Kehrt hier eine Gewalt zurück, die Europa für überwunden hielt?

Khosrokhavar: Ja genau, im Modell der europäischen Säkularisierung wurde Gewalt aus religiösen Gründen für überwunden gehalten. Beim Dschihad geht es um Religion, um Gott. Das sind ganze andere, für Europäer unverständliche Kategorien. Deshalb hat der Dschihadismus eine ganz andere Wirkung auf die Gesellschaft als etwa der Terror von Links oder Rechts.

Außerdem entlädt sich im Dschihadismus eine blinde Gewalt mit einer ganz anderen Brutalität als beim gewalttätige Linksextremismus der RAF oder der Roten Brigaden in Italien. Diese Gruppen waren zwar auch gewalttätig, richteten sich aber gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen wie Kapitalisten, Militärs oder Politiker, aber nicht gegen jedermann. Jihadisten aber morden wahllos. Diese Dimension ist sehr beängstigend.

Teilen Sie die Einschätzung, dass islamistischer Terror die Hauptbedrohung Europas darstellt?

Khosrokhavar: Die Bedrohung ist für mich stärker symbolischer als realer Natur, selbst wenn es in Frankreich 200 Tote in den letzten zwei Jahren gab. Unter symbolischen Aspekten ist es eine wesentliche Bedrohung, weil der islamistische Terrorismus Europa in die Hände der Rechtspopulisten treibt. Das ist die große Gefahr: ob Pegida und AfD, Front National oder die Rechtspopulisten in den Niederlanden. Auf ganz Europa bezogen sind die Zahlen der Toten nicht enorm, aber es trifft immer unschuldige Menschen, was aufs Schärfste zu verurteilen ist. Vor allem die Infragestellung der europäischen Zivilisation mit ihrer säkularen Demokratie in Kombination mit blinder Gewalt ist es, was so viel Angst erzeugt.

Wie kann Europa darauf angemessen reagieren?

Khosrokhavar: Es gibt eine kurzfristige und eine langfristige Option: Kurzfristig müssen Sicherheitsapparat und Polizei reagieren, aber langfristig müssen wir auch die soziale Dimension ins Auge fassen. Urbane Strukturen können Dschihadismus erzeugen. Wir haben immer mehr Problemviertel in den Großstädten, in denen Zugewanderte ohne jede Perspektive leben. Man muss versuchen, diesen jungen Zuwanderern die gleiche Chance auf Teilhabe zu bieten. Soziologische Arbeiten zeigen, dass jemand mit dem Namen Mohammed in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien nicht die gleichen Chancen hat wie ein Mensch, der Robert heißt.

Hinzu kommt, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Muslime fundamentalistische Einstellungen haben. Das heißt nicht, dass sie Dschihadisten sind. Aber es zeigt, wieviel Arbeit noch vor uns liegt. Wir müssen stärker erklären, was es heißt, ein Bürger zu sein, was Demokratie bedeutet und gleichzeitig für echte Chancengleichheit sorgen. Nur wenn wir diese Fragen angehen, lässt sich das Problem des Terrors langfristig bewältigen. Es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten den Terror allein mit sicherheitspolitischen Maßnahmen bekämpfen.

Sie haben geschrieben, dass der Zerfall politischer Institutionen in diesem Zusammenhang bedenklich ist. Warum?

Khosrokhavar: Politische Institutionen geben dem Zusammenleben einen Sinn. Es gab in Europa verschiedenste Utopien für das Zusammenleben, sozialistische oder republikanische Utopien in Frankreich, feministische und nationalstaatliche Utopien, aber sie sind alle verloren gegangen. Deshalb ist die repressive Utopie des "Islamischen Staates" (IS) für manche junge Menschen attraktiv. Gesellschaften brauchen Utopien, aber sie müssen beherrschbar sein. Ob das eine Utopie der Menschenrechte ist, des Feminismus, der Ökologie oder der sozialen Gerechtigkeit: Menschen brauchen diese Vision von der Zukunft.

Das Interview führte Claudia Mende.

© Qantara.de 2018

Der französisch-iranische Soziologe Farhard Khosrokhavar ist Studienleiter an der École des hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Sein Buch "Radikalisierung" ist 2016 bei der Europäischen Verlagsanstalt erschienen.

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