Interview mit Gudrun Krämer

Mit rationalen Argumenten gegen die Islamfeindlichkeit

Die renommierte Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer nimmt über die Grenzen ihres Fachs hinaus an den öffentlichen Islam-Debatten teil. Für ihre Arbeit wurde sie 2010 mit dem Internationalen Forschungspreis der Gerda Henkel Stiftung ausgezeichnet. Nader Alsarras sprach mit ihr am Rande einer Veranstaltung in Berlin.

Prof. Krämer, über den Islam in Deutschland zu sprechen heißt meistens, und vor allem nach dem Buch von Thilo Sarrazin, über ein 'Problem' zu sprechen. Woran krankt Ihrer Meinung nach der Diskurs, wenn es um den Islam und Muslime in Deutschland geht?

Gudrun Krämer: Sie sprechen das "Problem mit dem Problem" völlig zu Recht an. Die Wahrnehmung ist in erster Linie durch Problemfelder gekennzeichnet. Man könnte darüber sprechen, welche Künstler muslimischen Glaubens die deutsche Kunstszene bereichern. Man könnte über Unternehmerinnen und Unternehmer sprechen, die – ob nun betont oder nicht - Muslime sind und die deutsche Unternehmerszene dynamisieren. Man könnte über deutsche Staatsanwälte, Lehrer, Professorinnen muslimischen Glaubens sprechen, und deren Beitrag zur deutschen Wissenschaft und Kultur herausstellen. Das wird aber offenkundig nicht als spannend genug empfunden.

Stattdessen geht es immer und immer wieder um dieselben Probleme, die sich letztlich auf ein Thema reduzieren lassen, nämlich das der Gewalt: Gewalt in der Familie, gegenüber Andersdenkende und Andersgläubige, sowohl in Deutschland und in den westlichen Gesellschaften als auch in der islamischen Welt. Dem kann man schon entgegentreten. Und ich denke, es gibt eine Strategie, die von Muslimen wie von Nichtmuslimen getragen werden muss. Sie sollte das Normale, das Nicht-Gewalttätige, sichtbar machen und zwar, ohne besonders zu betonen: "Schaut her, sie sind nicht gewalttätig", sondern in einer Form, die das muslimische Leben in Deutschland als Selbstverständlichkeit und damit als Normalität deutlich macht. Das ist nicht unbedingt schlagzeilenträchtig, aber es wäre aus meiner Sicht eine wirksame Strategie. Wie stark sind die Stimmen, die den Islam stets mit Desintegration, Armut und Gewalt verbinden?

Geert Wilders; Foto: dpa
Niederländischer Rechtspopulist Geert Wilders: "Ich halte diese rechtspopulistischen Strömungen in einem Europa, das sich seiner Aufgeklärtheit rühmt, in der Tat für sehr gefährlich und sehr beunruhigend. Sie sind es umso mehr, als sie zum Teil in der Mitte der Gesellschaft verankert sind", sagt Krämer.

​​Krämer: Wir haben es mit einer Mehrheitsströmung zu tun und mit anderen Stimmen. Die Mehrheit ist am lautesten und weder zu überhören noch zu übersehen, das wissen wir alle. Man muss ihr mit rationalen Argumenten entgegentreten, und zwar in den unterschiedlichen Medien und Sphären, namentlich in dem, was man gemeinhin "Alltag" nennt. Es ist aber nicht so, dass die gesamte Öffentlichkeit in diesem Lande einstimmig den Islam als Hort der Gewalt, als Bedrohung, als etwas Fremdes, Nicht-Integrierbares darstellt. Wir hatten heute Abend eine Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin mit mehr als Tausend Zuhörerinnen und Zuhörern – manche erkennbar muslimisch, andere nicht – die genau dieses nicht wollen. Es gibt eine andere Öffentlichkeit und andere Stimmen. Meiner Meinung nach wäre es unsere Aufgabe, diese anderen Stimmen noch hörbarer zu machen.

In letzter Zeit tauchen in vielen europäischen Ländern rechtspopulistische Strömungen auf, die den Hass auf den Islam schüren und die Angst der Menschen ausnutzen. Diese Strömungen werden immer salonfähiger. Geert Wilders macht es in den Niederlanden vor, ähnliches tut sich in der Schweiz und in Frankreich. Wie beunruhigend finden Sie diese Strömungen? Werden sie auch irgendwann in der Mitte der Gesellschaft ankommen?

Krämer: Ich halte diese rechtspopulistischen Strömungen in einem Europa, das sich seiner Aufgeklärtheit rühmt, in der Tat für sehr gefährlich und sehr beunruhigend. Sie sind es umso mehr, als sie zum Teil in der Mitte der Gesellschaft verankert sind. Das, was die Schweizerische Volkspartei (SVP) in der Schweiz propagiert, kommt nicht nur von den radikalen Rändern. Die Anhänger dieser Partei repräsentieren durchaus das, was man "gesellschaftliche Mitte" nennt. Sie sind nicht in jedem Punkt radikal, aber mit Blick auf den Islam und die Muslime, die sie als Bedrohung wahrnehmen und darstellen, sind sie es. Dem muss man ins Auge sehen und begegnen. Man muss diesen Tendenzen im eigenen Land, in diesem Fall in der Bundesrepublik Deutschland, entschieden entgegenwirken, und soweit man auf europäischer Ebene tätig werden kann, sollte man versuchen, das auch auf europäischer Ebene zu tun.

Niqab-Trägerin in Doha; Foto: Stephanie Doetzer/DW
"Die Vollverschleierung ist aus meiner Sicht eine Abgrenzung, die im Kontext meiner, also der deutschen Kultur, eine latente Aggressivität zum Ausdruck bringt", meint Krämer und lehnt den Gesichtsschleier in Deutschland ab.

