Interview mit der Islamwissenschaftlerin Armina Omerika

Das islamische Denken muss sich neu orientieren

Das Verhältnis der Evangelischen Kirche zu Luther zeigt Muslimen, dass es möglich ist, einen kritischen Umgang mit der eigenen religiösen Tradition zu finden und weiterzuentwickeln, meint die Islamwissenschaftlerin Armina Omerika im Gespräch mit Canan Topçu.

Wann haben Sie erstmals von Martin Luther gehört?

Armina Omerika: Oh, so genau weiß ich das gar nicht. Ich denke, dass ich als Schülerin im Geschichtsunterricht erstmals seinen Namen gehört habe, kann mich aber an den genauen Zeitpunkt nicht erinnern. Für mich gehört die Figur Martin Luther zum Allgemeinwissen.

Viele Muslime wisse aber nicht einmal von der Existenz Luthers, geschweige denn über dessen Bedeutung fürs Christentum…

Omerika: Ich kann nicht sagen, ob, was und wie viel jeder einzelne Muslim weiß. Das hängt sicherlich auch von der Bildungsbiographie ab. Der Bekanntheitsgrad Luthers bei Muslimen hat sicherlich auch etwas damit zutun, in welchem Kontext sie das Christentum kennenlernen.

In manchen muslimischen Gesellschaften – beispielsweise im Nahen Osten – sind andere Ausprägungen des Christentums – das orientalische Christentum und der römische Katholizismus – besser bekannt. Anders als hierzulande bekannt ist, haben sich gerade im 19. Jahrhundert muslimische Intellektuelle im Nahen Osten intensiv mit der Reformation befasst und waren teilweise von den Debatten gerade im deutschen Protestantismus der Zeit beeinflusst worden.

Wir dürfen aber auch nicht außer Acht lassen, dass selbst Menschen mit biografischem Bezug zum Christentum wenig fundierte Kenntnisse über Luther als historischer Figur und seine theologische Relevanz haben.

Was ist aus Sicht eines islamischen Theologen das Herausragende an Luther?

Denkmal des Reformators Martin Luther (1483-1546) in Lutherstadt-Eisleben; Foto: dpa/picture-alliance
Martin Luther als Vorbild für die islamische Theologie? "Das Verhältnis der Evangelischen Kirche zu Luther zeigt uns Muslimen, dass es auch für uns möglich ist, einen kritischen Umgang mit der eigenen religiösen Tradition zu finden und weiterzuentwickeln", sagt Armina Omerika.

Omerika: Dass Luther den Klerus in Frage gestellt hat, das wird von islamischen Theologen immer wieder aufgegriffen – mit dem Hinweis darauf, dass es diese Institution im Islam gar nicht gibt. Ideengeschichtlich wichtig für islamische Theologen ist Luthers Islam- beziehungsweise Muslimbild und wie es sich entwickelt hat. Es ist aufschlussreich, sich die historische Rezeption, den Kontext und den Grund für das so negative Muslimbild genauer anzuschauen.

Es hatte meiner Ansicht nach die Funktion einer innergesellschaftlichen Kritik und wenig mit Muslimen zu tun, zumal Luther ja gar keinen Kontakt zu Muslimen gehabt hat; sie gehörten nicht zu seiner Lebenswelt. Mit der Kritik an den Muslimen war die Kritik an der Katholischen Kirche verbunden.

Ist es heute überhaupt für Muslime wichtig, sich mit Luther zu beschäftigen?

Omerika: Ja, auf jeden Fall. Einen "zentralen Grund", sich mit Luther zu beschäftigen, sehe ich in dem Umgang der heutigen evangelischen Theologie mit Luther. Die Evangelische Kirche in Deutschland ebenso wie die Kolleginnen und Kollegen in den Hochschultheologien kommunizieren und diskutieren mittlerweile offen Luthers Einstellung zu Juden, Frauen, Muslimen und gesellschaftlichen Hierarchien. Seine problematischen Ansichten zu diesen Gruppen werden nicht geteilt, sondern sehr kritisch diskutiert. Das hält die christlichen Theologen aber keineswegs davon ab, andere Impulse, die von Luther ausgingen, aufzunehmen und weiterzudenken und sie fruchtbar zu machen.

Ich denke, das Verhältnis der Evangelischen Kirche zu Luther zeigt uns Muslimen, dass es auch für uns möglich ist, einen kritischen Umgang mit der eigenen religiösen Tradition zu finden und weiterzuentwickeln.

Oft wird der derzeitige "Zustand" in der islamischen Welt damit erklärt, dass es keine Reformation gab. Braucht also der Islam eine Reformation?

Junge liest in einer Madrassah in Old Dakha (Bangladesch) den Koran; Foto: picture-alliance/dpa
Auf dem Prüfstand: "Die Schriften der Tradition müssen neu gelesen und historisiert werden. Es muss auch darüber nachgedacht werden, ob die Positionierungen der Vergangenheit adäquate Lösungen für Muslime der Gegenwart bieten. Die Lösung dieser Problematik liegt aber nicht in einer Reformation nach historischen Vorbildern aus anderen Zeiten", so Omerika.

Omerika: Solch eine Forderung halte ich wenig hilfreich für theologische Debatten. Luthers Denken und Wirken ist zu verstehen als Reaktion auf einen ganz spezifischen historischen Kontext. Auf muslimische Gesellschaften heute sind diese Konstellationen nicht übertragbar. Die Probleme, die es zweifelsohne in der islamischen Welt gibt, sind ganz anders gelagert als die, die in den deutschen Fürstentümern des 15. und 16. Jahrhunderts existierten. Die Krisen in muslimischen Gesellschaften sind das Resultat vieler Faktoren wie Armut, Ressourcenkämpfen, postkoloniale Lasten, fehlende Rechtsstaatlichkeit und mangelnde demokratische Legitimation.  

Was das islamische Denken betrifft: Ja, das muss sich neu orientieren, die Schriften der Tradition müssen neu gelesen und historisiert werden. Die traditionellen Denkformen müssen überprüft werden darauf, ob die methodologischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen heute noch adäquat sind. Es müssen also nicht allein Inhalte, sondern die Verfahrensweisen, sich mit den Inhalten zu befassen, auf den Prüfstand. Es muss darüber nachgedacht werden, ob die Positionierungen der Vergangenheit adäquate Lösungen für Muslime der Gegenwart bieten. Die Lösung dieser Problematik liegt aber nicht in einer Reformation nach historischen Vorbildern aus anderen Zeiten.

Muslime brauchten neue Formen der Auseinandersetzung mit ihrem religiösen Erbe – und zwar mit Blick auf die Gegenwart und auf die Zukunft – nicht aber so, wie es radikale Strömungen machen, mit Rückgriffen auf die Vergangenheit, in denen ganz andere sozialen Ordnungsmuster existierten. Das heißt aber auch, nicht mit Rückgriffen auf eine nicht wiederherzustellende historische Phase wie etwa die Reformation.

Das Interview führte Canan Topçu.

© Qantara.de 2017

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