Interview mit Hans Magnus Enzensberger

"Europa besitzt kein Copyright auf die Aufklärung"

Auf Einladung von Scheich Al Maktoum, dem Herrscher des Emirats Dubai, trafen sich namhafte deutsche und arabische Schriftsteller und Meinungsführer zum "arabisch-deutschen Kulturdialog". Zugegen war auch Hans Magnus Enzensberger. In den Mittelpunkt seiner Rede stellte er die Frage, ob es in der arabischen Welt einer neuen Aufklärung bedarf. Mit ihm hat sich Loay Mudhoon unterhalten.

Wir sind hier in Dubai Zeugen der Realisierung eines gigantischen Modernisierungsprojekts – allerdings ohne die Übernahme "westlicher Werte" wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Kann dieses Experiment auf Dauer gelingen? Und sollen wir uns mit dieser rein technischen bzw. administrativen Modernisierung von oben begnügen?

Hans Magnus Enzensberger: Wie man sehen kann, haben wir in der Golfregion, vor allem in Dubai, mit einem atemberaubendem Modernisierungsprojekt zu tun, das seinesgleichen sucht. Diese beschleunigte, in erster Linie wirtschaftliche Modernisierung, wird von den Herrschern forciert; und sie bringt zweifelsohne Öffnung in diese Länder und viel Eigendynamik, die sicherlich dazu beiträgt, dass auch moderne Werte in diese Region Einzug halten, wenn auch langsam. Im Falle von Dubai und seinem Herrscher, Scheich Mohamed bin Rashid Al Maktoum, haben wir es meines Erachtens mit einer Art "aufgeklärten Autokratie" zu tun. Insofern handelt es sich um mehr als technische Modernisierung.

Sie haben in Ihrem Eröffnungsvortrag betont, dass nur von der halben Wahrheit die Rede sein könne, wenn Europäer die Aufklärung für sich beanspruchen. Was meinen Sie damit genau?

Enzensberger: Wie man an den verschiedenen Bezeichnungen der Aufklärung ablesen kann, haben wir es mit einem sehr komplexen Phänomen mit verschiedenen Nuancen und Rahmenbedingungen zu tun, ja nach Land und Sprache. Die Aufklärung ist ein Menschheitswerk; sie schleppt ihre eigenen Widersprüche und Paradoxien mit sich. In meiner Eröffnungsrede wollte ich ins Bewusstsein rufen, dass die Europäer keine Art Copyright auf die Aufklärung besitzen, auch wenn manche im Okzident sich dabei auf das Vorbild der Griechen berufen. Bei den zahlreichen Versuchen vieler Europäer, die Aufklärung für sich zu beanspruchen, handelt es sich in der Tat bestenfalls um Halbwahrheiten.

Mein Anliegen bestand darin, daran zu erinnern, dass was der sogenannte Westen gerne vergisst,​​ ist die Tatsache, dass viele Jahrhunderte, bevor Hume und Lock, Diderot und Kant ihre epochalen Werke schrieben, die islamischen Zivilisation im arabischen Andalusien in voller Blüte stand. Das arabische Andalusien war zweihundert Jahre lang ein unvergleichliches Zentrum der philosophischen und naturwissenschaftlichen Forschung. Muslime, Juden und Christen trugen dort kritische Debatten über alle möglichen Fragen aus.

Dabei scheuten sie vor religiösen Kontroversen nicht zurück. Sehr wahrscheinlich wäre ohne ihre Vorarbeit die aristotelische Tradition erloschen. Dante und Nikolaus Cusanus, Giordano Bruno und Spinoza verdanken ihren islamischen Lehrern ebenso viel wie die moderne Astronomie, ihre Logik, die Optik, die Mathematik, die Medizin und nicht zuletzt die Poesie. Wie wir alle wissen, war dieser Blütezeit keine lange Dauer beschieden.

