Interview mit der libanesischen Regisseurin Reem Saleh

Ein Stadtviertel als eine große Familie

Die libanesische Regisseurin Reem Saleh hat sich auf der diesjährigen Berlinale mit ihrer ersten Langfilmproduktion "Al Gami'ya" über den armen Kairoer Stadtteil Rod El Farag als große Hoffnung des arabischsprachigen Kinos präsentiert. Mit ihr sprach Ahmed Shawky.

Eine Libanesin dreht einen Film über ein Kairoer Stadtviertel – war das nicht schwierig? Wann haben Sie beschlossen, ihren ersten Film ausgerechnet über das Stadtviertel Rod El Farag zu machen?

Reem Saleh: So habe ich nicht gedacht. Das war eine spontane Sache. Es begann damit, dass ich mehrmals hintereinander dort war, um eine alte Freundin meiner Mutter zu besuchen. Sie war schwerkrank und ihre beiden Töchter haben versucht, mit einem Großteil ihres eigenen Lebensunterhalts für die Behandlungskosten aufzukommen. Jedes Mal traf ich sämtliche Nachbarn bei ihr an, alle halfen, entweder mit Essen oder mit kleineren Geldsummen. Selbst die Mittellosen setzten sich zu ihr, um sie moralisch zu unterstützen. Ich erlebte, wie die Leute alles gaben, was sie hatten. Die meisten konnten nicht mehr geben als ihre Anteilnahme. Ich hatte das Gefühl, es sei meine Pflicht, diesen Teil der Gesellschaft vorzustellen, dem wir oft Unrecht tun, indem wir uns ein falsches Bild von ihm machen. Klar sind sie arm. Aber sie haben Würde und Selbstachtung. Und sie halten zusammen. Das war der Ausgangspunkt für das Projekt.

Der Film trägt den Titel "Al Gami'ya" (wörtl.: "Die Gemeinschaft") als Hinweis auf die Solidarität in Rod El Farag. Doch er handelt auch vom Verhältnis der Leute zueinander, zu den Toten, zur Religion, zum Wert des Lebens – allen erschwerten Umständen zum Trotz. Wie sind Sie auf den Titel gekommen? Wie viele Stunden Filmmaterial hatten Sie am Schluss und wie lange hat das gedauert?

Saleh: Es war schwer, einen Erzählstrang zu finden, der den Film zusammenhält. Man kann einzelnen Geschichten nachgehen, um dann lauter lose Enden zu haben, sodass der Film selbst auf der Strecke bleibt. Weil ich den Ort und die kulturellen Gegebenheiten kannte, habe ich mich sehr früh dafür entschieden, dass "die Gemeinschaft" oder das gemeinsame Sammeln von Geld das Bindeglied zwischen den Geschichten und dem Leben der Menschen sein soll. Das hat mir geholfen, eine abgeschlossene Handlung erzählen zu können.

Filmplakat "Al Gami'ya" (engl. Fassung "What comes around")
Über sechs Jahre begleitete Reem Saleh die Menschen in dem verarmten Stadtteil Rod El Farag. In ihrem Film "Al Gami'ya" zeigt sie deren täglichen Überlebenskampf und lässt sie zu ihrem Umgang mit Tradition, Krankheit und Sterben zu Wort kommen.

Ich habe den Film über sechs Jahre hinweg gedreht. Am Schluss hatte ich eine Unmenge Material zusammen. Einiges davon hatte mit politischen Ereignissen zu tun. Ich hatte jedoch frühzeitig beschlossen, die entsprechenden Aufnahmen nicht zu verwenden.

Es blieb nur der Weg, möglichst viel zu filmen. Ich habe die Leute nicht dirigiert oder sie gebeten, über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Ich habe einfach nur gewartet, um irgendwann einen natürlichen Augenblick zu erwischen, das Vertrauen der Leute zu gewinnen und durch sie Informationen zu erhalten. Das erforderte intensive psychologische Arbeit und zwang mich, die Szenen zu nehmen wie sie waren, um sie dann entweder im Film zu verwenden oder auch nicht. Ich habe deshalb zunächst stundenlang Interviews mit den Leuten gefilmt, wusste aber von vornherein, dass ich sie nicht in den Film einbauen werde. Es ging mir bloß darum, den Leuten den Respekt vor der Kamera zu nehmen.

Die Ägypter reagieren allergisch auf Kameras, vor allem auf Kameras von Nichtägyptern. Wie haben Sie diese Hürde überwunden?

Saleh: Von dem, was ich während des ersten Jahres gefilmt habe, habe ich so gut wie nichts verwendet. Nach etwa acht Monaten Dreharbeiten begannen die Leute aus Rod El Farag, sich allmählich annähernd natürlich zu verhalten. Ich begriff, dass jemand, der hingeht, um ein solches Viertel in zwei, drei Monaten zu filmen und dann mit einem so genannten Dokumentarfilm zurückkommt, in der Regel ein Betrüger oder ein Betrogener ist. Am Anfang geben sie einem immer nur das, was man sehen und hören will. Erst nach einer Weile lässt die Blockade nach und sie fangen an, sich natürlich zu benehmen, weil sie einen nicht mehr als Fremdkörper wahrnehmen, vor dem man sich verstellen muss.

Die Ägypter reagieren tatsächlich allergisch auf Kameras und fürchten sich vor ihnen. Bei manchen herrscht sogar eine regelrechte Panik - das ist mir bei einigen Protagonisten begegnet, vor allem bei Umm Tarek, einer alten Frau, die ohne Konzession einen Laden betreibt und in ständiger Angst lebt. Was mir jedoch half, war die Tatsache, dass die Leute mich als Tochter wahrnahmen: Meine Mutter stammt aus Rod El Farag, folglich musste auch ich Teil des Ortes und Mitglied der großen Familie sein. Die Leute spürten, dass ich diese Familie niemals in einem schlechten Licht zeigen würde, und sie hatten recht.

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Leserkommentare zum Artikel: Ein Stadtviertel als eine große Familie

Wie kann man den Film in Deuschland sehen?

Lisa Leserin03.05.2018 | 14:38 Uhr