Interview mit einem Überlebenden aus Suruç

"Freiheit ist alles, was wir wollen"

Im Hof des Amara-Kulturzentrums von Suruç wehen noch immer die Fahnen mit den 31 Gesichtern der Toten der türkischen Jugendorganisation SGDF. Hinter den zerbrochenen Fensterscheiben des Zentrums sitzt der 25-jährige Kurde Adnan und erzählt vom Terror des IS, der ihn erst aus Kobanê vertrieb und ihn im türkischen Suruç wieder einholte. Mit ihm sprach Fabian Köhler

Adnan, Du bist Mitarbeiter im Kulturzentrum von Suruç. Mittlerweile sind rund zwei Wochen seit dem blutigen Attentat vergangen. Wie ist es Euch seitdem ergangen?

Adnan: Wir erhalten derzeit viel Unterstützung – vor allem von Menschen aus anderen türkischen Städten, die uns helfen wollen. Auch kommen viele internationale Medienvertreter mit ihren Kamerateams zu uns. Wir versuchen weiter zu machen, auch wenn wir den Tag des Anschlags nicht vergessen können.

Wie hast Du das Attentat erlebt?

Adnan: Die Bombe explodierte gegen Mittag. Fünf Minuten zuvor befand ich mich auf dem Weg nach Hause, um Getränke zu holen. Es waren nur fünf Minuten. Dann habe ich die Explosion gehört, der Boden bebte. Ich dachte zunächst, dass irgendwo ein Transformator explodiert sei und bin zurück zum Kulturzentrum gegangen.

Ich habe den Anschlag viel schlimmer in Erinnerung, als man dies in den Handyvideos sehen konnte: Die Menschen schrien und liefen in Panik umher. Überall lagen Körperteile herum. Ich habe den Leuten dann zugerufen, dass sie wegrennen sollten. Ich komme aus Kobanê und weiß, dass die wirklich großen Bomben oft erst später explodieren. Die Terroristen warten bis von überall Leute herbeigeströmt kommen und zünden dann die noch größeren Sprengsätze. Als das zum Glück nicht passierte, haben wir die Verwundeten zu den Autos getragen und die Toten zugedeckt.

Habt Ihr im Kulturzentrum mit einem Anschlag gerechnet?

Zerstörtes Kulturzentrum in Suruç; Foto: Reuters
Spur der Zerstörung: Am 20.07.2015 explodierte ein Sprengsatz im Garten eines Kulturzentrums, wo sich Anhänger einer sozialistischen Jugendorganisation zu einer Pressekonferenz versammelt hatten. Rund 300 Jugendliche nahmen an dem Treffen teil. Nach Angaben der Organisation wollten sie ins benachbarte Kobanê reisen, um dort Hilfe zu leisten.

Adnan: Ja und Nein. Wir haben am 18. Juli ein großes Fest zur Befreiung Kobanês veranstaltet, wo viele Parteivertreter anwesend waren. Wir dachten, wenn der IS angreift, dann an diesem Tag. Aber eigentlich kann man sich so etwas nicht vorstellen. Zu uns kommen Leute, um über Politik zu sprechen, um zu helfen, sich zu treffen oder einfach nur, um zu lesen oder um sich zu erholen. Seit drei Monaten arbeiten wir daran, Leute hierher zu holen, die Kobanê wieder aufbauen wollen. Die Aktivisten hatten vor, dieses Spielzeug [zeigt auf die Spielsachen, die immer noch am Ort des Anschlags liegen] zu den Kindern in Kobanê zu bringen. Sie wollten nur helfen.

Hast Du eine Antwort auf die Frage nach dem "warum"?

Adnan: Warum sie uns töten? Weil wir Kurden sind. Doch wir sind keine Terroristen. Wir töten keine Zivilisten. Wir kämpfen für unsere Freiheit, die uns die Terroristen und die türkische Regierung nehmen wollen.

Wen vermutet Ihr hinter dem Anschlag von Suruç?

Adnan: Natürlich stammt der Terrorist aus den Reihen des IS. Die Frage ist allerdings: Wer hilft dem "Islamischen Staat"? Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie die Terrormiliz in die Türkei kommt – entweder über die syrische oder die irakische Grenze. Die Region Rojava im Norden Syriens wird von uns kontrolliert. Die YPG lässt sie nicht rein, die Peshmerga auch nicht, ebenso die irakische Regierung. Die Hintermänner sind diejenigen, die den IS schon immer mit Waffen und Geldern versorgt haben.

