Interview mit der französischen Anthropologin Dounia Bouzar

Belehrungen helfen nicht gegen Radikalisierung

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) braucht ständig neue Kämpfer in Syrien und wirbt dafür junge Menschen aus Europa an. Wie die IS-Mitglieder die Jugendlichen für ihre Sache gewinnen, weiß die französische Anthropologin Dounia Bouzar. In ihrem Roman "Djihad, mon ami" beschreibt sie die Radikalisierung einer Jugendlichen

Welche Rolle spielt das Internet bei der Rekrutierung durch die Terroristen?

Bouzar: Die Kontaktaufnahme ist dort schneller und zahlreicher. Früher schrieben die Anwerber über Facebook mit den Jugendlichen, aber diese Plattform ist für den IS verbrannt. Jetzt sprechen sie die Opfer eher über Twitter an. Schlussendlich treffen sich die Jugendlichen mit Gruppen, die sie weiter bearbeiten.

Wie finden IS-Rekrutierer die jungen Leute im Internet?

Bouzar: Einige Forscher und ich sind der Meinung, dass sie Software nutzen, mit der sie über eine Schlagwortsuche die passenden Jugendlichen in den sozialen Netzwerken finden. Es ist auch ein Organigramm des IS aufgetaucht, das für jedes Land verschiedene Kontaktwege aufzeigt.

Sie haben außerdem Kommunikationsagenturen, die landesspezifisch die politische Situation analysieren. Sie finden heraus, welche Politiker etwas versprochen und nicht umgesetzt haben. Diese Mängel nutzen die Anwerber, um Zweifel am System zu streuen.

Sie beschreiben in ihrem Buch "Djihad, mon ami", wie eine junge Frau zu einer "Maschine wurde, die ihr Herz und ihr Gehirn verloren hat". Wie schaffen die IS-Anwerber das?

Bouzar: Sie stellen sich speziell auf jeden Jugendlichen ein. Sie haben den Auftrag, der beste Freund der Jugendlichen zu werden und dann in Chats rauszufinden, wo deren Schwächen liegen. Die Anwerber stellen sich so dar, wie es zu den Jugendlichen passt, beispielsweise als Erzieher oder Verführer. Sie setzten außerdem Videos ein, die jeder im Internet sehen kann. Diese Videos sprechen aber gezielt die Ängste der Jugendlichen an und werden daher als Waffe genutzt. Bei manchen jungen Leuten arbeiten sie auch mit seelischen Verletzungen oder bei jungen Männern locken sie mit Macht.

Wie geht der IS konkret vor, um Jugendliche zu radikalisieren?

Bouzar: Es gibt vier Etappen. Als erstes sollen die jungen Menschen durch Zweifel und Angst von ihrem Umfeld isoliert werden. Anschließend wird die Persönlichkeit ebenfalls mit Angst zerstört und eine Gruppenzugehörigkeit zum IS hergestellt. Sie sollen alles hinterfragen und den IS als Rettung vor der Verdummung durch den Westen betrachten.

Im dritten Schritt sollen die jungen Leute zu Akteuren gemacht werden: Ihnen wird eine Aufgabe angeboten, die sie beim IS in Syrien ausführen sollen. Zum Schluss werden die jungen Menschen entmenschlicht, damit alle Gefühle aus ihnen verschwinden: Alle Menschen außerhalb des IS werden zu Feinden erklärt, die getötet werden müssen. Die neuen Mitglieder sollen ihre Opfer nicht mehr als Menschen sehen, sondern als Kollateralschaden, der auf dem Weg zur Erlösung der Welt anfällt.

Was sind die Alarmzeichen, dass sich ein Jugendlicher radikalisiert?

Bouzar: Die Jugendlichen kapseln sich von ihren Freunden ab und gehen ihren Hobbys nicht mehr nach. Sie lehnen die Schule ab und sagen Dinge wie: "Ich möchte nicht mehr von den Lehrern belogen werden." Als letzte Etappe weisen sie ihre Eltern zurück. Parallel dazu sitzen die jungen Leute die ganzen Zeit vor dem Computer. Die Rekrutierer vermitteln den Jugendlichen, dass sie alles Westliche ablehnen müssen, wie das Essen oder die Kleidung. Dadurch vereinsamen sie.

Wie aber werden aus diesen Jugendlichen Attentäter?

Bouzar: Die Anwerber lassen die Jugendlichen in Angst leben und erklären, die einzige Hilfe für sie und die Welt sei das göttliche Gesetz. Diese Gehirnwäsche ist so stark, dass die Jugendlichen sich der Ideologie völlig hingeben. Der IS bietet damit Ersatz-Visionen, die als Lösung aller Probleme der Welt dienen. Diese Visionen sind aber falsch, denn sie führen die Jugendlichen in den Tod. Die Bereitschaft, sich selbst umzubringen, kommt daher fast immer von den Jugendlichen selbst. Das betrachten sie als ihren Einsatz, um die Welt zu retten.

Gibt es bestimmte Gruppen, die anfällig sind für die Anwerber?

Bouzar: Nein, das einzige gemeinsame Merkmal ist das Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Es herrscht immer noch der Irrglaube, dass sich nur Muslime radikalisieren. Das ist falsch. Nur die Hälfte der Radikalisierten waren Muslime. Grundsätzlich kommen die Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten - und 50 Prozent sind weiblich.

Wie deradikalisieren Sie die Betroffenen?

Bouzar: Mit Wissen oder Belehrungen kommt man nicht an die Jugendlichen ran, deswegen nutzen wir Gefühle. Die Eltern der Radikalisierten übernehmen zwei Drittel der Arbeit. Indem sie Kindheitserinnerungen einsetzen, sollen sie die Gefühle der Jugendlichen wieder erwecken. Das kann zum Beispiel ein Lied sein, das die Mutter früher beim Putzen gehört hat, oder Erinnerungen an einen Urlaub. Um die IS-Ideologie zu zerstören, müssen die Heimkehrer die Diskrepanz erkennen, die zwischen der Realität und den Visionen der Anwerber bestehen.

Wie geht es mit den jungen Menschen weiter, wenn von ihnen keine Gefahr mehr ausgeht? Kommen sie wieder in der Gesellschaft an?

Bouzar: Das hängt von der Politik ab. Wenn die Jugendlichen von der Gesellschaft und Politikern abgestempelt werden, kann das nicht klappen. Sie haben ähnliche Gefühle wie die Opfer von Mobbing. Sie denken, dass sie ausgenutzt wurden. Als Opfer haben sie erstmal ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle, und diese Gefühle behalten sie ihr Leben lang. Wenn sie geächtet werden, vereinsamen sie auf lange Sicht, haben ein mangelndes Selbstvertrauen und leiden unter Depressionen. Es dauert sehr lange, bis sie sich erholen.

Sind Sie persönlich durch Ihre Arbeit in Gefahr?

Bouzar: Ich hatte sehr lange Schutz durch die Polizei, und auch aktuell habe ich dauerhaft einen Personenschützer bei mir. Der IS hat mich zwei Mal gefunden. (KAN)

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