​​ Nun gibt es in diesem Zusammenhang interessante Befunde. So habe ich mit Interesse zur Kenntnis genommen, dass die öffentliche Meinung in den Niederlanden, wo eine rechtspopulistische Partei sogar der Regierung angehört, weniger islamkritisch, wenn nicht sogar islamfeindlich ist, als Teile der öffentlichen Meinung in der Bundesrepublik, die solche Parteien derzeit nicht dulden würde. Wie spiegeln sich also die Existenz, die radikale Rhetorik und zum Teil auch die Politik rechtspopulistischer Parteien in der durch Umfragen ermittelten öffentlichen Meinung ihrer Länder wider?

Das ist zumindest mir noch nicht klar. Heute hat die Journalistin und Schriftstellerin Hilal Sezgin in der Podiumsdiskussion den Begriff "Islamischer Feminismus" in die Runde geworfen. In diesem Kontext stellt sich erneut die Frage nach dem Verbot des Schleiers in Europa: Kann man Menschen zu ihrem Glück zwingen, in dem man Gesetze zum Verbot des Gesichtsschleiers in öffentlichen Räumen erlässt? Greift man da nicht nur in Frauenrechte, sondern auch in grundlegende Menschenrechte ein, für die Europa eigentlich steht?

Krämer: Meines Erachtens kommen wir hier zu einer Frage, in der man eine Position hat, die man für sich selbst definiert und für richtig hält und vielleicht nicht bis ins Allerletzte rechtsphilosophisch begründen kann. Meine persönliche Überzeugung ist, dass gläubige Musliminnen das Recht haben, ihr Haupt mit einem Kopftuch zu bedecken, wenn sie meinen, dass sie das tun wollen oder sollen oder gar müssen. Ich glaube, dass eine europäische Öffentlichkeit das hinnehmen muss. Ich möchte in meinem Land jedoch keine Vollverschleierung sehen. Ich möchte nicht, dass mir eine Frau – oder, warum nicht, eines anderen Tages auch ein Mann? - in unterschiedlichen Situation gegenübertritt, ohne dass ich ihr, und gegebenenfalls auch ihm, ins Gesicht schauen kann. Das ist aus meiner Sicht eine Abgrenzung, die im Kontext meiner, also der deutschen Kultur, eine latente Aggressivität zum Ausdruck bringt. Das muss nicht überall so sein, vor allem dort nicht, wo die Vollverschleierung gängig ist; hier aber nehme ich es so wahr. ​​ Mich irritiert eine Auffassung, die letztlich darauf beruht, dass das andere Geschlecht eine permanente sexuelle Bedrohung darstellt, und sei es auch nur mit seinen oder ihren Blicken. Das möchte ich nicht in meiner eigenen Gesellschaft sehen. Und deshalb würde ich sagen: Es mag sein, dass damit die individuelle Entscheidung, in diesem Fall einer muslimischen Frau, eingeschränkt wird. Ich halte das aber für legitim, denn ich verbiete einer Frau ebenso, in der Öffentlichkeit barbusig herumzulaufen. Das ist ebenfalls eine Setzung, die rechtsphilosophisch, glaube ich, nicht ohne Weiteres zu begründen ist. Warum soll das nicht zulässig sein? Warum soll nicht eine Nudistenpartei auftreten und für dieses Recht plädieren? Da argumentiert man auch mit der Verletzung des Gefühls von Sitte und Anstand. Das aber beruht auf einer kulturell bedingten Setzung, die in einer anderen Gesellschaft vielleicht in ganz anderer Weise vorgenommen würde.

Für Ihre Arbeit als Islamwissenschaftlerin haben Sie vor Kurzem den Gerda-Henkel-Preis erhalten. Wie sehen Sie Ihre Rolle als Islamwissenschaftlerin in der Öffentlichkeit und als eine der Stimmen, die sich gegen das wachsende Misstrauen gegenüber Menschen islamischen Glaubens erheben?

Krämer: Es klingt nun recht pathetisch, wenn ich sage, dass ich als Bürgerin eine gewisse Verantwortung dafür empfinde, auf dem Gebiet meines Berufs – den ich mit einer gewissen Leidenschaft betreibe – öffentliche Debatten mitzugestalten. Ich will aber gleich hinzufügen, dass ich immer noch Wissenschaftlerin und damit beruflich ziemlich ausgelastet bin. Ich habe genug damit zu tun, mich ernsthaft mit unterschiedlichen Phänomenen des Islam und islamisch geprägter Gesellschaften zu beschäftigen, und kann mich nicht permanent als Public Intellectual, als öffentliche Intellektuelle, in die Diskussionen einschalten. Ich kann nicht gleichzeitig seriös forschen und lehren, mit all dem, was heute an der Universität von einem Hochschullehrer verlangt wird, und dann noch so systematisch in öffentliche Debatten eingreifen, wie das zum Beispiel ein Vollzeitjournalist tut oder ein politischer Aktivist. Da sind mir Grenzen gesetzt. Ich gehe zwar gerne auf einschlägige öffentliche Veranstaltungen, aber mein Hauptberuf ist es nicht, kontinuierlich die jeweils aktuellen Großdebatten zu kommentieren und zu begleiten.

Interview: Nader Alsarras

© Qantara.de 2011

Die Islam- und Politikwissenschaftlerin und Historikerin Gudrun Krämer ist Leiterin des Instituts für Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin und Direktorin der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies. Zu ihren Forschungsgebieten gehören Religion, Recht, Politik und Gesellschaft in der islamischen Moderne. Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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