Interview mit Kay Sokolowsky

Rassismus im Gewand der Islamkritik

Der Medienkritiker Kay Sokolowsky warnt vor den negativen Folgen der zunehmenden Islamfeindlichkeit für das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen – und plädiert für Dialog und Aufklärung. Mit ihm hat sich Ramon Schack unterhalten.


Kay Sokolowsky; Foto: Martina Bendler
Sokolowsky: "Die Feindseligkeit gegen Muslime sorgt dafür, dass immer mehr Deutsche, die türkische oder arabische Wurzeln haben, sich abschotten, weil sie sich von der Mehrheitsgesellschaft verachtet fühlen"

​​In Ihrem neuen Buch "Feindbild Moslem" analysieren Sie die zunehmende Islamfeindschaft in unserer Gesellschaft. Handelt es sich bei diesem Phänomen um gewöhnlichen Fremdenhass im anti-muslimischen Gewand oder wirklich um eine neue xenophobe Grundhaltung, die sich ausschließlich gegen Muslime richtet?

Kay Sokolowsky: Alt ist der Fremdenhass, der sich hier manifestiert. Neu sind die scheinaufgeklärten Gründe, mit denen er sich auftakelt. Ein perfider Trick, der es auf den ersten Blick so aussehen lässt, als habe es mit Ausländerfeindlichkeit nichts zu tun, was die Muslimhasser treiben.

Es ist gesellschaftlich nicht konform, gegen "die Kümmeltürken", "die Kameltreiber" oder "die Knoblauchfresser" zu hetzen. Also weichen die Fremdenhasser auf Schimpfwörter wie "Mohammedaner", "Musel" oder "Kulturbereicherer" aus.

Wollten die, die am Feindbild Muslim bauen, tatsächlich nur vor fanatischen Islamisten warnen, würden sie nicht generell jedem Menschen, der türkische oder arabische Eltern hat, unterstellen, er sei ein potenzieller Selbstmordattentäter, ein "Ehrenmörder" oder Vorkämpfer der Scharia in Deutschland.

Den Muslimfeinden gilt jeder Mensch als mörderischer Islamist, der einen türkischen oder arabischen Nachnamen hat – ganz gleich, ob dieser Mensch an Allah, den Osterhasen oder an gar nichts glaubt. In dieser Generalisierung steckt pure rassistische Ideologie. Mit Kritik im eigentlichen und guten Sinne hat dies nicht das Geringste zu tun. Aber sehr viel mit dem bösen Wunsch zu diffamieren, auszugrenzen, Angst und Hass zu säen.

Was sind die Ursachen für die Entstehung dieses Feindbildes?

​​Sokolowsky: Die Motive sind dieselben wie bei jeder anderen Form des Rassismus: Hier wird ein Kollektiv von schlechten, minderwertigen, "unsere Kultur und Nation bedrohenden" Menschen konstruiert, damit der Rassist sich selbst erhöhen kann. Ohne sagen zu können, was ihn zu einem moralisch und intellektuell makellosen Wesen macht, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was denn die Überlegenheit seines Charakters und seiner Lebensführung ausmacht, definiert der Rassist sich positiv über all das Negative und Böse im Bild seines Feindes.

Wichtig ist dem Fremdenhasser allein, dass er selbst "nicht so" ist. Ob aber die Menschen, die er in sein Feindbild hineinpresst, tatsächlich "so" sind, überprüft der Rassist nicht. Er setzt es einfach voraus. Seine Ideologie ist hermetisch, für Fakten und rationale Argumente nicht erreichbar.

Warum hat das "Feindbild Moslem" so steile Karriere gemacht?

Sokolowsky: Das Feindbild Moslem hat sicherlich deshalb eine so steile Karriere gemacht, weil es die diffusen Ängste ausnutzt, die der Islam spätestens seit den Anschlägen vom 11. September im Westen auslöst. Hinzu kommt, dass die Deutschen – vier Jahrzehnte, nachdem die ersten Arbeitsmigranten aus der Türkei zu uns gekommen sind! – allmählich begreifen, dass die Einwanderer aus dem islamischen Kulturkreis hier bleiben wollen und bleiben werden.

