Interview mit der Schriftstellerin Susan Abulhawa

Ein Gesicht Palästinas

Mit ihren Romanen "Während die Welt schlief" und "Als die Sonne im Meer verschwand" schaffte es die palästinensisch-amerikanische Schriftstellerin Susan Abulhawa auf die deutschen Bestseller-Listen. Die Geschichten erzählen vom Leid und Trauma, von Liebe und Lebensfreude der Palästinenser. Miriam Abdollahi hat die Autorin getroffen.

Der Erzähler in Ihrem neuen Roman "Als die Sonne im Meer verschwand" ist der Junge Khaled. Khaled hat das sogenannte Locked-In-Syndrom. Das bedeutet, dass er bei vollem Bewusstsein vollständig gelähmt ist. Warum haben Sie sich für Khaled als Erzähler entschieden?

Susan Abulhawa: Ich habe mich nicht für ihn entschieden. Khaled hat sich selbst gewählt. Die Erzählung begann als seine Geschichte, aber als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich mich mehr und mehr für die Frauen interessiert, die ihn umgeben - die Frauen aus seiner Familie. Und so wurde die Geschichte zu ihrer, sie wurden die Hauptfiguren des Romans. Khaled ist eher ein Nebencharakter, obwohl er gleichzeitig von zentraler Bedeutung ist. Er ist die unveränderliche Stimme, die die gesamte Erzählung zusammenhält.

Khaled ist für mich persönlich von großer Bedeutung, aber auch auf vielfältigen Ebenen für das gesamte Buch. Seine Figur wirkt im Zusammenspiel mit den anderen Charakteren und nimmt eine symbolische Rolle ein - für Palästina, Gaza und die Geschichte des palästinensischen Volkes. An einigen Stellen des Romans spricht Khaled über diese Verbindungen – zwischen den Lebenden und Toten, zwischen Geschichte und Zeit und besonders über jene Zeit, die nicht länger linear erscheint.

Seit Jahren wird in Europa über den Islam und das Tragen des Kopftuchs debattiert, wobei einige das Kopftuch als Symbol für religiöse Unterdrückung betrachten. Denken Sie, dass die Religion ein wesentlicher Faktor für die Unterdrückung der Frau darstellt?

Abulhawa: Nein. Ich denke zwar, dass Frauen unterdrückt werden, aber nicht, dass hierfür in jedem Fall die Religion verantwortlich ist. Menschen unterdrücken Menschen – und das tun sie auf vielerlei Art. Manchmal geschieht es im Namen einer Religion, fast immer jedoch im Namen des Patriarchats. Die Wahrnehmung des Kopftuches als Zeichen der Unterdrückung zeugt von einer bestimmten Art der Ausgrenzung und letztlich der Entmenschlichung von Muslimen. Es fehlt den Gegnern des Kopftuchs an menschlichem Einfühlungsvermögen und Verständnis dafür, was es bedeutet eine muslimische Frau zu sein.

Wir alle sind komplexe Individuen, Menschen voller Gegensätze. Das Leben einer muslimischen Frau ist da keine Ausnahme. Ich finde es daher tragisch, wenn Menschen in Europa sich ein Urteil über muslimische Gesellschaften bilden ohne irgendetwas über ihre Kultur oder ihren Lebensstil erfahren zu haben.

Denken Sie, dass Ihr Buch etwas an dieser Wahrnehmung ändern kann?

Abulhawa: Ich denke, dass Bücher im Allgemeinen etwas zum zwischenmenschlichen Verständnis beitragen. Sie schlagen Brücken zwischen Menschen. Bücher erzählen davon, was es heißt, ein Mensch zu sein, was das Menschsein ausmacht. Sie erzählen nicht, was es bedeutet, ein Europäer, Muslim, Amerikaner oder Araber zu sein. Bücher und besonders Romane haben die Macht, dies zu tun. Die Geschichte eines Landes, eines Volkes zu erzählen, ist so wichtig, so existenziell für jede Kultur. Denn deine Geschichte ist das Gesicht dessen, was du bist. Deine Bräuche, deine Erfahrungen und deine Ideen sind es, die dich zu dem machen, was du bist. Und der Weg dies auszudrücken und es der Welt zu zeigen, ist die Kunst.

Denken Sie, dass Autoren wie Sie auch eine Vermittlerrolle im Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel einnehmen können?

