Interview mit dem Politikwissenschaftler Rajeev Bhargava

Die Angst der indischen Muslime zerstreuen

Indiens neue Regierungspartei, die hindu-nationalistische BJP, hat den zweifelhaften Ruf, die interreligiösen Spannungen auf dem Subkontinent geschürt zu haben. Marian Brehmer sprach mit dem indischen Politikanalysten Rajeev Bhargava über den Wahlsieg von Narendra Modi und die Befürchtungen der Muslime vor dem Erstarken der Hindu-Nationalisten.

Bedeutet der haushohe Wahlsieg der BJP das Ende des Familienherrschaftsmodells der Kongresspartei?

Rajeev Bhargava: Dieser Sieg ist mit Sicherheit ein großer Schlag für diese Partei und ihre Politik. Aber ich würde nicht sagen, dass dies das Ende des Modells der Kongresspartei bedeutet. Es gibt viele Gründe für ihre Niederlage: Arroganz, Selbstgefälligkeit, Abkopplung von den Menschen und natürlich die zahlreichen Korruptionsskandale. Aber entscheidender als alles andere war wohl die Unfähigkeit aller Parteien – mit Ausnahme der BJP – neue Technologien und effiziente Werbung für Wahlzwecke zu nutzen. Modis Wahlkampf war in dieser Hinsicht hervorragend.

Mit 66 Prozent war die Wahlbeteiligung die höchste in der Geschichte Indiens. Womit hängt das zusammen?

Bhargava: Es scheint mir zwei Gründe hierfür zu geben: In erster Linie hatten die Menschen das Gefühl, dass diese Wahl sehr bedeutend war. Diejenigen, die für den neuen Premier und seine Partei stimmten, haben nun eine sehr große Erwartung, dass die neue Regierung den materiellen Wohlstand der Menschen signifikant steigern wird. Diese Erwartungshaltung reflektiert die hohe Wahlbeteiligung. Ein anderer Grund liegt darin, dass seit der letzten Wahl über 100 Millionen Wähler dazugekommen sind, die alle zwischen 18 und 23 Jahren alt sind. In einem kürzlich erschienenen Buch über die indische Demokratie gibt es ein recht aufschlussreiches Faktum: Demnach nehmen die Bürger Indiens deshalb an Wahlen teil, weil sie von der Wichtigkeit demokratischer Partizipation überzeugt sind – und nicht weil sie in erster Linie die Folgen ihrer Abstimmung im Kopf haben. Das war mir auch neu.

Ist Narendra Modis Popularität vor allem bei jungen Wählern verbreitet?

Narendra Modi; Foto: Reuters
Politische Zeitenwende für Indien: Die Hindu-Nationalisten um Narendra Modi triumphieren nach der Parlamentswahl und können in Indien künftig alleine regieren. Die Partei BJP erreichte auch ohne ihre Partner eine absolute Mehrheit.

Bhargava: Auf jeden Fall ist Modi recht beliebt unter jungen Menschen. Der rasante Popularitätszuwachs ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass er vor ein paar Jahren noch ein Außenseiter war. Modi war nie in der Nationalregierung vertreten. Seine bisherige Erfahrung ist ausschließlich auf die Politik in Gujarat beschränkt. Diese Außenseiterstellung hat er als Wahlkampfstrategie genutzt um zu zeigen, dass er nicht zu den korrupten Eliten gehört. Bemerkenswert ist außerdem, dass diese Wahl für die Finanzkraft der BJP stehen wird. Die Geldsummen, die von der Opposition für Werbung ausgegeben wurden, sind beispiellos. Die Werbekontingente zu TV-Hauptsendezeiten wurden alle von der BJP aufgekauft, es gab nur einen geringen Raum für andere Parteien. Einen gleichen öffentlichen Zugang wurde den Parteien nicht eröffnet. Man kann sagen, dass Modi zum großen Teil durch die Medien, einschließlich der Neuen Medien, zu dem gemacht wurde, was er ist.

Viele Politiker und Beobachter im Westen haben mit Skepsis auf Modis Wahlsieg reagiert. Wie lassen sich diese Vorbehalte Ihrer Ansicht nach erklären?

Bhargava: Der Westen sieht die Ultranationalisten recht kritisch. Man neigt dazu, Modi innerhalb des Menschenrechtssystems zu betrachten und kritisiert zu Recht die Rolle, die er bei den Unruhen in Gujarat im Jahr 2002 gespielt hat. Das Mindeste was man sagen kann, ist, dass Modi für die Ereignisse in moralischer Hinsicht verantwortlich ist. Aber nun wird der Westen eine Arbeitsbeziehung zu Modi aufbauen. Einige im Westen haben gedacht, dass Indien zerfallen werde, wenn Modi an die Macht kommt, dass die Verfassung auseinanderbricht oder ähnliches. Die Länder des Westens neigen dazu, stets Katastrophenszenarien zu zeichnen, wenn die Dinge nicht so verlaufen wie sie erwarten. Sie müssen lernen, Indien innerhalb seines eigenen Rahmens zu verstehen und Modis Fehler innerhalb dieses Rahmens aufzudecken.

