Interview mit dem tunesischen Dokumentarfilmer Sami Tlili

"Wir stehen an einem Scheideweg"

Der tunesische Literaturwissenschaftler und Dokumentarfilmer Sami Tlili berichtet im Gespräch mit Martina Sabra über die politischen Aussichten nach den jüngsten Parlamentswahlen in dem nordafrikanischen Land und die demokratischen Perspektiven drei Jahre nach der "Jasmin-Revolution".

Am 26. Oktober wurden die Tunesierinnen und Tunesier aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie? Viele gehen ja davon aus, dass es auf eine Koalition der Islamisten der "Ennahda" und der bürgerlich-konservativen Sammlungspartei "Nidaa Tounes" hinauslaufen könnte.

Sami Tlili: Die beiden großen Gewinner werden die Islamisten und das alte Regime sein. Ich denke, sie werden sich den Kuchen teilen, denn sie haben gemeinsame Interessen: Die "Ennahda" und die alte Garde des RCD. Auch wenn sie sich jetzt "Nidaa Tounes" nennen, so bleiben sie für mich die alte Partei von Zine el-Abidine Ben Ali und Habib Bourguiba. Aber ehrlich gesagt, finde ich das nicht dramatisch. Wir haben als Staatsbürger die Verantwortung, für Veränderung zu sorgen. Und ich denke, dass viele wichtige Entwicklungen ohnehin nicht an den Wahlurnen stattfinden.

Welche Rolle könnten Ihrer Meinung nach künftig die ehemaligen RCD-Vertreter  im neuen Tunesien einnehmen? Und was halten Sie davon, dass sich auch viele ehemalige Gewerkschafter und frühere Ben-Ali-Gegner „Nidaa Tounes“ angeschlossen haben, wie zum Beispiel auch die Frauenrechtlerin Bochra Belhadj Hamida, die in Tunis kandidiert?

Tlili: Was ist Nidaa Tounes, wenn nicht eine kosmetisch aufpolierte Neuauflage der alten Einheitspartei RCD? Aus meiner Sicht hat man den Kopf der Macht geopfert – und nur den Kopf - um das System zu retten. Man hat dem ehemaligen RCD ein modernes Aussehen verpasst, indem man einige Leute ins Spiel gebracht hat, die sich als Unabhängige oder als Intellektuelle geben. Man muss auch sehen, dass "Ennahda" und "Nidaa Tounes" dasselbe wirtschaftliche Programm haben: Ultra-Neoliberalismus, teilweise unterstützt von exakt denselben Kräften im In- und Ausland. Der einzige Unterschied ist die Ideologie. Das Betriebskapital von "Ennahda" ist eher islamistisch, das von "Nidaa Tounes" eher modernistisch. Ich empfinde die Modernität von "Nidaa Tounes" allerdings als Fassade. Modernität bedeutet doch nicht nur, dass man Bier trinken darf. Man muss die Institutionen modernisieren, den Staat. Das bedeutet für mich Modernismus.

Was Sie sagen, klingt nach einer gesamtpolitischen Rolle rückwärts. Wie wird das Volk reagieren? Werden die Armen wieder auf die Straße gehen?

Beji Caid Essebsi: Gründer und Präsident der Partei Nidaa Tounes zusammen mit den Kandidaten des Wahlkreis Ben Arous bei einem Meeting in Hammam Lif; Foto: Sarah Mersch
Restauration der alten Mächte? "Was ist Nidaa Tounes, wenn nicht eine kosmetisch aufpolierte Neuauflage der alten Einheitspartei RCD? Aus meiner Sicht hat man den Kopf der Macht geopfert - und nur den Kopf - um das System zu retten", meint Dokumentarfilmer Sami Tlili..