Deutsche Musliminnen arbeiten am PC; Foto: AP
Gesellschaftliche Ausgrenzung: Frauen, die aus religiösen Gründen Kopftücher tragen, haben es erheblich schwerer als andere Frauen, einen Arbeitsplatz zu finden - ganz gleich wie qualifiziert sie sind.

​​Das führt zu Abwehrreaktionen bei denen, die immer schon fremdenfeindlich waren, aber auch bei denen, die sich eingebildet haben, das seien ja nur "Gast"-Arbeiter, Leute, die irgendwann wieder verschwinden werden.

Diese langjährige Ignoranz wird nun, da sogar die CDU eingesteht, Deutschland sei ein Einwanderungsland, von vielen Bürgern durch Feindseligkeit ersetzt.

Ihre Angst vor "dem Anderen" wird auch durch das zunehmende Selbstbewusstsein deutscher Muslime, das sich etwa bei der "Deutschen Islamkonferenz" oder beim Bau repräsentativer Moscheen äußert, befeuert. Dafür können die Muslime, die nur ihre Bürgerrechte einfordern, nichts. Doch die Publizisten, die bei jedem Moscheebau vom Untergang des Abendlandes phantasieren, sehr viel.

Ist die von Ihnen beschriebene Islamfeindschaft vergleichbar mit dem historischen Antisemitismus?

Sokolowsky: Ja. Die Muster und die Themen der Hetze gleichen sich bis aufs Haar. Der Muslimhasser unterstellt seinem Feind eine Weltverschwörung, die zum Ziel habe, alle Menschen unter die Knute des Islams zu zwingen. Er nennt die Muslime, die unter uns leben, "Fremdkörper" und "Parasiten", er unterstellt ihnen, pausenlos zu lügen, sich auf Kosten der "autochthonen" Bevölkerung schamlos zu bereichern. Er wird nicht müde, davon zu faseln, dass die Kultur und Religion der Muslime völlig unvereinbar mit "unseren westlichen Werten" seien.

Anschläge vom 11. September; Foto: AP
Das Feindbild Moslem hat sicherlich deshalb eine so steile Karriere gemacht, weil es die diffusen Ängste ausnutzt, die der Islam spätestens seit den Anschlägen vom 11. September im Westen auslöst, meint Sokolowsky.

​​Viele Muslimfeinde reden mittlerweile ganz offen von "Blutschande", wenn die Rede auf sexuelle Beziehungen zwischen "Christen" und "Muslimen" kommt. Immer häufiger wird auch das Schächten – das in der antisemitischen Propaganda der Nazis ein zentrales Thema war – abwertend gegen Muslime vorgebracht, als "Beweis" für ihre vermeintliche Grausamkeit und Primitivität.

Die strukturelle Verwandtschaft von Muslim- und Judenhass offenbart sich spätestens dann, wenn der Muslimfeind darauf hingewiesen wird, wohin die systematische Diffamierung einer Bevölkerungsminderheit in Deutschland schon einmal geführt hat. Dann fällt die Maske, es wird von der "Nazikeule" geplärrt und ganz offen der Holocaust geleugnet.

Aber es gibt doch Islamisten und Gotteskrieger, die von der Weltherrschaft träumen…

Sokolowsky: Ja, es gibt Muslime, die von der Weltherrschaft träumen und die die Menschheit mit ihrer islamistischen Ideologie beglücken wollen, notfalls gewaltsam. Eine jüdische Weltverschwörung hat es hingegen niemals gegeben.

Aber die Muslime mit Welteroberungsträumen sind eine Minderheit, die ihren Einfluss allein ihrem kompromisslosen, äußerst brutalen Fanatismus verdankt. Wer das verschweigt, unterscheidet sich kein Deut von Leuten, die glauben, die "Protokolle der Weisen von Zion" seien authentisch.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Unterschiede zwischen legitimer Islamkritik und offener Islamfeindschaft?

