Die meisten Muslime in Deutschland sind türkischer Abstammung. Sie selbst sind Türkin und haben viel über die türkische Gesellschaft geforscht. Wendet sich das Land gerade von Europa ab?

Göle: Mit ihrem Ruf nach einem starken Führer und der Intoleranz gegenüber Kosmopolitismus orientiert die Türkei sich offenbar zunehmend an Osteuropa. Wir sehen nur noch Erdogan. Sein Team sehen wir nicht. Sogar Erdogans Freunde, die mit ihm die AKP gegründet haben, sind nicht mehr da.

Erdogan spricht gern von der "Neuen Türkei", die mit ihm auf den Weg gebracht werde. Wie soll sie aussehen? Als die AKP 2002 an die Macht kam, sagten viele, Erdogan habe eine versteckte Agenda und wolle das Land in einen islamischen Staat verwandeln.

Göle: Ich habe nie daran geglaubt, dass es eine versteckte Agenda gibt. Ich war eine derjenigenen, die an den von Erdogans AKP angestoßenen Prozess der Demokratisierung glaubten. Ich glaubte daran, dass es möglich sein würde, einander religiöse und säkulare Empfindlichkeiten zu erklären, so dass sich die Gesellschaft für Pluralität öffnen kann. Etwa zehn Jahre lang hat es funktioniert. Doch dann setzte aus Gründen, die noch genau zu analysieren sind, eine Rückwärtsbewegung ein.

Cover des Buches von Nilüfer Göle: "Europäischer Islam: Muslime im Alltag". Foto: Verlag Wagenbach
Muslime sind längst Bestandteil der Gesellschaft: Gerade in Zeiten des Terrors scheinen die Konfrontationslinien zwischen dem Islam und der europäischen Welt härter zu werden, aber dieser Eindruck trügt. Wie Nilüfer Göle in ihrem Buch zeigt, ist der Islam längst selbstverständlicher Bestandteil unseres – gemeinsamen – modernen Alltagslebens geworden. Es entstehen neue Identitäten und Formen des Zusammenlebens und natürlich auch neue Konflikte, wie etwa im Karikaturenstreit, die aber durchaus kreativ gelöst werden. In diesem Prozess erfindet sich Europa neu, eine Entwicklung, die kein Fundamentalist aufhalten kann.

Türkische Oppositionelle geben auch Europa eine Mitschuld an der Rückwärtsbewegung.

Göle: An dieser These ist sicherlich etwas dran, wobei auch die Türkei Verantwortung trägt. Als die Verhandlungen mit der EU begannen, hat Europa die Türkei auf eine sehr emotionale Art ins Abseits gestellt. Damals wurden die Herzen von sehr vielen Menschen in der Türkei gebrochen. Denn sie dachten, sie gehörten schon lange zu Europa.

Es gelang den türkische Verhandlungspartnern nicht, dieses Gefühl nach Europa zu transportieren. Im Gegenteil, die Debatten waren sehr kontraproduktiv. Gleichzeitig wurden von Seiten Europas viele Desinformationen verbreitet. Nehmen wir als Beispiel die Abschaffung der Todesstrafe im Jahr 2002. In Europa wurde dem kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei war das für die Türkei ein riesiger Schritt. Europäische Beobachter kommentierten, es handele sich lediglich um eine kosmetische Reform. Ich habe mich sehr schlecht gefühlt, als ich das hörte, denn es entsprach nicht den Tatsachen.

Und nun, da Ankara die Todesstrafe wieder einführen möchte, regt Europa sich fürchterlich auf. Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter.

Derzeit konzentriert sich Ankara auf politische Säuberungen. Welche Rolle wird der Islam einnehmen, wenn das Ausschalten der Opposition abgeschlossen ist?

Göle: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es auch um unterschiedliche Interpretationen der Religion geht. Die Bewegung von Fethullah Gülen ist eine religiöse. Sie hatte den Staat infiltriert, lange unter dem wohlwollendem Blick der Regierung. Dann aber wendete sich das Blatt, und nun sollen die Institutionen und die Gesellschaft wieder davon gesäubert werden.

Und welche Interpretation der Religion wird danach an Raum gewinnen? Immerhin ist ja Erdogan zutiefst religiös.

Göle: Vielleicht wird die Religion noch stärker betont werden, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Und gewiss wird es einen Versuch geben, den Islam auf eine bestimmte Art neu zu definieren. Ich hoffe, dass der Wandel des Islam in eine demokratische Richtung unterstützt wird. Ich sehe in der Türkei derzeit aber nicht das Element der Religion im Vordergund, sondern Nationalismus und vor allem Nativismus.

Was könnte Europa tun?

Göle: Die Möglichkeit dazu wurde leider verpasst. Es gab einen Moment dafür, aber es wurde nicht erkannt, wie entscheidend er war.

Wann waren Sie zuletzt in der Türkei?

Göle: Während des Putschversuchs war ich in Istanbul. Niemand wollte einen Staatsstreich, ich sah, wie die Leute sich den Panzern entgegenstellten. Wir dachten, es könnte der Beginn einer neuen demokratischen Ära sein. Aber die Zeichen stehen nun ganz anders. Ich hoffe, das ist nur vorübergehend und nicht strukturell.

Erdogan hat gesagt, der Putschversuch sei ein Geschenk Gottes.

Göle: Ja, das hat er gesagt. Unfassbar!

Interview: Karen Krüger

© Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 2017

Nilüfer Göle wurde in Ankara geboren, lebt in Frankreich und lehrt Soziologie an der Pariser "Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales".

Ihre Studie erschien unter dem Titel "Europäischer Islam. Muslime im Alltag". Aus dem Französischen von Bertold Galli. Klaus Wagenbach Verlag, 304 Seiten, 24 Euro.

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