Tlili: Die Armen gehören sowohl zur Basis von "Nidaa Tounes" als auch von "Ennahda". Die jungen Leute haben sich getraut, auf die Straße zu gehen, und den Veränderungsprozess in Gang zu setzen. Das war verrückt und ungeheuer mutig. Jetzt brauchen wir Schutzmaßnahmen, um den politischen Prozess und den Übergang zur Demokratie zu gewährleisten. Klar ist, dass es ein langer, schwieriger Weg ist. Aber selbst wenn die nächsten Wahlen die alten Mächte erst mal wieder zurückbringen, dann ist das nicht tragisch. Das gehört zum Verlauf von Revolutionen dazu: Es geht voran, es gibt Rückschläge, und dann geht es wieder vorwärts. Wichtig ist es, die Motivation aufrechtzuerhalten – das  revolutionäre Bewusstsein, dass Veränderung möglich ist, und dass wir alle dazu beitragen können.

Lassen Sie uns über Ihr filmisches Schaffen sprechen. Sie wurden 1985 in Kairouan geboren und sind in Legtar (Lortess) aufgewachsen, südlich von Gafsa – einer jener Regionen, die seit der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956 von den aufeinanderfolgenden Regimen vernachlässigt wurden. Vor ihrem ersten langen Dokumentarfilm haben Sie drei Kurzfilme realisiert. Einer dieser drei Filme – mit dem Titel "Sans Plomb" (Bleifrei) handelt von einem jungen Mann aus der Provinz, der sich aus Verzweiflung selbst verbrennt. Der Film entstand 2006. Wie sind Sie damals auf das Thema gekommen? Gab es schon vor Mohamed Bouazizi, dessen Selbstverbrennung im Dezember 2010 die tunesische Revolution auslöste, einen konkreten Fall, der bekannt wurde?

Tlili: Ja, es gab damals schon einen Vorläufer und vor allem  viel Verzweiflung. Das Drehbuch habe ich gemeinsam mit einem Freund geschrieben. Wir wollten unseren Alltag beschreiben, die depressive Stimmung unter den Jugendlichen im Tunesien der 1990er und 2000er Jahre. Wir fühlten uns vom Ben-Ali-Regime förmlich massakriert, die Jugend wurde erstickt. Wir hatten nur die Wahl abzuhauen oder in die innere Emigration zu gehen. "Sans Plomb" handelt von dieser schieren Verzweiflung.

Jugendliche demonstrieren im Zentrum von Tunis gegen die Ben-Ali-Diktatur; Foto: AFP/FETHI BELAID
Ruf nach Freiheit, Würde und demokratischer Teilhabe: "Wir fühlten uns vom Ben-Ali-Regime förmlich massakriert, die Jugend wurde erstickt. Wir hatten nur die Wahl abzuhauen oder in die innere Emigration zu gehen", berichtet Sami Tlili.

2011 haben Sie mit der Arbeit an Ihrem ersten langen Dokumentarfilm begonnen. Dieser handelt jedoch nicht von der Revolution, sondern von einem Ereignis, das zu dem Zeitpunkt schon drei Jahre zurücklag – dem Aufstand in der Phosphatregion im Jahr 2008. Warum haben Sie gerade in diesem Moment zurückgeschaut und "Verflucht sei das Phosphat" gedreht?

Tlili: Ich wollte fragen, warum der tunesische Entwicklungsprozess nach der Unabhängigkeit 1956 gescheitert ist. Das Regime der Einheitspartei war faktisch ein regionalistisches Regime. Die Gegenden, aus denen Bourguiba und Ben Ali kamen, wurden über Jahrzehnte forciert entwickelt, während andere Regionen teilweise bewusst vernachlässigt wurden. Ich finde, dass es in der tunesischen modernen Geschichte viele Episoden gibt, die aus der kollektiven Erinnerung verschwunden sind – was  dazu führt, dass wir dazu verdammt sind, unsere Geschichte wieder und wieder zu erleben. Das müssen wir ändern, deshalb habe ich trotz der spannenden Ereignisse nach der Revolution bewusst noch einmal zurückgeblickt.

Worin lag für Sie die Bedeutung des Aufstandes von 2008? Und wo sehen Sie die Verbindung zur Revolution ab 2010?

Tlili: Der Aufstand in Gafsa war eine Protestbewegung unbekannten Ausmaßes, wie sie das moderne Tunesien bis dahin noch nicht erlebt hatte. Die Proteste dauerten sehr lange, insgesamt sechs Monate. Sie wurden von weiten Teilen der Bevölkerung getragen, sie waren gewaltfrei und sie gingen mit einer Aneignung des öffentlichen Raumes einher. Das war hochsymbolisch. Als ich sah, wie die Menschen die Straße besetzten, traute ich meinen Augen nicht. Immerhin war Tunesien seit der Unabhängigkeit, seit Bourguiba durch und durch ein Polizeistaat.