Abulhawa: Zunächst einmal handelt es sich hierbei nicht um einen Konflikt. Als Konflikt bezeichnet man, wenn sich zwei ungefähr gleichgestellte Parteien über etwas nicht einig sind. Kolonisierung, Kolonialismus und Neoliberalismus sind keine Konflikte. Sie sind Formen der Unterdrückung, der ethnischen Säuberung und Auslöschung. Und die Situation zwischen den Palästinensern und Israelis ist ein Fall von Siedlungskolonialismus und Apartheid. In diesem Prozess können wir keine Vermittler sein. Doch Literatur ist eine Facette deiner Gesellschaft. Und wenn du zu einem Volk gehörst, dessen Existenz verleugnet wird, dem die ganze Welt sagt "Ihr seid nicht real, ihr existiert nicht" wird das Schreiben deiner Geschichte und das Schaffen deiner Kunst zu einem Akt der Dekolonialisierung.

Was palästinensische Kunst und Literatur in diesem politischen Zusammenhang leistet, ist, unsere reine Existenz geltend zu machen, unsere Menschlichkeit und unsere Geschichte am Leben zu halten, die zu uns gehört und die uns bis hierher gebracht hat.

Haben Sie bei Ihren Lesungen Unterschiede zwischen dem Publikum in den Vereinigten Staaten und in Deutschland festgestellt?

Abulhawa: Auf jeden Fall. Zunächst einmal sind alle Menschen verschieden, doch es gibt einige Besonderheiten, die verschiedene Gesellschaften mitbringen. Ich denke, dass es in Deutschland eine gewisse Zurückhaltung und Angst gegenüber diesem Thema: Sie sind es leid, immer die Bösen zu sein. Und obwohl viele denken, dass es falsch ist, was Israel tut, herrscht trotzdem Angst davor, offene Kritik an Israel zu üben. Gleichzeitig ist das deutsche Publikum sehr empfänglich für meine Bücher. Und es ist wirklich schön, dass es hier eine richtige Lesekultur gibt. Ich denke, das macht eine Gesellschaft widerstandsfähiger.

Ich kann das wachsende Interesse auch an der Anzahl meiner verkauften Bücher in Deutschland ablesen und an den zahlreichen Menschen, die zu meinen Lesungen kommen, aber auch an den Fragen, die sie an mich stellen. Gewöhnlich handelt es sich um sehr fundierte Fragen. Manchmal komme ich an Orte, wo die Menschen sehr wenig bis gar nichts über die Geschichte der Palästinenser wissen und die Leute sehr einfache Fragen stellen. Nichtsdestotrotz sind sie fundiert und zeugen von echtem Interesse. Doch wenn es um die Rolle Israels geht, bleiben die Deutschen, die zu meinen Lesungen kommen, zurückhaltend.

Sie sind Mitbegründerin der Kampagne "Boycott, Divestment and Sanctions", die zu einem Boykott von Waren aus den besetzten palästinensischen Gebieten aufgerufen hat. Diese Kampagne und ähnliche Protestaktionen, die sich gegen die Politik der israelischen Regierung richten, werden häufig dem Vorwurf ausgesetzt, antisemitisch zu sein. Wie gehen Sie mit solchen Anschuldigungen um?

Abulhawa: Ich denke, dass der Antisemitismus-Vorwurf in solchen Fällen dazu missbraucht wird, um Leute mundtot zu machen. "Boycott, Divestment and Santions" ist eine Kampagne im Einklang mit geltendem internationalem Recht. Boykott stellt eine Form des gewaltlosen Widerstands dar, der auf eine lange und verdienstvolle Geschichte zurückblicken kann.Die Palästinenser wurden wortwörtlich von der Landkarte ausradiert. Alles, was wir hatten, wurde uns genommen. Unsere Geschichte wurde pervertiert, unser Essen wird als israelisch ausgegeben genau wie unsere Kleidung. Es ist für uns ein Kampf um unsere Existenz. Und die Entscheidung, die Welt damit zu konfrontieren und eine Boykott-Kampagne ins Leben zu rufen, ist eine Forderung nach Würde.

Wir wollen niemanden ins Meer jagen, wir wollen niemanden töten. Die Initiatoren der Kampagne fordern lediglich dasselbe Recht und dieselbe Würde für Palästinenser, in ihrem Heimatland zu leben wie es alle tun, die kommen und in unserem Land leben. Diese Forderung ist völlig rechtmäßig. Daher bleibt den Kritikern nichts anderes übrig als laut "Antisemitismus!" zu schreien, denn sobald dieses Wort gefallen ist, wird niemand mehr über etwas anderes sprechen.

Das Interview führte Miriam Abdollahi.

© Qantara.de 2017

Susan Abulhawa ist Autorin und Menschenrechtsaktivistin. Sie gründete unter anderem die Nichtregierungsorganisation "Playgrounds for Palestine", die bisher 20 Spielplätze in Palästinensergebieten und Flüchtlingslagern gebaut hat.

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