"Der Gebrauch der deutschen Sprache soll ausgebaut werden"

Der türkische Staat entsendet jährlich etwa 100 Imame und Prediger nach Deutschland. Wie sie auf ihre Aufgabe vorbereitet werden, darüber sprach Ariana Mirza mit Hasan Karaca, Deutschlandreferent des Türkischen Amtes für Religiöse Angelegenheiten.

Der türkische Staat entsendet jährlich etwa 100 Imame und Prediger nach Deutschland, um die rund 800 Moscheegemeinden der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) personell zu unterstützen. Wie diese Imame auf ihre Aufgabe in Deutschland vorbereitet werden, darüber sprach Ariana Mirza mit dem Soziologen Hasan Karaca, Deutschlandreferent des Türkischen Amtes für Religiöse Angelegenheiten, Diyanet.

Hasan Karaca; Foto Stephan Schmidt
"Meiner Meinung nach wäre es hilfreich, wenn mehr deutsche Staatsbürger türkischer Herkunft zu Imamen ausgebildet würden", meint Hasan Karaca

​​Herr Karaca, wie bereiten Sie die Imame auf Ihre Tätigkeit in Deutschland vor?

Hasan Karaca: Seit 2002 erhalten die Imame und Prediger neben ihrer theologischen Ausbildung auch eine Zusatzqualifikation durch einen Deutschkurs und landeskundlichen Unterricht.

Das Goethe-Institut organisiert einen obligatorischen viermonatigen Kurs mit ca. 400 Unterrichtsstunden. Seit vergangenem Jahr gibt es darüber hinaus ein Zusatzangebot der Konrad-Adenauer-Stiftung, die einen einwöchigen Intensivkurs in Sachen Landeskunde anbietet.

Am Pilotprojekt im vergangenen Jahr nahmen fünfzig Imame teil. 2007 werden alle hundert Imame, die im Anschluss nach Deutschland gehen, diese zusätzliche Intensiv-Schulung durchlaufen.

Der Aufenthalt der Imame in Deutschland ist auf vier Jahre beschränkt. Ist das nicht kontraproduktiv?

Karaca: Da haben Sie Recht. Aber das liegt an der Gesetzeslage in beiden Ländern. Das betrifft das Aufenthaltsrecht und andere Vorgaben. Die Minister beider Länder sprechen natürlich über diese Problematik, vielleicht gibt es da in absehbarer Zeit eine Lösung. Aber neben einem längeren Aufenthalt der türkischen Geistlichen sehe ich da auch eine weitere Perspektive.

Meiner Meinung nach wäre es hilfreich, wenn mehr deutsche Staatsbürger türkischer Herkunft zu Imamen ausgebildet würden. Und das am besten direkt in Deutschland. Ein diesbezügliches Pilotprojekt läuft derzeit an der theologischen Fakultät in Frankfurt.

Wenn das Schule macht, könnten wir tatsächlich strukturelle Veränderungen in Gang setzen. Wir hätten Theologen und Imame, die mit den Lebensbedingungen in Deutschland vertraut wären und deren Lehrpläne den hiesigen Verhältnissen angepasst werden könnten. Es gibt auch schon konkrete Anfragen zur Einrichtung solcher Ausbildungsgänge an anderen deutschen Universitäten.

Wie reagieren Sie auf die Forderungen, die Vorgänge in den Moscheen transparenter zu machen. Sind Predigten auf Deutsch vorstellbar?

Karaca: Predigten in deutscher Sprache sind durchaus angedacht. Man darf aber nicht vergessen, dass viele Gläubige nicht so gut deutsch sprechen. Deshalb sollten die meisten Predigten weiterhin auf Türkisch gehalten werden. Koran-Verse sowohl in deutscher als auch in türkischer Sprache vorzutragen, ist aber etwas, was wir uns sehr gut vorstellen können, und stellenweise auch bereits umsetzen.

Kurzfristig, vielleicht schon Ende dieses Jahres werden wir außerdem in einigen größeren DITIB-Moscheen Zusammenfassungen der Freitags-Predigt auf Deutsch anbieten können. Der Gebrauch der deutschen Sprache soll also auf jeden Fall ausgebaut werden.

Wie steht es um das Thema weibliche Imame?

Karaca: Weibliche Imame gibt es nicht. Sehr wohl aber muslimische Theologinnen und auch Predigerinnen. Zwei Predigerinnen haben am Intensivkurs letztes Jahr teilgenommen, eine der beiden ist auch schon in Deutschland tätig.

Sie haben gerade zwanzig Imame nach Berlin begleitet. Was hat sie hierher geführt?

Karaca: Die Konrad-Adenauer-Stiftung hatte uns eingeladen, um die Evaluationsergebnisse der Intensivkurse bekannt zu geben. Ich halte eine solche Evaluation für sehr wertvoll, weil man die Lehrpläne so viel besser modifizieren kann. Wir verfolgen die Feedback-Idee übrigens auch seitens DIYANET. Und auch DITIB ist interessiert.

Innerhalb der vier Jahre, die unsere Imame in Deutschland verbringen, werden zukünftig regelmäßige Treffen unter ihnen stattfinden. Diese Treffen sollen nicht nur dem persönlichen Austausch dienen. Anhand der Erfahrungsberichte wollen wir auch neue Inhalte für die Ausbildung konzipieren.

Fühlen sich die Imame durch die Schulungen in der Türkei gut vorbereitet? Oder kam es bei ihrem gemeinsamen Deutschlandbesuch auch zu Irritationen?

Karaca: Durch die insgesamt fünfwöchige Vorbereitung hatten sie schon eine recht genaue Vorstellung von Deutschland, die größtenteils auch mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Allerdings haben sich einige, die zum ersten Mal hier waren, die Architektur und das Straßenbild etwas abwechslungsreicher vorgestellt.

Als wir abends gegen zehn Uhr gemeinsam durch Berlin schlenderten, wunderten sich manche Teilnehmer auch darüber, wie menschenleer die Metropole im Gegensatz zu türkischen Großstädten wirkte. Einer aus unserer Gruppe brachte uns sehr zum Lachen als er meinte: "Hier in Deutschland sind ja abends nur noch Hunde und Imame auf der Straße."

Ariana Mirza

© Qantara.de 2007

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