Sokolowsky: Legitim ist es, Hasspredigern zu widersprechen und auf der strikten Trennung von Staat und Religion zu beharren – die vielleicht wichtigste Errungenschaft der französischen Revolution. Legitim ist es auch, Praktiken wie die Zwangsheirat, die Unterdrückung der Frau oder die Verfolgung Andersgläubiger als voraufklärerisch zu benennen und als inhuman zu ächten.

Aber wie bei jeder Kritik sind auch hier vier Regeln zu beachten: Generalisierung vermeiden, die Menschenwürde achten, auf Fanatismus mit Vernunft antworten, Spekulationen mit Fakten widerlegen. Den Islamfeinden sind diese Regeln völlig gleichgültig. Sie hüllen ihren Rassismus in das Gewand der Islamkritik, um ihn zu verbergen.

Doch man muss nur einen kleinen Zipfel heben, und schon wird sichtbar, dass die Muslimhasser nicht kritisieren, sondern diskriminieren, dass die Realität des Islams ihnen völlig gleichgültig ist, weil sie ausschließlich an ihre alptraumhaften Phantasien glauben – jedes böse Gerücht über Muslime wird sofort geglaubt, jede gute Nachricht einfach ignoriert oder als "Lüge der Gutmenschen" verhöhnt.

Wann genau schlägt die legitime Kritik an islamistischer Ideologie in offene Islam-Feindseligkeit um? Wo soll man hier die Grenze ziehen?

​​ Sokolowsky: Sobald Angst vor dem Fremden, dem Fremdartigen an sich den Blick auf den Anderen zu trüben beginnt, schlägt die legitime Kritik an islamischer Ideologie sehr schnell um in offene Feindseligkeit. Das ist besonders gut und besonders erschütternd an dem Journalisten Ralph Giordano zu beobachten. Seit er vor einigen Jahren entdeckte, dass es militante Islamisten gibt, hat dieser verdiente Antirassist sich immer tiefer in rassistische Denk- und Sprechmuster verstrickt.

In seiner Angst vor dem Islam merkt er leider nicht, dass er mit seinen Polemiken fürchterlichen Schaden anrichtet und die Ausgrenzung der Muslime aus unserer Gesellschaft stärker betreibt, als es alle Kopftuchträgerinnen des Landes zusammen könnten. Denn für die Ideologen des Islamhasses ist der große Giordano als Galionsfigur ein wahrer Glücksfall.

Zu welchen gesellschaftlichen Folgen könnte eine wachsende Islamfeindschaft in Deutschland führen?

Sokolowsky: Ich fürchte, dass die Folgen längst da sind. In Niedersachsen lässt das Innenministerium verdachtsunabhängig Moscheebesucher kontrollieren. Akademiker mit türkischer Herkunft haben es so schwer, einen Job auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu ergattern, dass sie resigniert in das Land ihrer Eltern oder Großeltern auswandern.

Eine Frau, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch trägt, hat es erheblich schwerer als andere Frauen, einen Arbeitsplatz zu finden, ganz gleich wie qualifiziert sie ist. Eine Partei, die außer Islamfeindschaft kein politisches Programm zu bieten hat, sitzt jetzt schon im fünften Jahr im Stadtparlament von Köln.

Muslimfeindliche Polemiker genießen eine erheblich größere Aufmerksamkeit in den Medien als seriöse Migrationsforscher wie Werner Schiffauer oder aufgeklärte Muslime wie Navid Kermani. Gegen einen EU-Beitritt der Türkei werden vor allem kulturalistische Argumente vorgebracht – sachlich wird hier schon lange nicht mehr argumentiert.

Die zunehmende Feindseligkeit gegen "die Muslime" sorgt dafür, dass immer mehr Deutsche, die türkische oder arabische Wurzeln haben, sich abschotten, weil sie sich von der Mehrheitsgesellschaft verachtet fühlen. Dreiviertel der deutschen Bevölkerung fürchten sich vor "dem Islam". Und in einem Gerichtssaal in Dresden ist eine Frau allein deshalb ermordet worden, weil sie bekennende Muslima war.

