Sie begreifen den öffentlichen Raum nach Hannah Arendt als einen Bereich für Auftritte. Sie verweisen darauf, dass sich nach Arendt diejenigen als Staatsbürger verhalten, die den Mut haben, ihren privaten Schutzbereich zu verlassen, sich zu zeigen und ihre Besonderheit darzustellen – wenn man handelt und öffentlich in Erscheinung tritt, wird man zum Staatsbürger.

Göle: Arendts Gedanken waren hilfreich um zu begreifen, was es für Muslime bedeutet, sichtbar zu sein, und wie Praktiken des Sehen und Gesehenwerdens das Miteinander mit der Mehrheitsgesellschaft beeinflussen.

Die öffentliche Wahrnehmung islamischer Glaubensmerkmale unterscheidet sich oftmals eklatant von der subjektiven Bedeutung, die Muslime diesen selbst zuschreiben. Wenn eine Person den islamischen Ernährungsvorschriften folgt, dann ist das für diese Person normaler Alltag. Es wird aber schnell als Provokation oder sogar Aggression wahrgenommen.

Muslimische Frau trägt Burkini am Strand in Südfrankreich; Foto: Reuters
Burkini als Konfliktstoff: Das Burkini-Tragen hatte in den vergangenen Monaten für hitzige Diskussionen in Frankreich gesorgt. "Im Arabischen existiert das Wort Burkini nicht, es ist eine kulturelle Komposition aus Bikini und Burka, so wie auch europäische Muslime eine kulturelle Komposition verschiedener Einflüsse sind", konstatiert Nilüfer Göle.

Wie könnte man dem begegnen?

Göle: Es sollte besser abgewogen werden, wie man die Dinge benennt. In Frankreich war zunächst vom Kopftuch die Rede, dann vom islamischen Schleier. Irgendwann wurde nur noch über den Hijab debattiert, dann über die Burka. Warum wählte man diesen Begriff? Er ist nicht einmal in Afghanistan geläufig. Es ist aufschlussreich, welche Ausdrücke Eingang in die europäische Debatte finden.

Zuletzt ging es um den Burkini.

Göle: Dieser Begriff hat etwas sehr ironisches. Im Arabischen existiert das Wort nicht, es ist eine kulturelle Komposition aus Bikini und Burka, so wie auch europäische Muslime eine kulturelle Komposition verschiedener Einflüsse sind. Der Burkini stellt den orthodoxen Islam und dessen Regelwerk in Frage und ist für Musliminnen ein Weg, einen Platz im westlichen Freizeitverhalten einzunehmen. Auch der Burkini ist nicht aggressiv gemeint, stiftet aber viel Ressentiments. Denn unsere Norm möchte, dass Frauen am Strand Haut zeigen. Manches Fremde wird in Europa als exotisch angenommen, anderes als bedrohlich abgelehnt. Letzteres gilt für den Islam, der sich kulturell eben nicht so leicht wie anderes kannibalisieren lässt.

Mit Hannah Arendt gesprochen ist also auch das Tragen eines Burkinis für Musliminnen eine Art, sich als Staatsbürgerinnen zu behaupten? Dann wäre er alles andere als ein Ausdruck von Parallelgesellschaft.

Göle: Genau. Manche Leute fordern, Muslime sollten eigene Strände nutzen. Aber genau das würde ja das Ausbilden abgeschlossener Communities, was Muslimen immer wieder vorgeworfen wird, befördern. Seitdem es in Frankreich an öffentlichen Schulen ein Kopftuchverbot gibt, gehen viele muslimische Mädchen auf Privatschulen. Sie werden isoliert.

Welche Rolle spielen Ihrer Ansicht nach die Medien in der öffentlichen Debatte?

Göle: Die Debatte wird vor allem von Stimmen bestimmt, die den Islam orientalisieren und skandalisieren. Es überwiegt die Polarisierung, Unterschiede werden immer weiter überzeichnet, so als brauche die Öffentlichkeit ständig eine Steigerung.

Es wird der Eindruck erweckt, die muslimische Realität bestehe einzig aus Radikalisierung, Dschihadismus und aus dem Leiden von Flüchtlingen. Aber die Wirklichkeit ist viel komplexer und kennt die Extreme weitaus weniger, als der Eindruck erweckt wird. Das ist ein Problem, da es so fast unmöglich wird, die integriert lebenden Muslime, die in allen europäischen Ländern die Mehrheit bilden, wahrzunehmen. Wir diskutieren über sie, aber wir kennen sie nicht. Wir beziehen sie zu wenig in die Debatte ein.

Worin liegen die Gründe für die Überzeichnung?

Göle: Je radikaler etwas ist, desto faszinierter sind wir. Gleichzeitig ist es dann einfacher, es abzulehnen. Man kann sich so leichter rückversichern, dass das fremde Andere uns nicht nah ist.

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