Hat das Theater zu Beginn der Revolution eine Rolle gespielt?

Kadour: In den Gebieten, die vom Regime kontrolliert wurden, nein. Als die Revolution begann, arbeitete ich gerade an einem Stück von Beckett, Ohio Impromptu. Wir haben zunächst weitergemacht. 2011 und 2012 haben dann viele Leute in den befreiten Zonen neue Theaterformen hervorgebracht. Sie haben Geschichten erfunden, die in direktem Zusammenhang mit der Revolution standen. Sie wollten einfach ihre Geschichten erzählen, vom Regime sprechen. Ich habe diese Gebiete nie erreicht, weil ich flüchten musste: Mein Militärdienst rückte immer näher, ich hätte auf Seiten des Regimes kämpfen müssen und hatte davor große Angst. Die Revolution begann im März 2011, im November floh ich nach Jordanien, meine Frau kam zwei Wochen später nach.

Sie haben mit Flüchtlingen an Theaterprojekten gearbeitet. Wie entstanden diese Projekte?

Kadour:  Einige NGOs hatten mich damit beauftragt, Theater-Workshops für Flüchtlinge zu organisieren, insbesondere für Kinder und Jugendliche - entweder in den Lagern, oder auch außerhalb. Ich habe auch manchmal aus eigener Initiative gearbeitet, zugleich an syrischen und jordanischen Projekten. Ich habe versucht mit beiden Gruppen zu arbeiten, da ich nicht als Opfer dastehen wollte.

Wie wurde das Theater in diesem Zusammenhang aufgenommen?

Syriens Präsident Baschar al-Assad; Foto: picture alliance/AP
Das Regime hat das Monster genährt: "Wenn es heute in Syrien Extremisten gibt, dann liegt das am Regime. Da bin ich sicher. Im ersten Jahr der Revolution hat die Regierung Hunderte von Extremisten aus den Gefängnissen entlassen", so Wael Kadour.

Kadour: Ich wollte vor allem den Syrern und der lokalen Bevölkerung helfen, miteinander zu leben. Ich bin der Ansicht, dass Theater den Menschen helfen kann, sich besser zu verstehen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt herrschte wirklich Hass zwischen der ansässigen Bevölkerung und den Flüchtlingen. Schließlich waren alle arm und die Jordanier wollten nicht, dass die Syrer ihnen die Arbeit wegnehmen. Ich habe den Ansatz aus dem "Theater der Unterdrückten" von Gustavo Boal gewählt, dem bekannten brasilianischen Theaterregisseur. Wir haben interaktives Theater und Spiele organisiert und haben gemeinsam Stücke geschrieben, damit alle sich wohlfühlen und wieder Vertrauen zueinander finden. Aus dieser Arbeit haben sich viele Freundschaften entwickelt. Sie war ein Mittel der Integration.

Hat Sie diese Zeit als Autor verändert?

Kadour: Natürlich. Ich konzentriere mich weiterhin auf soziale Geschichten, aber die dramaturgische Bearbeitung ist vollkommen anders ausgestaltet. Meine Arbeit hat an Tiefe und an Verständnis der Zusammenhänge gewonnen. Ich musste meine Wahrnehmung der syrischen Identität, und den genauen Sinn dieser Identität, neu bewerten.

Wie war bislang die Reaktion des europäischen Publikums auf das syrische Theaters, nachdem Sie nach Frankreich gekommen sind?

Kadour: Die meisten Zuschauer richten den Blick eher auf politische Fragen als auf die künstlerische Dimension der Stücke. Sie fürchten sich vorm "Islamischen Staat" und fragen mich dann: Was würde passieren, wenn Assad ginge? Sie sprechen mich an wie einen Politiker. Das ist zwar gewiss verständlich, und ich versuche auch Ihnen eine Antwort zu geben, aber ich bin eben nur ein Theaterautor. Ich kann von meiner eigenen Erfahrung erzählen und ich kann allein sagen, wenn es heute in Syrien Extremisten gibt, dann liegt das am Regime. Da bin ich sicher. Im ersten Jahr der Revolution hat die Regierung Hunderte von Extremisten aus den Gefängnissen entlassen. Das Regime hat das Monster genährt.

Wie gehen Sie als Autor und Dramaturg mit diesen Erwartungen um?

Kadour: Man muss die Stereotypen in Frage stellen. Jeder hat Gemeinplätze, Klischees im Kopf und es ist wichtig einen anderen Teil der Geschichte zu erzählen, mutig zu sein, zu hinterfragen anstatt die alten Antworten zu geben. Das ist der eigentliche Sinn der Kunst: zu hinterfragen.

Das Interview führte Laura Cappelle.

© Goethe-Institut 2018

Aus dem Französischen von Katharina Bader

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