Befürchten Sie das Entstehen einer dezidiert islamfeindlichen Partei in Deutschland, wie beispielsweise in den Niederlanden? Wäre solch eine Gruppierung erfolgreich?

Sokolowsky: Eine dezidiert islamfeindliche Partei gibt es mit Pro Köln und all ihren Ablegern wie Pro NRW ja bereits in Deutschland – freilich mit recht bescheidenen Erfolgen an der Wahlurne. Dagegen setzt die PVV in den Niederlanden nicht allein auf Muslimfeindschaft. Sie hat mit Geert Wilders einen außerordentlich charismatischen und redegewandten Chef im Angebot.

Geert Wilders; Foto: dpa
Geert Wilders, Vorsitzender der rechtspopulitischen PVV, ist für seine islamfeindlichen Ressentiments europaweit bekannt. Sein Anti-Islam-Film "Fitna" sorgte für gesellschaftliche Kontroversen.

​​ In erster Linie präsentiert die PVV sich als Partei für Gutverdiener, die es nicht mögen, Steuern zu zahlen und auch sonst dem Staat misstrauen. Die fremdenfeindlichen Parolen sind die Sahne auf dem Kuchen. Erst war die bürgerliche Basis da und dann die muslimfeindliche Propaganda.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass eine Partei, die hierzulande bereits fest verankert ist, sich über Muslimfeindschaft neue Wählerschichten erschließen könnte.

Auf jeden Fall wird die Muslimfeindschaft als Alleinstellungsmerkmal nicht genügen, um in Deutschland erfolgreich Wahlkämpfe zu bestehen. Aber ich kann mir leider vorstellen, dass eine dezidiert islamfeindliche Haltung den Ausschlag bei künftigen Wahlkämpfen geben könnte.

Sind Medien mitverantwortlich für die Ausbreitung anti-muslimischer Grundeinstellungen?

Sokolowsky: Unbedingt. Besonders hervorgetan hat sich dabei der "Spiegel" unter der Chefredaktion von Stefan Aust. "Allahs blutiges Land", "Allahs rechtlose Töchter", "Papst contra Mohammed", "Mekka Deutschland – die stille Islamisierung" – das waren nicht etwa ironische, sondern bitterernst gemeinte "Spiegel"-Titel unter Stefan Aust. Und die Geschichten dazu waren ebenso tendenziös und diffamierend wie die Titelzeilen.

Das hat einen kaum zu ermessenden Schaden in den Köpfen des Publikums angerichtet. Zum Glück hat der "Spiegel" seit Austs Entlassung diese angst- und wutgeprägte Fixierung auf "den Islam" aufgegeben. Aber der Schaden ist da. Und zu diesem Schaden haben alle Journalisten, die den "Spiegel" nicht kritisierten für seine fremdenfeindlichen Titel, leider beigetragen.

Wie kann man dem "Feindbild Moslem" am effektivsten entgegenwirken?

Sokolowsky: Durch Dialog, Begegnung und Aufklärung. Je besser die Deutschen mit deutschen Eltern ihre Mitbürger mit türkischen oder arabischen Eltern kennenlernen, desto weniger leicht werden sie auf das Gehetze der Muslimhasser hereinfallen. Statt ständig darauf zu schielen, wo sich die einen von den anderen Deutschen unterscheiden, sollten sie alle gemeinsam schauen, was sie verbindet.

Denn das ist viel mehr als das, was sie trennt. Muslime wie Christen denken nicht den ganzen Tag an Jesus oder Allah, sondern vor allem an ihren Arbeitsplatz, die Hypothek fürs Haus, die Erziehung der Kinder, die Reparatur des Autos, den Preis fürs Suppenhuhn.

Es sind die Hassprediger, die den Blick auf diese alltäglichen Gemeinsamkeiten verblenden wollen – die Hassprediger in den Hinterhofmoscheen und die Hassprediger in den deutschen Medien.

Interview: Ramon Schack

© Qantara.de 2009

Kay Sokolowsky: "Feindbild Moslem", Rotbuch-Verlag, Berlin 2009, 255 Seiten

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