Interview mit Juliano Mer Khamis

"Politisch gesehen bin ich ein Palästinenser"

Juliano Mer Khamis ist israelischer Schauspieler und Regisseur. Der Sohn eines Palästinensers und einer jüdischen Mutter leitet in Jenin ein Theater für Kinder und Jugendliche. Mit ihm sprach Igal Avidan.

Juliano Mer Khamis; Foto: Avi Levin
Der israelische Regisseur und Schauspieler Juliano Mer Khamis leitet seit Februar 2006 das "Freedom Theatre" in Jenin.

​​Juliano Mer Khamis' Mutter Arna gründete mit dem Begin der ersten Intifada 1987 im Jeniner Flüchtlingslager im Westjordanland vier Kinderhäuser, die Zuflucht vor Gewalt boten. Für das Projekt wurde sie 1993 in Stockholm mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Sie war auch die Gründerin des "Steintheaters", in dem Juliano Mer Khamis mit Kindern und Jugendlichen arbeitete. Nach ihrem Tod 1995 übernahm er die Leitung des Theaters, das zwei Jahre nach dem Ausbruch der zweiten Intifada, im Jahr 2002, jedoch zerstört wurde.

Mer Khamis' Dokumentarfilm "Arnas Kinder", mit dem er durch Deutschland tourte, porträtiert seine Mutter und einige Mitglieder des Friedenstheaters – zuerst als Kinder, später als Kämpfer. Im Februar 2006 gründete Juliano Mer Khamis das "Freedom Theatre" in Jenin erneut.

Wie entstand der Film "Arnas Kinder"?

Juliano Mer Khamis: In den 90er Jahren habe ich das 'Care and Learning'-Projekt meiner Mutter laienhaft dokumentiert. Diese Kurzfilme dienten der Spendensammlung und waren für unser Archiv bestimmt.

Später beschlossen die Produzentin Osnat Trabelsi und ich, einen Film über das Leben meiner Mutter zu drehen. Leider erhielt ich am gleichen Tag im Jahr 1994 sowohl die Mitteilung, dass der New Israeli Filmfund die Produktion fördern werde als auch die Nachricht der Ärzte, dass meine Mutter nur noch ein Jahr zu leben habe.

So wurde es ein Film über ihre Krankheit, statt über ihren Kampf. Weil ich sie damals pflegte, verlor ich jede Distanz, und ohne diesen Abstand konnte ich keinen Film machen.

Im Jahr 2001 spürte ich durch Gespräche mit meinen ehemaligen Theaterschülern im Flüchtlingslager von Jenin, dass sich dort etwas Unheilvolles anbahnte, besonders bei Yussef. Ich kaufte eine Kamera und eilte dorthin, verpasste Yussef jedoch. Er war bereits auf dem Weg zu einem Selbstmordanschlag in Israel.

Im Mai 2002 konnten Sie die letzten Tage des Kampfes im Flüchtlingslager Jenin erleben. Sie blieben vier Monate dort, lebten zusammen mit den palästinensischen Milizionären, die früher "Arnas Kinder" waren und jetzt die israelischen Soldaten bekämpften. Wie gefährlich war das für Sie?

Mer Khamis: Die Kämpfer wollten mich nicht in kriegerische Situationen bringen, denn sie wussten, dass ich keine Waffen tragen wollte. Einer meiner Alpträume war dennoch, dass ich zusammen mit ihnen in einer Wohnung bin, die von einer israelischen Sondereinheit umzingelt wird.

Was tue ich in einer solchen Situation? Sollte ich schreien: 'Ich bin jüdisch', mit hochgezogenen Händen hinausgehen und meine Freunde dem Sterben überlassen? Soll ich mich bewaffnen und mit ihnen zusammen kämpfen?

Welches Ziel verfolgten Sie mit diesem Film?

Mer Khamis: Die israelische Propaganda anzupacken, die die Palästinenser dämonisiert und entmenschlicht. Weil ich wusste, dass ich eine ungewöhnliche Geschichte des Selbstmordattentäters habe, baute ich den Film um ihn herum.

Kinder in Jenin nach der israelischen Invasion im April 2002; © http://www.arna.info/Arna/
"Es geht darum, diesen Kindern ein Stück Leben zu geben, ein Stück Normalität, ihnen einen Ort zu geben, an dem sie sich frei fühlen können."

