Interview mit Demetrios Karamintzas

Eine Oboe für Afghanistan

Demetrios Karamintzas ist professioneller Oboist. Er arbeitete mit der Barenboim-Said Stiftung und der Al-Kamadjati-Schule für Musik in Palästina und unterrichtete kürzlich ehrenamtlich am Afghanistan National Institute of Music in Kabul. Mit Ceyda Nurtsch unterhielt er sich über das Unterrichten inmitten von Armut und Terror.

Vor Kurzem sind Sie aus Kabul zurückgelehrt, wo Sie am Afghanistan National Institute of Music Oboe unterrichtet haben. Was veranlasste Sie dazu, ausgerechnet nach Afghanistan zu gehen?

Demetrios Karamintzas: Ich hatte vorher zehn Jahre lang in Palästina mit Daniel Barenboim an seiner Barenboim-Said Stiftung gelehrt. Als der letzte Krieg in Gaza ausbrach, merkte ich, dass ich emotional sowohl in Palästina als auch in Israel betroffen war. Dieser Konflikt ging mir sehr nahe. Ich brauchte eine Pause, aber nicht vom Unterrichten. Einer meiner Kommilitonen, der Geiger William Harvey, lebte vier Jahre lang in Kabul, wo er am Afghanistan National Institute of Music (ANIM) Musik unterrichtete. Ich entschied mich dazu, ihm im Wintersemester zu folgen. Ich gehe in diese Krisengebiete, weil ich denke, dass sonst niemand dorthin geht. Diese Kinder verdienen dieselben Möglichkeiten, dieselben Chancen wie Kinder an anderen Orten dieser Welt.

Worin besteht das Konzept des Afghanistan National Institute of Music?

Karamintzas: Die Schule wurde von Dr. Ahmad Sarmast gegründet, einem gebürtigen Afghanen, der Musik und Kinder liebt und in Australien lebte. Er hatte die Schule 2010 gegründet, nachdem die Taliban aus Kabul vertrieben wurden. Sie ist Teil des nationalen Schulsystems mit einem Schwerpunkt auf Musik. Die meisten Lehrer sind Afghanen, für westliche Musik gibt es bislang nur wenige internationale Lehrkräfte. Die Schüler sind ganz gewöhnliche Kinder aus Kabul, die eine musikalische Begabung haben. Als ich in Ramallah unterrichtete, beobachtete ich eine ganz ähnliche Entwicklung wie in Europa: Meistens schickten die reicheren Familien ihre Kinder zum Musikunterricht. In Kabul dagegen bekam ich nicht den Eindruck, dass es überhaupt keine reichen Familien gibt. Die Kinder, die zu uns kamen waren meist recht arm. Ich weiß, dass manche Familien Geld von der Schule erhielten, damit sie ihre Kinder nicht auf die Straße zur Arbeit schickten, sondern auf die Schule.

Demetrios Karamintzas und einer seiner Schüler im Oboen-Unterricht; Foto: Demetrios Karamintzas
Demetrios Karamintzas: "In Palästina habe ich die Langzeitresultate meiner Arbeit über einen Zeitraum von zehn Jahren gesehen. Ich konnte beobachten, dass der Unterricht nicht nur das Leben von Individuen nachhaltig verändert, sondern auch die Gesellschaft"

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, als Sie in Afghanistan Musik unterrichteten?

Karamintzas: Was mir in Kabul – und davor schon in Palästina – wirklich gefiel, war die Tatsache, dass ich mich nie als überbezahlter Babysitter fühlte, so wie das manchmal in Amerika der Fall war, wenn ich dort Oboen-Unterricht gab. Ich denke, dass Lehrer in der afghanischen Gesellschaft hoch angesehen sind, während in Deutschland oder Amerika oft die Einstellung herrscht: "Ich bezahle dich, also arbeitest du für mich!". In Afghanistan waren die Kinder sehr, sehr dankbar. Westliche Musik war ihnen nicht fremd – dort gibt es einige Ensembles, in denen Musiker gemeinsam westliche und orientalische Instrumente spielen. Ich finde, dass es eine positive Art ist, nicht nur die Kinder, sondern auch deren Familien zu erreichen.

Mir war klar, dass mein Unterricht in dieser kurzen Zeit nicht die Welt für sie verändern würde. Natürlich fühlte ich, dass es wichtig war, sie von der Musik zu faszinieren, denn jede Begegnung kann ja ein Moment der Inspiration für diese Kinder sein. Da ich wirklich etwas wollte, das andauern würde, startete ich eine Kampagne, um Geld zu sammeln, eine Oboe zu kaufen und zu spenden. Wohlgemerkt eine professionelle Oboe – die erste in Afghanistan überhaupt. Davor gab es sehr alte und schlichte Schüler-Oboen. Doch eine solche Profi-Oboe ist wirklich ein "Game Changer" für die Entwicklung eines Schülers. Die Oboe ist eines der Instrumente, das physisch am schwersten zu spielen ist. Wenn man dann noch ein defektes oder mangelhaftes Instrument hat, kann das doppelt frustrierend sein. Hat ein begabter Schüler ein gutes Werkzeug zu Verfügung, kann er wirklich zehn Schritte nach vorne machen. Ich brachte eine solche Oboe mit, die an ein zwölfjähriges Mädchen ging, die daraufhin Nonstop darauf übte.

