Welche Rolle spielt die koloniale Vergangenheit?

Khosrokhavar: Anders als Frankreich mit Nordafrika hat Deutschland keine koloniale Vergangenheit in Hinblick auf die Türkei. Die türkischen Muslime haben starke Bindungen untereinander, die Arbeit für Familie und für die Gemeinschaft erfährt eine starke Wertschätzung, was in der Form unter Algeriern und Marokkanern in Frankreich nicht der Fall ist. Algerier und Marokkaner bringen ganz andere Belastungen mit.Im Falle Algeriens ist das der Bürgerkrieg zwischen Militär und radikalen Islamisten von 1991 bis 2002/03 mit 200.000 Toten. Bei den Marokkanern sind es vor allem die Berber, die auffällig werden. Sie werden von allen Seiten abgelehnt und schlecht behandelt. Ein Großteil der marokkanischen Dschihadisten sind Berber. Sie haben mit großen Identitätsproblemen zu kämpfen, denn sie sind weder Franzosen noch Araber. Diese Belastungen führen dazu, dass es in Frankreich mehr Anschläge gibt als in anderen europäischen Ländern.

Sie sprechen von den Tätern als "wiedergeborene Muslime", die aus ursprünglich de-islamisierten Familien kommen und dann die Religion in einer radikalen Form wiederentdecken. Welche Rolle spielt der Islam bei der Radikalisierung?

Khosrokhavar: Das ist je nach Land unterschiedlich. In Frankreich ist es tatsächlich eine junge Generation, die den Bezug zum Islam verloren hatte und jetzt meint, im Dschihad eine neue Identität zu finden. Damit wollen sie die Rolle umkehren, die man ihnen auferlegt hat. Das heißt, sie verwandeln ihre Unterlegenheit in eine Überlegenheit, indem sie zu Dschihadisten werden. Häufig sind diese Täter zunächst als Kleinkriminelle zu Haftstrafen verurteilt worden. Im Gefängnis verurteilen sie ihrerseits die Gesellschaft zum Tode. Als Dschihadisten werden sie weltweit zu Stars. Ihr Foto geht zur Hauptsendezeit um die Welt. Es ist also diese Umwertung, die ihren Weg zum radikalen Islam beschreibt.

Frankreichs Muslime bekunden nach den Anschlägen in Paris vom 13. November 2015 ihre Ablehnung jeglicher Gewalt im namen des Islam; Foto: picture-alliance/dpa
Ablehnung von Gewalt im Namen des Islam: Bei der Anschlagsserie am 13. November 2015 waren in Paris 130 Menschen getötet worden. Später bekannte sich die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) zu den Attentaten. Zahlreiche Muslime in Frankreich distanzierten sich von der Gewalt der Dschihadisten und bekundeten ihre Anteilnahme für die Opfer der Attentate.

Gilt das auch für andere europäische Länder?

Khosrokhavar: In Großbritannien gibt es eine engere Verbindung zwischen einem traditionalistischen Islam und der Radikalisierung. In Frankreich hat der strikte Laizismus in gewisser Weise die kulturelle Kontinuität des Islam zerschnitten, das ist in Großbritannien weniger der Fall. Die türkische Gemeinschaft in Deutschland steht stark unter dem Einfluss der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Sie achtet darauf, dass die Imame sich nicht radikalisieren. Insofern handelt es sich um einen kontrollierten Islam, der nur wenig Radikalisierung zulässt.

Wenn jemand Passanten mit einem Messer angreift, gibt das normalerweise eine lokale Meldung über einen kriminellen Akt. Sobald die Tat im Namen des Islam geschieht, gehen die Bilder um die Welt. Was macht den besonderen Schrecken dieses Mordens aus?

Khosrokhavar: Das liegt daran, dass der Islam in den weitgehend säkularisierten europäischen Gesellschaften als etwas vollkommen Fremdes angesehen wird. Wenn jemand im Namen eines korsischen oder nordirischen Nationalismus tötet, dann lehnt man das natürlich ab, aber man versteht den historischen Kontext. Der Dschihad aber kommt für Europäer aus einer völlig anderen Welt. Gleichzeitig hat er eine symbolische Bedeutung, die zentral ist. Wer im Namen des Dschihad tötet, kündigt der Gesellschaft auf einer symbolischen Ebene das Zusammenleben auf.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.