Interview mit Imam Benjamin Idriz

Für ein friedliches Miteinander der Religionen

Flüchtlinge sind eine Bereicherung für Deutschland. Denn sie führen Nicht-Muslime und Muslime zusammen und eröffnen neue Chancen für den interreligiösen und innerislamischen Dialog, meint Benjamin Idriz, Imam im oberbayrischen Penzberg. Mit ihm sprach Michael Erhardt.

Stellt der Islam in Deutschland Ihrer Meinung nach nicht eher ein Hindernis bei der Integration von Bürgerkriegsflüchtlingen aus der muslimischen Welt dar?

Benjamin Idriz: Viele der Flüchtlinge, die vor Krieg oder aus anderen Gründen nach Deutschland fliehen mussten, kommen aus konservativ-religiösen Verhältnissen, aus einem dezidiert islamischen Umfeld. Somit hat der Islam in ihrem Leben natürlich eine Rolle gespielt. Hier in Deutschland treffen die neu angekommenen Bürger auf eine völlig neue Kultur und fremde Lebensstile. Nun gibt es hierzulande in der Flüchtlingsdebatte von nicht-muslimischer Seite Stimmen, die den Islam als Hindernis für die Integration bezeichnen. Aus diesem Grunde haben wir die Broschüre "Willkommen in Deutschland: Wegweisung für muslimische Migranten zu einem gelingenden Miteinander in Deutschland" entworfen, die sich meiner Ansicht nach in diesem Punkt von den meisten anderen Integrationsratgebern unterscheidet. Wir zeigen auf, dass die gesellschaftlichen Werte Deutschlands, wie beispielsweise die Demokratie, durchaus mit dem Islam kompatibel sind, und haben versucht, dies auch religiös zu begründen.

Auf welche Resonanz stießen Sie mit dieser Broschüre?

Idriz: Unserer Einschätzung nach ist die Broschüre gut angekommen. In weniger als sechs Wochen wurden 30.000 Exemplare verteilt. Und wir bekommen jeden Tag neue Anfragen: von Eltern, Behörden und verschiedenen Einrichtungen –  manchmal mit Bestellungen von über 5.000 bis 10.000 Exemplaren. Neulich wurden sogar über 100.000 Exemplare bestellt.

Auf welches Echo stieß die Broschüre bei den Flüchtlingen? Gab es da auch Ablehnung?

Idriz: Mir ist, Gott sei Dank, nichts bekannt – weder von muslimischen Helfern noch von Flüchtlingen. Ganz im Gegenteil.

In Deutschland gibt es mitunter Vorbehalte, dass ein konservativer Islam den eigenen Lebensstil einschränken könnte. Was sagen Sie diesen Menschen?

Gemeinsam gegen religiösen Extremismus: Der orthodoxe Erzpriester Apostolos Malamoussis (l-r), die Stadtdekanin Barbara Kittelberger, der frühere Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, der Imam Benjamin Idriz, Jan Mühlstein von der liberalen jüdischen Gemeinde, der Imam Belmin Mehic, und der Bischofsvikar des Erzbistums München und Freising, Rupert Graf zu Stolberg, stehen am in München bei einer Kundgebung zusammen, das das "Münchner Forum für Islam" unter dem Titel "Steh auf gegen Hass und Gewalt" veranstaltet; Foto: Tobias Hase/dpa
Gemeinsam gegen den Extremismus und Gewalt: Der orthodoxe Erzpriester Apostolos Malamoussis (l-r), die Stadtdekanin Barbara Kittelberger, der frühere Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, der Imam Benjamin Idriz, Jan Mühlstein von der liberalen jüdischen Gemeinde, der Imam Belmin Mehic, und der Bischofsvikar des Erzbistums München und Freising, Rupert Graf zu Stolberg, stehen am in München bei einer Kundgebung zusammen, das das "Münchner Forum für Islam" unter dem Titel "Steh auf gegen Hass und Gewalt" veranstaltet.

Idriz: Angst ist menschlich. Solange diese Angst unbegründet ist, ist es natürlich schwer, sie wirklich auszuräumen. Rational begründete Vorbehalte kann man durch Aufklärung gewiss rascher überwinden. In Deutschland leisten Menschen mit sehr guten Absichten eine wunderbare Arbeit für die Flüchtlinge. Für viele dieser engagierten Helfer ist es ein Novum, mit Muslimen aus vielen verschiedenen Ländern zusammenzukommen. In unserer Moschee riefen einige Helfer an und fragten, ob sie mit den Flüchtlingen gemeinsam zum Freitagsgebet gehen dürften. Das sind Menschen, die zum ersten Mal mit einer Moschee, einem anderen Glauben in Kontakt treten. So gesehen stellen die Flüchtlinge eine Bereicherung für Deutschland dar, da sie Nicht-Muslime mit Muslimen zusammenführen.