​​Die Fragen, die ich durch den Film zu beantworten versuchte, waren, warum Yussef den Selbstmord suchte, warum Ashraf in den Kampf zog und warum Majdi beschloss, überhaupt nicht zu kämpfen?

Sie Sind seit Jahren ein bekannter Schauspieler in Israel. Gleichzeitig kämpfen Sie politisch vehement für ein Ende der israelischen Besatzung. Seit kurzem weigern Sie sich, in Israel als Künstler tätig zu sein. Warum ergreifen Sie vollkommen Partei für die Palästinenser?

Mer Khamis: Ich habe die Seite der Gerechtigkeit gewählt, weder eine Nationalität noch eine Religiosität. Politisch gesehen bin ich ein Palästinenser. Ich kämpfe mit den Palästinensern, aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Es ist nicht unbedingt meine Sehnsucht, noch einen Staat zu gründen mit einer zusätzlichen Polizei und Armee. Der palästinensische Befreiungskampf ist meiner.

Ich bin aber kein guter Jude, der den armen Arabern hilft. Ihr Kampf ist unser Kampf als Israelis. Wir haben eine eine gemeinsame Zukunft. Als jüdischer Israeli ist der Zionismus mein Feind ebenso wie ihrer. Dieser Konflikt ist Ergebnis des zionistischen Kolonialismus. Sich davon zu befreien, heißt, die Besatzung zu beenden, im Westjordanland ebenso wie in Haifa oder Nazareth.

Befürworten Sie einen gemeinsamen Staat für Juden und Araber?

Mer Khamis: Ja, ich unterstütze einen bi-nationalen Staat. Ich sehe keine andere Lösung des Konflikts. Die einzige Alternative ist ein faschistisches Apartheid-System, das zurzeit entsteht. Oder man lebt zusammen. Es ist praktisch nicht mehr möglich, zwischen beiden Völkern zu trennen, obwohl Israel alles in diese Richtung versucht – durch den Zaun und die Mauer.

Im Februar eröffnete das "Freedom Theatre". Welche Pläne möchten Sie damit realisieren?

Mer Khamis: Es geht darum, diesen Kindern ein Stück Leben zu geben, ein Stück Normalität, ihnen einen Ort zu geben, an dem sie sich frei fühlen können. Daher heißt es 'Freiheitstheater'. Sie sollten sich nicht nur von der Besatzung frei fühlen, sondern auch von ihren Eltern, von der Religion, von der täglichen gesellschaftlichen Unterdrückung.

Die einzigen Beziehungen, die die Kinder im Flüchtlingslager erleben, sind gewalttätig: mit den Eltern und den Soldaten und untereinander. Diese Gesellschaft wird unterdrückt, ist abgesperrt und sie verhungert.

Haben die Menschen im Flüchtlingslager Jenin unter solchen Umständen Interesse an Theater?

Mer Khamis: Sehr, sie sind sehr begeistert. Unser Anliegen ist es aber nicht, ein Theaterensemble zu werden, obwohl wir es uns wünschen. Uns geht es darum, diesen Kindern einen Ort der Freiheit zu geben.

Alle Aktivitäten konzentrieren sich darauf, die enormen menschlichen Schäden, die die Israelis angerichtet haben, zu beseitigen. Die Kinder haben Erinnerungs- und Konzentrationsprobleme, sie sind motorisch behindert, Elf- und Zwölfjährige machen noch in die Hosen, andere haben Probleme zu abstrahieren, andere wiederum stottern oder sie können keinen Satz bilden.

Das ist eine behinderte Generation, deren Schäden zuerst gelindert werden müssen, damit sie sich in naher Zukunft überhaupt künstlerisch ausdrücken können.

Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede haben das von Ihrer Mutter gegründete "Steintheater" – der Name weist darauf hin, dass die palästinensischen Kinder in der ersten Intifada Steine auf israelische Soldaten warfen – und Ihr Freiheitstheater?

Mer Khamis: Das Theater ist für uns beide in erster Linie ein Mittel im politischen Kampf. Durch die Bühnenarbeit werden die Kinder gestärkt, sie werden selbstbewusster und sie lernen. Wir hoffen, dass diese Kinder die Kraft haben werden, die israelische Besatzung zu bekämpfen.

​​Die wesentlichen Unterschiede liegen nicht in den Theaterhäusern, sondern in ihrer Umgebung. Der Diskurs zurzeit meiner Mutter war ein friedlicher, die Religion spielte kaum eine Rolle. Heute ist die Umgebung des Theaters religiös, nationalistisch und gewalttätig.