Wo steht Tunesien gegenwärtig beim Übergang zur Demokratie bzw. zu einem demokratischeren System?

Tlili: Aktuell befinden wir uns in einem Übergangsstadium zur Demokratie. Die Revolution ist nicht vorbei. Und sie hat auch nicht erst am 14. Januar 2011 begonnen. Wer das behauptet, hat eine politische Agenda. Für mich begann die tunesische Revolution am 17. Dezember 2010, als die Menschen in Sidi Bouzid auf die Straße gingen. Wenn man als einziges Datum den 14. Januar 2011 heranzieht, dann reduziert man die Revolution auf den Sturz von Ben Ali, so als wären durch seinen Abgang alle Probleme gelöst. Das ist ein Spiel mit dem kollektiven Unbewussten, denn man will die Menschen auf eine einzige Wahrnehmung der Ereignisse festlegen.

Skulptur Selbstverbrennung Mohammed Bouzizi in Sidi Bouzid; Foto: Reese Erlich
Auslöser der "Jasmin-Revolution": Diese Skulptur in der Stadt Sidi Bouzid wurde zur Erinnerung an Mohammed Buozizi errichtet. Am 17. Dezember 2010 hatte sich der junge Straßenhändler Mohammed Bouazizi in Sidi Bouzid aus Protest gegen Behördenwillkür und selbst angezündet und war wenig später an seinen Verletzungen gestorben. Die dadurch ausgelösten Proteste breiteten sich rasch im ganzen Land aus und brachten schließlich Staatschef Zine el Abidine Ben Ali zu Fall.

Ich denke, wir stehen an einem Scheideweg. Die Ziele der Revolution wurden faktisch von einer Minderheit der Tunesier vertreten. Als sie auf die Straße gingen, riefen sie: Freiheit, Würde, Arbeit. Ihr Thema waren weder der Islam noch die kulturelle Identität. Andere haben vom ersten Tag an alles daran gesetzt, die Revolution im Keim zu ersticken. Es sind Leute, die mit dem alten Regime verbandelt waren und die die Konterrevolution betrieben haben. 

Aus ihren Antworten höre ich Realismus heraus, aber auch vorsichtigen Optimismus. Was haben Sie seit dem Beginn der Revolution vom Dezember 2010 dazugewonnen?

Tlili: Wir sind als Nation auf jeden Fall freier als zuvor. Aber ich will die Frage auch gern ganz persönlich beantworten: Ich habe mich mit mir selbst und mit meinem Land versöhnt. Das ist sehr wichtig, denn als ein Kind der 1980er Jahre gehörte ich zu all jenen, die entweder ins Ausland gingen oder in die innere Emigration. Wir hatten keine Hoffnung mehr.

Doch jetzt können wir wieder Hoffnung schöpfen. Wir haben den öffentlichen Raum zurückerobert, der uns komplett verwehrt war. Vieles ist besser geworden. Die ganz großen Probleme sind jedoch immer noch nicht gelöst: die hohe Arbeitslosigkeit und die weit verbreitete Armut. Die Meinungsfreiheit ist eine Säule der Demokratie, ohne Zweifel. Aber wir müssen alles tun, um die sozialen und ökonomischen Probleme zu lösen. Das waren die Ziele der Revolution und hier entscheidet sich die Zukunft des Landes.

Das Interview führte Martina Sabra.

© Qantara.de 2014

Der Dokumentarfilmer Sami Tlili (geboren 1985) machte seine ersten cineastischen Erfahrungen als Mitglied der tunesischen Föderation der Kino-Clubs. Nach drei Kurzfilmen veröffentlichte Tlili 2012 mit "Verflucht sei das Phosphat" seinen ersten langen Dokumentarfilm. Darin richtet er den Blick auf die lange Zeit vernachlässigten Bergwerk-Regionen Südtunesiens und auf die ungelösten wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes. Tlili lebt derzeit in Paris und Tunis.

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