Inwiefern unterschieden sich Ihre musikalischen Erfahrungen in Palästina von denen in Afghanistan?

Karamintzas: Das Leben in Palästina ist in keinster Weise einfach. Doch verglichen mit Afghanistan sind die Kinder in Palästina meistens gesund, besser angezogen. Viele von ihnen sprechen mindestens zwei Sprachen, sie spielen richtige Instrumente, die wir von Spendengeldern finanzieren können. Auch findet Palästina viel mehr mediale Beachtung und verfügt über stärkere diplomatische Beziehungen zum Westen als Afghanistan. In Palästina gibt es viele Gastkünstler aus dem Ausland – nicht zuletzt aufgrund Daniel Barenboims Engagement. In Palästina wurde ich überaus wohlwollend empfangen, respektiert und habe immer noch Kontakte zu vielen meiner Schüler und Kollegen. Aber in Afghanistan hatte ich das Gefühl, dass sie dort solch eine Wertschätzung nicht häufig bekamen.

Das hat mich ein wenig an meine ersten Jahre in Palästina im Jahr 2004 erinnert. Ich hatte das Gefühl, das ist erst der Anfang. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Situation in Afghanistan noch immer sehr extrem ist: Im Dezember führte die Schule ein Theaterstück über Selbstmordattentate im Französischen Kulturzentrum auf. Groteskerweise wurde die Aufführung dann auch von einem Selbstmordattentäter im Teenager-Alter angegriffen. Dabei wurde eine Person getötet und mehrere wurden ernsthaft verletzt, darunter auch Ahmad Sarmast, der in Australien behandelt wurde. Das war ein sehr traumatisches Erlebnis für die Kinder, ihre Familien, die Fakultät, die Lehrer. Als Konsequenz sagten viele der ausländischen Künstler ihre Reise ab.

Demetrios Karamintzas' Oboe-Unterricht; Foto: Demetrios Karamintzas
"Die Oboe wird in Palästina und Afghanistan als ein gewöhnliches Instrument betrachtet – ähnlich wie die Geige –, während sie im Westen viel weniger gespielt wird", meint Demetrios Karamintzas. "In New York war ich lange Zeit der einzige Oboe-Spieler in meinem Orchester, doch in Palästina hatte ich gleich acht Schüler!"

Die Musikschule hat das Ziel, die Gesellschaft durch Musik neu zu erschaffen. Kritiker würden dagegen sagen, dass man hierfür zunächst einmal über eine Infrastruktur verfügen müsste. Was denken Sie?

Karamintzas: Ich habe eine klare Meinung dazu. Ich kann zwar nicht alle Optionen für angehende Musiker schaffen, aber ich kann Schülern die Möglichkeit bieten, das Spiel auf der Oboe zu erlernen. Ich denke, es ist eines der grundlegenden Elemente der Menschlichkeit, freien Willen und Möglichkeiten zu haben.

In Palästina habe ich die Langzeitresultate meiner Arbeit über einen Zeitraum von zehn Jahren gesehen. Ich kann Ihnen sagen, dass ein solches Projekt die Kinder buchstäblich von der Straße holt. Es sind Kinder, die vielleicht in der Zukunft keine Probleme bekommen, vielleicht aber doch. Wenn sich ein Kind nicht beachtet fühlt und spürt, dass es keine Zukunft haben wird, wird es sich eher dem radikalen Islam zuwenden. In Palästina konnte ich beobachten, dass der Unterricht nicht nur das Leben von Individuen nachhaltig verändert, sondern auch die Gesellschaft.

Als ich vor elf Jahren mit dem Unterricht begann, hatten wir noch viele Probleme, insbesondere mit Schülerinnen. Ab einem bestimmten Alter verboten bestimmte Familien ihren Töchtern, Musikunterricht zu nehmen, weil es sich um westliche Musik handelte oder weil der Lehrer männlich war. Häufig saßen wir im Wohnzimmer, tranken Tee und versuchten den Vater davon zu überzeugen, dass es völlig in Ordnung sei, Musik zu machen. So etwas passiert heute nur noch sehr selten. Für die Menschen ist das jetzt völlig normal geworden. Es ist normal, Musikunterricht zu nehmen, jemanden auf der Straße zu sehen, der zum Beispiel eine Geige trägt und zu einem Konzert geht. Inzwischen habe ich große Veränderungen beobachten können und ich denke, dass die Musik dabei eine große Rolle spielt.

Das Interview führte Ceyda Nurtsch.

© Qantara.de 2015

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.