Das Freiheitstheater ist nicht nur frei von der Besatzung, sondern auch von der Tradition, der Religion und von der patriarchalischen und gesellschaftlichen Hierarchie, deren Opfer diese Kinder sind.

Inwieweit unterscheidet sich die Situation der Kinder im Flüchtlingslager Jenin in der zweiten Intifada von der in der ersten?

Mer Khamis: Die Kinder des "Steintheaters" waren die Helden der ersten Intifada, sie standen im Fokus der Weltmedien und sie spielten auch eine ökonomische Rolle. Die meisten Väter wurden verhaftet im Laufe dieses Aufstandes, sodass die Kinder die Ernährer waren. Zum Beispiel führten sie kleine Läden oder sie arbeiteten auf dem Markt.

In dieser bewaffneten Intifada haben die Kinder keine Rolle – weder als Kämpfer, noch ökonomisch, weil die palästinensische Wirtschaft zusammenbricht. Daher können sie ihrer Familie nicht helfen und sind eine schwere Last geworden. Der Soldat schlägt das Kind, sein Vater ebenso, sein Bruder, seine Mutter. Es erlebt tagtäglich die Gewalt, den Druck und die Armut.

Ein israelischer Kritiker schrieb über Ihren Film: "Wenn die Panzer kommen, sind die Kinder nicht mehr Arnas Kinder, sondern die Kinder Palästinas". Inwieweit ist die Hoffnung in Jenin mit dem Tod Ihrer Mutter 1995 gestorben?

Mer Khamis: Die Hoffnung lebt in Jenin weiter. Vielleicht hat gerade Arnas Tod sie zum Leben erweckt, weil sie sie in den Herzen der Menschen dort eingeprägt hat. Manchmal ist ein Toter mächtiger als ein Lebender.

Und Zacharia Zubeidi (der auf Israels Fahndungsliste ganz oben stehende Chef der Al-Aksa-Brigaden, des militärischen Arms der Fatah-Partei in Jenin; I.A.), der diese Bewegung führt, ist ein Produkt dieses Diskurses, den Arna mit ihrem Tod in Jenin hinterlassen hat.

Sonst hätte das "Freiheitstheater" nicht entstehen können. Denn es gibt im Flüchtlingslager großen Widerstand gegen jegliche Zusammenarbeit mit Israelis oder Juden, weil Israel unser Projekt ausnutzt, um zu zeigen, dass kulturelle Aktivitäten dort möglich sind. Sie zerstören alle anderen Institutionen in Jenin, tasten unser Freiheitstheater aber nicht an, weil darin Juden arbeiten.

Ende Februar haben Sie das Freiheitstheater eingeweiht. Wie funktionsfähig ist diese Institution?

Mer Khamis: Wir haben zwei Theatergruppen, die mit Psychodrama-Kurse beginnen, zwei Gruppen pro Woche. Täglich machen wir im Theater eineinhalb Stunden Theater, das wir 'das Theater der Unterdrückten' nennen.

Wir haben ein Computerzentrum, in dem die Kinder eine Zeitung herausgeben und eine Internet-Website fürs Theater gründen. Im Januar 2007 werden der Musikraum und die große Bibliothek eröffnet.

Wir behandeln zurzeit 200 Kinder pro Woche. Das sind die therapeutischen Aspekte des Projekts. Zusätzlich wird im Dezember ein Theatersaal mit 180 Plätzen eingeweiht, in dem regelmäßig Aufführungen für Erwachsene und Kinder stattfinden werden, hoffentlich irgendwann auch Inszenierungen des "Freiheitstheaters". Wir planen auch ein kleines Kino.

Und wer leistet diese Theaterarbeit in der abgeriegelten Stadt im Westjordanland?

Mer Khamis: Die Trainer sind alle aus Jenin und der Umgebung – Maler, Künstler, Computerfachleute. Im Januar 2007 kommen die ersten ausländischen Freiwilligen, eine Regisseurin, eine Tänzerin. In Deutschland organisiert sich eine Initiative, um Freiwillige für Kunstprojekte zu entsenden, die keine Arabisch-Kenntnisse brauchen. Später werden wir vielleicht Dolmetscher engagieren können. Wir haben große Träume.

Das Interview führte Igal Avidan

© Qantara.de 2006

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