Haben Sie auch mit nicht-muslimischen Flüchtlingen zu tun?

Idriz: Natürlich sind unter den Flüchtlingen auch einige Nicht-Muslime. Ich kenne zum Beispiel zwei, die in Syrien zusammen mit Muslimen aufwuchsen, und natürlich auch in Deutschland weiterhin mit ihren Freunden zusammen sind. Einige kommen auch, weil sie den Service den wir für Flüchtlinge anbieten, beispielsweise freien Internetzugang, nutzen möchten. Wir machen grundsätzlich keinen Unterschied zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Flüchtlingen.

Die Muslime, die jetzt aus Syrien und dem Irak kommen, haben nicht alle dieselbe Glaubensausrichtung – darunter Schiiten, Sunniten, Alawiten. Gibt es in der Zusammenarbeit mit den verschiedenen muslimischen Glaubensgemeinschaften nicht auch Probleme?

Idriz: Ich kann natürlich nur von meinen Erfahrungen berichten: In meinen Predigten betone ich immer, wie wichtig der Zusammenhalt aller Muslime ist. Konfessionelle Konflikte sind einer der Fluchtgründe der Menschen. Wir dürfen daher einer Fortsetzung dieser Konflikte hier in Deutschland keine Chance geben. Wir müssen für die Zusammenarbeit der Konfessionen werben und auf die Werte hinweisen, die uns als Muslime in erster Linie verbinden. Die Moscheen in Deutschland bieten in dieser Hinsicht die Chance für ein neues Islamverständnis weltweit. Wenn in Saudi-Arabien, im Irak, in Syrien oder woanders Schiiten und Sunniten nicht in einer Moschee zusammen beten können, halten wir dagegen: Hier in Deutschland machen wir Muslime eine andere Erfahrung. Schiiten und Sunniten sind willkommen, in derselben Moschee beten – in gegenseitigem Respekt. In Deutschland herrschen Religionsfreiheit und Achtung gegenüber anderen konfessionellen Weltanschauungen, gleichwohl ob sie sich in Gebetspraxis oder Auslegung unterscheiden.

"Willkommen in Deutschland: Wegweisung für muslimische Migranten zu einem gelingenden Miteinander in Deutschland"; Foto: Hedwig Thomalla
Positive Resonanz: Laut Einschätzung des Penzberger Imams Benjamin Idriz in weniger als sechs Wochen 30.000 Exemplare der Broschüre "Willkommen in Deutschland: Wegweisung für muslimische Migranten zu einem gelingenden Miteinander in Deutschland" verteilt.

Würden Sie sich in Integrationsfragen generell mehr Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen und islamischen Einrichtungen wünschen?

Idriz: Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands haben wir Muslime eine besondere Aufgabe: Wir können Flüchtlingen den Weg ebnen, da wir selbst über Integrationserfahrung verfügen. Wir wissen, wie Integration in Deutschland erfolgreich funktioniert. Wir kennen die Pflichten in der deutschen Gesellschaft, und was sie fordert. Daher können wir eine Brücke zwischen deutschen Behörden und Flüchtlingen errichten. Die Behörden können mit islamischen Einrichtungen, Moscheegemeinden, muslimische Initiativen, Studenten und allen anderen, die sich engagieren wollen, kooperieren.

Gibt es etwas, was Sie sich von muslimischer Seite wünschen würden?

Idriz: In Bezug auf die Flüchtlinge wünschen wir uns noch mehr Engagement, als wir das bis jetzt gesehen haben. Es ist nicht die primäre Aufgabe einer Moschee, Integrationsarbeit für Flüchtlinge zu leisten. Aber innerhalb der Moscheegemeinden gibt es auch freiwillige Helfer, die vielleicht sogar aufgrund ihrer Englisch- und Arabischkenntnisse kompetenter sind als das ein oder andere Vorstandsmitglied der Gemeinden. Es könnten mehr Moscheegemeinden Initiativen entwickeln wie das Münchner Forum für Islam (MFI), das auch die Broschüre "Willkommen in Deutschland: Wegweisung für muslimische Migranten zu einem gelingenden Miteinander in Deutschland" herausgegeben hat. Neben dem Verein haben wir eine weitere Initiative gegründet, den "Helferkreis Münchner Muslime" (HMM). Diese Initiative richtet sich mit ihren Ideen und Programmen ausschließlich an Flüchtlinge. Andere Moscheegemeinden sollten meiner Meinung nach ebenfalls eigene Ideen entwickeln, um Menschen zu mobilisieren den vielen Flüchtlingen zu helfen.

Das Interview führte Michael Erhardt.

© Qantara.de 2016

Benjamin Idriz ist Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg und Vorsitzender des "Münchner Forums für Islam e.V.", das die Broschüre "Willkommen in Deutschland: Wegweisung für muslimische Migranten zu einem gelingenden Miteinander in Deutschland" publiziert hat.

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