Da drängt sich die Frage auf, ob es angesichts des derzeitigen eher traurigen Bilds, das die islamische Kultur abgibt, einer neuen Aufklärung im europäischen Sinne bedarf?

Enzensberger: Was den Rückstand im islamischen und arabischen Raum anbelangt, so haben wir es mit bitteren Wahrheiten zu tun, insbesondere im Bildungsbereich. Die Zahl der Übersetzungen ins Arabische verdeutlicht diesen Zustand: Seit den Tagen des Kalifen Al-Mamun, also im Laufe von zwölfhundert Jahren, sind bis vor kurzem viel zu wenige Bücher ins Arabische übersetzt worden – nur so viele nämlich, wie im heutigen Spanien in einem einzigen Jahr erscheinen.

Angesicht dieser offensichtlichen Misere ist die Frage, ob die arabische oder gar die islamische Welt einer neuen Aufklärung bedarf, zweifelsohne von zentraler Bedeutung. Diese Frage kann jedoch ein Außenstehender nicht beantworten, denn das müssen die arabischen Denker, Dichter und Künstler selbst entscheiden. Meines Erachtens sollte jeder Kulturraum seinen eigenen Weg in die Moderne einschlagen. Die Vielfalt der Wege in die Moderne würde auch die menschliche Zivilisation insgesamt bereichern.

Adolf Muschg betonte auf der "deutsch-arabischen Dialog-Konferenz" in Dubai die Rolle der Kultur in den internationalen Beziehungen vor allem als Instrument der Annäherung und Völkerverständigung, da Kultur "revolutionäres Potenzial" besitze. Teilen Sie diese Ansicht?

Enzensberger: Die Tatsache, dass sich hier namhafte deutsche und arabische Schriftsteller und Meinungsmacher zum "arabisch-deutschen Kulturdialog" treffen, und miteinander über Gemeinsamkeiten, aber auch über unterschiedliche Positionen in seltener Offenheit reden, zeigt, dass Kulturschaffende einiges bewegen können – jenseits von Politik und Wirtschaft.

Wir können in diesen Begegnungen viel voneinander lernen und einfache Dualismen und Zerrbilder entlarven. Deutsche Autoren lernen hier bedeutsame arabischen Autoren kennen und erfahren zum Beispiel vom marokkanischen Autor Mohammed Abed al-Jabri, wie schwierig ist es, in den meisten arabischen Ländern, kritische Themen öffentlich kontrovers zu behandeln, weil die Tradition und die Staatsräson es verbietet. Was halten Sie von der friedensstiftenden Wirkung des Kulturaustausches im Sinne einer Vision friedlicher und globaler Wissensgesellschaft.

Enzensberger: Diese Frage ist von brennender Aktualität, und ich werde mich hüten, hier ein Fazit zu ziehen. Eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Begegnungen dieser Art können das gegenseitige Verständnis fördern – und somit das friedliche Zusammenleben prägen. Was den Kulturaustausch angeht, so erlaube ich mir einen Hinweis auf eine Tatsache: Jede Kultur verdurstet auf die Dauer, wenn sie sich selbst isoliert und auf den freien Gedankenaustausch verzichtet.

Interview: Loay Mudhoon

© Qantara.de 2008

Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren. Er studierte Germanistik und Philosophie, war zeitweise Rundfunkredakteur und Lektor. Er lebte einige Zeit in Norwegen, längere Zeit in Berlin, seit 1980 in München. Enzensbergers Werk, vor allem als Lyriker und Essayist, hat die deutsche Literatur seit den 60er Jahren mitgeprägt. Daneben stand eine umfangreiche Herausgebertätigkeit. 1965 gründete er die Zeitschrift "Kursbuch" (Herausgeber bis 1975), 1980 die Zeitschrift "TransAtlantik" (Herausgeber bis 1982), von 1985 bis 2004 war er Herausgeber der Reihe "Die Andere Bibliothek" (Eichborn Verlag).

 

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