "Christian Science Monitor".

Attalah: Als Al-Masry al-Youm 2004 anfing, war die Zeitung noch sehr kritisch und ein wichtiger Teil der damaligen Protestbewegung. Aber als die Muslimbruderschaft im letzten Jahr an die Macht kam, hat sie den politischen Protest kontaminiert. Zeitungen wie Al-Masry Al-Youm positionierten sich gegen die Muslimbruderschaft und begannen, das alte Regime zu unterstützen. Egypt Independent aber war in diesen Machtdynamiken nicht interessiert, sondern wollte unabhängig und ausgewogen berichten. Das sind die politischen Gründe, über die niemand spricht…

…Doch Sie haben in der letzten Ausgabe von Egypt Independent versucht, dieses Thema anzusprechen.

Attalah: Wir wollten eine Schlussausgabe zum Thema Medien in Ägypten machen, weil die Schließung der Zeitung den sehr bedenklichen Zustand der ägyptischen Medien widerspiegelt. In der letzten Ausgabe ging es darum, wie ägyptische Medien als PR-Agenturen des Militärs fungieren, wie ihre Funktion auf alles andere als ehrliche Berichterstattung reduziert worden ist. Aber die Verantwortlichen von Al-Masry Al-Youm waren ziemlich dumm: Sie haben unser Redaktionssystem gehackt, den Inhalt gesehen und die Druckerei gebeten, die Ausgabe nicht zu drucken. Daraufhin haben wir sie nur online veröffentlicht. Aber wie so oft, wenn etwas zensiert wird, verbreitet es sich im Netz. Ich glaube, die Schlussausgabe von Egypt Independent war die meistgelesene überhaupt.

Anschließend haben Sie "Mada Masr" ins Leben gerufen. Wie viele Journalisten arbeiten dort?

Attalah: Es sind insgesamt 25 Personen, die alle von Egypt Independent kommen. Wir publizieren in Englisch, starten jetzt aber auch eine arabische Seite. Das war einer der befreienden Gedanken, als wir Egypt Independent verließen: dass wir selbst jetzt auf Arabisch berichten können. Wir hatten immer das Gefühl, dass sich unsere Arbeit nicht nur an Ausländer richtet.

Welches Geschäftsmodell steht hinter "Mada Masr" und wie stellen Sie Ihre Unabhängigkeit sicher?

Attalah: Die Idee ist, traditionelle Wege des Geldverdienens wie Werbung und kostenpflichtige Online-Inhalte mit einem weniger traditionellen Modell zu verbinden: Eine NGO zum Beispiel, die einen Bericht editieren will, kann dies bei Mada Masr machen lassen. Ein Forschungsunternehmen, das an einem Bericht über Menschenhandel arbeitet, kann Mada Masr mit den Forschungen beauftragen. Aber die Grundidee ist es, einen Fonds mit 50 bis 100 Investoren zu gründen. Es soll eine Art Beteiligungsunternehmen werden. Allerdings wird es keinen Ankerinvestor mit einem überwiegenden Anteil geben. Das ist uns wichtig.

Interview: Jannis Hagmann

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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