Die türkische Regierung erklärte jüngst, sie würde jetzt gegen Stellungen des IS vorgehen. Was halten Sie von dieser Ankündigung?

Adnan: Sie behaupten, den IS anzugreifen, doch in Wahrheit treffen sie uns. Über 1.000 kurdische Aktivisten wurden in den letzten Tagen in der Türkei festgenommen. Sie wollen einfach keinen kurdischen Staat in Rojava, der ihre Macht begrenzen könnte. Und der "Islamische Staat" hilft ihnen dabei. Warum hat der IS Kobanê angegriffen? Es ist eine ganz gewöhnliche Stadt. Es gibt dort weder Industrieanlagen noch Erdöl. Viel hängt damit zusammen, dass die Türkei keine kurdische Regierung an ihrer Grenze duldet.

Hast Du dich in Kobanê aufgehalten, als der IS die Stadt angegriffen hat?

Flüchtlingslager in Suruç; Foto: Getty Images
Flüchtlingselend in Suruç: Dort befindet sich eines der größten Flüchtlingslager für Syrer, die vor den Kämpfen in ihrem Land flohen. In dem im Januar eröffneten Camp leben rund 35.000 Flüchtlinge. Insgesamt flohen seit dem Beginn des Bürgerkriegs vor vier Jahren 1,8 Millionen Menschen aus Syrien in die Türkei. Die beiden Länder teilt eine 911 Kilometer lange Grenze.

Adnan:  Ja. Sie kamen mit der Botschaft: "Wir töten Eure Männer und Kinder und verkaufen die Frauen in Raqqa". Die Leute flüchteten von Dorf zu Dorf und riefen: "Achtung! Der IS kommt, rennt schnell fort!" Einer Freundin schnitten sie den Kopf ab und hängten sie an einen Baum. Einem anderen Freund von mir, sollen sie die Hände abgeschnitten haben, bevor sie ihn töteten. Aber wir haben seine Leiche nie gefunden.

Wie geht es Deiner Familie?

Adnan: Meine Familie lebte ebenfalls in Kobanê – meine Eltern, mein Bruder und meine beiden Schwestern. Mein Bruder starb im Kampf gegen den IS. Nach dem Anschlag auf seine Einheit bei der YPG blieb von seinem Körper nicht viel übrig. Nachdem ich ihn begraben hatte, haben wir Kobanê verlassen. Das war vor sechs Monaten. Meine Familie lebt jetzt in der Türkei. Nur meine Schwester hält sich noch in Kobanê auf. Derzeit sind wir mit dem Wiederaufbau der Stadt beschäftigt und wollen dann wieder zurückkehren.

Glaubst Du, dass man wieder zum Zustand der Post-Assad-Zeit und der kurdischen Selbstverwaltung in Rojava zurückkehren kann?

Adnan: Ich hoffe es. Die Menschen hatten vor Assad Angst. Aber wir wollen auch nicht die sogenannte Revolution, die uns ursprünglich Freiheit versprach, jedoch nur Zerstörung brachte und bei der es vor allem ums Geld ging. Wir wollen einen dritten Weg. Nachdem sich das Assad-Regime aus unserer Region zurückgezogen hat, haben wir die Polizeiwache übernommen und eine Regierung des Volkes eingesetzt. Auch fanden erste freie Wahlen statt. Es handelte sich natürlich um eine schwache Regierung, sie war unerfahren und machte viele Fehler. Aber das Leben wurde allmählich immer besser: Wir hatten Gemüse, Brot, alles. Und das Wasser holten wir aus dem Brunnen, ein Generator lieferte den Strom. Es war großartig.

Und dafür werde ich mich weiter einsetzen. Denn mein Großvater ist zu alt, um für unsere Zukunft zu kämpfen. Und auch meine Eltern können das nicht mehr leisten. Nur junge Menschen sind hierzu in der Lage – gemeinsam mit einer Regierung, der es egal ist, ob Du nun Türke, Araber oder Kurde bist. Eine Regierung, die dir nicht den Mund verbietet. Freiheit ist alles, was wir wollen.

Das Interview führte Fabian Köhler.

© Qantara.de 2015

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