Interview mit dem SPD-Politiker Raed Saleh

Vorsicht vor "Antisemiten in Armani-Anzügen"

Antisemitismus ist kein Alleinstellungsmerkmal arabischer Zuwanderer. Der muslimische SPD-Politiker Raed Saleh warnt davor, die aktuelle Debatte könnte dazu missbraucht werden, Konflikte zwischen Religionen zu schüren. Mit ihm sprach Astrid Prange.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek, hat den Kampf gegen Antisemitismus auch religiös begründet. Im Islam seien Antisemitismus, Rassismus und Hass Sünde. Aber lässt sich politischer Antisemitismus überhaupt bekämpfen?

Raed Saleh: Antisemitismus ist kein neues Phänomen. Viele verstecken sich gerade hinter dem Deckmantel des Antisemitismus von Migranten und reiben sich in Wahrheit die Hände. Das sind die Antisemiten in Armani-Anzügen und die Rechtspopulisten. Manche versuchen auch, eine islamfeindliche Stimmung zu erzeugen. Ich kann davor nur warnen. Menschen, die Träger einer Kippa angreifen, gehören genauso bestraft wie Menschen, die versuchen, einer Frau das Kopftuch vom Kopf zu reißen. Wenn Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan antisemitisch erzogen sind, dann muss man da ein Stoppschild aufstellen und sagen, bis hierhin und nicht weiter. Man schlägt bei uns in Deutschland nicht mit einem Gürtel auf Menschen anderer Religionen los!

Sie sind selber Muslim. Wie wird das Thema in Ihrer Moscheegemeinde diskutiert?

Saleh: Ich habe keine Moscheegemeinde. An mir würde wohl jeder Imam verzweifeln. Leider gehe ich zu selten in die Moschee. Ich bin ein eher säkularer Muslim, aber die Werte sind mir wichtig. Es leben in Deutschland 4,5 Millionen Muslime. Die überwiegende Mehrheit fühlt sich als Teil Deutschlands. Man muss aufpassen, dass man aus der aktuellen Debatte über Antisemitismus keinen Konflikt zwischen den Religionen macht, denn das ist es mit Sicherheit nicht. Es ist ein Konflikt zwischen Werten und Werteeinstellungen.

Für Ihren Einsatz zugunsten des religiösen Dialogs sind Sie von der Europäischen Rabbinerkonferenz mit einem Toleranz-Preis ausgezeichnet worden. Ihr jüngstes Projekt ist der Wiederaufbau der zerstörten Synagoge am Fraenkelufer im Berliner Bezirk Kreuzberg. Wie kamen Sie auf die Idee?

Raed Saleh bei der Präsentation der Pläne zum Wiederaufbau der Synagoge am Fraenkelufer im März in Berlin; Foto: Getty Images
Ehrgeiziges Projekt für ein friedliches Miteinander der Religionen: Im multikulturellen Kreuzberg soll der Hauptbau der Synagoge am Fraenkelufer wiedererstehen, eines der einst repräsentativsten jüdischen Gotteshäuser in der Hauptstadt. Initiator und Motor des Vorhaben ist ein Muslim: der SPD-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, Raed Saleh. Der in Palästina geborene Politiker stellte seine Idee erstmals am vergangenen 9. November vor, dem 79. Gedenktag der nationalsozialistischen Pogrome von 1938. "Wer Schlösser und Kirchen rekonstruiert, muss auch von den Nazis zerstörte Synagogen wiederaufbauen", begründete der 40-Jährige seinen Vorstoß unter Hinweis auf das Berliner Stadtschloss und die Potsdamer Garnisonkirche.

Saleh: Die Idee entstand am 9. November, dem Jahrestag der Reichpogromnacht, vergangenen Jahres gemeinsam mit Parteikollegen. Ich finde es wichtig, klare Zeichen zu setzen. Gedenkveranstaltungen sind richtig und notwendig. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass jüdisches Leben heute wieder Platz und Raum bekommt. Wir brauchen Zentren der Begegnung und müssen uns selbst Brücken bauen. Die neue Synagoge am Fraenkelufer ist der erste Wiederaufbau dieser Art in Deutschland.

Die Zerstörung der Synagoge ist mittlerweile 80 Jahre her. Warum kommt die Idee zum Wiederaufbau erst jetzt?

Saleh: Das frage ich mich auch immer. Vielleicht kann die Initiative dazu beitragen, einen gemeinsamen Nenner, eine gemeinsame Story für unser Land zu finden. Eine Gesellschaft, die sich zu einer modernen Einwanderungsgesellschaft entwickeln will, muss einen gemeinsamen Nenner finden. Ich nenne das "neue deutsche linke Leitkultur" und meine damit die Fähigkeit, sich gegenseitig auszuhalten und zu respektieren.

Wie ist die Initiative, die Synagoge wieder aufzubauen, in den betroffenen Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln aufgenommen worden?

Saleh: Die Reaktionen waren durchgehend positiv, und zwar unabhängig von der Religion oder Herkunft. Man darf jetzt nicht anfangen, Menschen gegeneinander auszuspielen, Juden gegen Muslime, Christen gegen Muslime oder Atheisten. Mittlerweile wird man ja hierzulande nach der Religionszugehörigkeit gefragt. Warum? Es ist doch schnuppe, welcher Religion jemand angehört, wichtig ist doch, was er für ein Mensch ist!

Das sehen sicherlich nicht alle so wie Sie. Werden Sie aufgrund dieser Ansichten bedroht?

Saleh: Dazu äußere ich mich nicht. In meiner Funktion muss man einiges aushalten können.

Das Gespräch führte Astrid Prange.

© Deutsche Welle 2018

Raed Saleh ist seit 2011 Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Er wurde 1977 in Palästina geboren und kam als Kind nach Berlin. Er ist Autor des 2017 erschienenen Buches "Ich deutsch - Die neue Leitkultur" und ist für sein Engagement im muslimisch-jüdischen Dialog mit dem Toleranz-Preis der Europäischen Rabbinerkonferenz ausgezeichnet worden.

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