Interview mit dem Religionsgelehrten Seyed Mostafa Azmayesh

"Mit dem Koran gegen die verkehrten Muslime"

Der iranische Religionsgelehrte Seyed Mostafa Azmayesh forscht seit Jahrzehnten über die Ursprünge und die Sprache des Korans. Ulrich von Schwerin hat mit ihm über seine Bemühungen gesprochen, einen neuen Zugang zum Koran zu entwickeln.

Herr Azmayesh, letztes Jahr wurde an der Universität Birmingham ein altes Manuskript des Koran gefunden. Was bedeutet dieser Fund für die Koran-Forschung?

Seyed Mostafa Azmayesh: Es ist bekannt, dass der Koran nicht in einer homogenen Sprache geschrieben, sondern in drei verschiedenen Stilen verfasst wurde. Daher gab es viele Debatten über die Quellen des Korans. Es gab sogar die These, dass der Koran erst zwei Jahrhunderte nach der Lebenszeit Mohammeds durch gewisse Gelehrte im Iran zusammengestellt wurde. Doch der Koran in Birmingham und andere Manuskripte zeigen, dass dieses Buch bereits zur Zeit des Propheten existierte. Eine Analyse des Papiers und der Tinte mit Hilfe der neuesten Technologie zeigt, dass der Koran von Birmingham die älteste existierende Ausgabe ist und er zu einer Zeit geschrieben wurde, als der Prophet noch lebte. Diese Entdeckung setzt vielen Spekulationen über den Ursprung des Korans ein Ende. Daher muss man nun eine andere Erklärung finden für die Nicht-Homogenität der Sprache des Koran.

Sie schreiben in Ihrem kürzlich veröffentlichten Buch über den Koran, dass der Prophet in der Tradition früherer monotheistischer Religionen stand und vertraut mit ihren Schriften war.

Azmayesh: Zu Lebzeiten des Propheten waren die meisten Menschen der Arabischen Halbinsel ungebildete, des Lesens nicht mächtige Beduinen. Doch in Mekka und Medina gab es eine gebildete Gemeinde, zu der Mohammeds Familie gehörte. Diese Gemeinde hatte Kenntnis der monotheistischen Religion des Christentums, des Judentums und des Manichäismus, die in Syrien und dem Jemen verbreitet waren. Der Hauptteil des Korans steht in der Kontinuität existierender Texte und Lehren der monotheistischen Meister wie Abraham, Isaak und Ismail. Es bezieht sich auf diese Quellen – nicht notwendigerweise auf die offizielle Bibel, sondern auf eine andere Quelle – wobei es sich laut meiner Forschung um die Schriften von Qumran am Toten Meer handelt.

Sie haben gesagt, dass wenn der Koran zu Lebzeiten Mohammeds verfasst wurde, man eine andere Erklärung für die unterschiedlichen Stile im Koran benötigt. Worin besteht Ihre Erklärung?

Azmayesh: Als Mohammed den Beduinen von den monotheistischen Lehren zu erzählen begann, konnten sie nicht verstehen und akzeptieren, was er sagte. In ihren Augen war Mohammed ein infiltrierter Agent einer der Arabischen Halbinsel fremden Kultur, der ihre Traditionen und Gebräuche ändern wollte. Die Beduinen äußerten zahlreiche Einwände gegen die Lehren Mohammeds, die im Koran in ihrer eigenen Sprache wiedergegeben werden. Daher erkennt man drei verschiedene Stile im Koran: Die reine Lehre Mohammeds, die Einwände der Beduinen und die Antworten Mohammeds darauf. Dies ist der Grund, warum es im Koran keine homogene Sprache gibt.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.