Interview mit dem Soziologen Armin Nassehi

Heimat-Debatte als misslungene Symbolpolitik

Was ist eigentlich Heimat? "Ein Ort, wo man sein kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen, dass man da ist", sagt der Soziologe Armin Nassehi im Interview mit Klaus Krämer und erklärt zugleich, warum Heimatministerien Unsinn sind.

Herr Nassehi, warum hat der Begriff "Heimat" derzeit in Deutschland wieder Konjunktur?

Armin Nassehi: Wir erleben ja seit einigen Jahren das, was man Identitätspolitik nennen kann. Die Frage nach Zugehörigkeiten, die Frage, wie man das Eigene beschreibt, die Frage - natürlich auch durch die Flüchtlingskrise ausgelöst - was eigentlich deutsch ist. Die Frage, wer dazugehört und wer nicht. Und all das bedient der Heimatbegriff und deshalb hat dieser Begriff tatsächlich wieder Konjunktur.

Nun hat ja schon der Schriftsteller Max Frisch das deutsche Wort "Heimat" für unübersetzbar gehalten. Und die zahlreichen Diskussionen und Heimatbegriffe sind inzwischen so vielschichtig, dass er sich jeder eindeutigen Definition entzieht. Möchten Sie es dennoch wagen, Heimat zu definieren?

Nassehi: Wahrscheinlich ist Heimat, wo man sein kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen, dass man da ist. Ich glaube, so kann man Heimat abstrakt definieren. Nur würde man es sich damit zugleich einfach machen, denn beim Heimatbegriff geht es ja nicht nur um das, was dort bezeichnet wird. Es geht auch darum, diesen, wie Sie richtig sagen, völlig uneindeutigen Begriff zu verwenden, der einen großen Assoziationsraum hat.

Der Heimatbegriff ist übrigens zunächst ein Rechtsbegriff gewesen. Heimat war der Ort, an dem jemand geboren oder gemeldet war. Er wurde dann ein sehr romantisierter Begriff, in den man alles Mögliche hineindenken kann bis zum metaphysischen Heimatlosigkeitsgefühl - auch das gibt es nur im Deutschen. Aber als Soziologe würde ich sagen: Als Heimat bezeichnet man den Ort, an dem man nicht legitimieren muss, dass man da ist.

Das beinhaltet natürlich eine große Bandbreite. Das kann der Ort sein, an dem man immer gelebt hat. Aber das können auch Leute sein, die erst später dazugekommen sind, aber mit Recht behaupten können, hier gehöre ich hin. Und niemand widerspricht. Heimat ist also stets auch an die Anerkennung der anderen gebunden.

Grenzübergang Weil am Rhein - Basel; Foto: dpa/picture-alliance
Spätestens seit im Jahr 2015 hunderttausende Geflüchtete über die europäischen Grenzen kamen, wird der Begriff "Heimat" zunehmend scharf diskutiert - an Küchentischen, in der Gesellschaft, in der Politik. Die Diskussion dreht sich immer wieder um Fremdenfeindlichkeit, Integration, Toleranz, Kulturbruch oder der Umgang mit dem Islam. Dass es in Deutschland inzwischen drei Heimatministerien gibt, ist eine Folge dieser Entwicklung.

Sie selbst sind aufgewachsen in Tübingen, München, Landshut, Teheran und Gelsenkirchen. Was ist denn für Sie persönlich Heimat?

Nassehi: Diese Frage hab ich schon befürchtet. Es ist für mich ganz schwer, mich an einen Raum zu binden. Am ehesten wären das die beiden Orte, an denen ich am längsten gelebt habe, München und Münster. Nach Gelsenkirchen war ich noch 20 Jahre in Münster. Aber das ist ganz schwer zu sagen. Für mich ist es eigentlich eher so eine Idee, die mit Olfaktorischem [alles, was den Geruchssinn betrifft, Anm. d. Red.] und mit Klängen, mit Musik zu tun hat.

Ich kann mich sehr gut erinnern an bestimmte Formen von Musik, die auch in der Familie eine Rolle gespielt haben, die ich heute noch höre. Da empfinde ich Heimat. Ich bin auch jemand, für den zum Beispiel Kirchenräume etwas Vertrautes haben, aber ich könnte jetzt nicht sagen, das ist ein bestimmter Ort. Ich würde eher diese abstrakte Definition nehmen, für einen Soziologen dann vielleicht wieder erwartbar: Heimat ist da, wo ich nicht legitimieren muss, dass ich dorthin gehöre und wo ich mich gewissermaßen blind bewegen kann.

Wie wirkt sich ein Verlust von Heimat in aller Regel aus?

Nassehi: Der Verlust von Heimat wirkt sich in zweifacher Weise aus: oft als Idealisierung der alten Heimat, die man verlassen hat. Das kann man im Kleinen erleben, wenn man das erste Mal auf Reisen war und den Kontinent verlassen hat. Viele machen die Erfahrung, dass sie erst Europäer oder Deutsche wurden, als sie mal in den USA oder in Asien waren - wegen der Distanz und Fremdheitserfahrung sozusagen. Der Verlust der alten Heimat ist immer mit Idealisierung verbunden - übrigens nicht nur zeitlich, sondern auch systematisch. Wenn man an die Heimattümelei der Romantik denkt, dann ist diese als intellektuelle und künstlerische Form ja in einer Zeit entstanden, in der die unbefragte, unreflektierte Heimat bereits verschwunden war. Das Heimatkonzept ist damit gewissermaßen eine Modernisierungs- und Mobilitätsfolge. Das ist der eine Aspekt.

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