Ist Modi immer noch der unverhohlene Muslimhasser, der er für den Großteil seiner Karriere war?

Manmohan Singh, Foto: UNI/ASHISH KAR
Historisches Scheitern: Indiens bisheriger Premierminister Manmohan Singh hat sein Amt nach zehn Jahren niedergelegt. Seine bisher regierende Kongresspartei fuhr das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein und stürzte bei der Wahl auf 44 Sitze ab.

Bhargava: In den sechs Monaten Wahlkampf war Modi vorsichtig genug, kein Thema zu behandeln, das den Eindruck erwecken könnte, er sei gegen irgendeine Minderheit eingestellt. Ich hoffe natürlich, dass Modis Agenda sich durch die Zwänge des politischen Alltagsgeschäftes mäßigen wird. Es gibt natürlich viele solcher institutioneller und konstitutioneller Zwänge, die Auswirkungen auf den extremen Hindu-Nationalismus haben werden. Optimistisch gesehen gibt es in Indien genügend Institutionen, wie etwa die Justiz, die solche exzessiven Tendenzen regulieren werden. Außerdem hat die BJP ihre Machtbasis zwar in den nördlichen Bundesstaaten, aber nicht im ganzen Land. Die Extremisten unter ihnen können nicht einfach anfangen, das ganze Land zu überrennen.

Dennoch zeigen sich Indiens Muslime nach Modis Wahlsieg recht pessimistisch, um nicht zu sagen angsterfüllt…

Bhargava: Es ist vollkommen verständlich, dass die Muslime Angst haben. Ihre Angst vor der BJP hat ihren Ursprung in der Vergangenheit und geht noch weiter zurück als die Unruhen von Gujarat. Die BJP muss ihre Besessenheit gegenüber den Muslimen aufgeben. Nur dann lässt sich die Angst der Muslime zerstreuen. Man darf nicht vergessen, dass zahlreiche Muslime Indien als ihre Heimat betrachten, sie sind keine Immigranten. Ihre Vorväter kommen aus diesem Land, weshalb sie eng mit ihrer Heimat verbunden sind. Sie müssen sich daher nicht automatisch fürchten. Anders ist es jedoch bei all jenen, deren Leben bereits durch jegliche Form von religiösem Hass und Sektiererei beeinträchtigt wurde, angeheizt von der BJP oder von einer anderen Partei. Sie haben definitiv einen Grund sich zu fürchten. Aber man sollte deutlich sehen: Sobald in Indien der Frieden zwischen den religiösen Gemeinschaften gestört ist, sind auch Hindus betroffen. Einige von ihnen mögen für Gewaltakte mobilisiert werden, doch leiden sie ebenfalls darunter. Nach diesen Wahlen wird nun jeder in Indien beobachten, wie die neue Regierung mit dem Zusammenleben der religiösen Gemeinschaften umgehen wird. 

Worin bestehen die drängendsten Probleme der muslimischen Bevölkerung?

Bhargava: Die Mehrheit der Muslime will schlicht das, was alle Inder wollen: bessere Bildung, Jobs, materieller Wohlstand, sauberes Wasser und eine bessere Infrastruktur. Außerdem spüren sie wie jede Bevölkerungsgruppe ein Bedürfnis, ihre kulturelle Identität zu wahren. An vielen Orten, vor allem auf dem Land, sind die Muslime lediglich Teil des größeren sozialen Gefüges – so wie jede andere Kaste in Indien. Vor allem in den urbanen Zentren, wo die Kastenunterschiede weitgehend verschwunden sind, nehmen Muslime ihre kulturelle Identität stärker wahr. In einigen Bundesstaaten wie Kerala hingegen überschneiden sich Kultur und Sprache der Hindus, Muslime und Christen. Die Religionszugehörigkeit ist nicht der erste und einzige Faktor, der ihre Identität regiert.

Haben Sie in den vergangenen Jahren Veränderungen im Verhältnis zwischen Hindus und Muslimen beobachten können?

Indische Muslimas in Kalkutta; Foto: picture-alliance/AP
Anlass zur Unruhe: "Die Angst der Muslime vor der BJP hat ihren Ursprung in der Vergangenheit und geht noch weiter zurück als die Unruhen von Gujarat im Jahr 2002", schreibt Rajeev Bhargava.

Bhargava: Ja. Insgesamt hat die Entfremdung von Hindus und Muslimen zugenommen. Die Muslime haben sich in letzter Zeit entfremdeter gefühlt als zuvor. Vor allem im städtischen Gebieten haben sich die Menschen von ihrer bisher traditionellen Sozialisation entfernt. In einigen Gegenden Südasiens hat sich der Glaube in Religion im westlichen Sinne gewandelt zu Bekenntnisorientierung und Ideologie. Die Menschen sind stärker an ihre Gemeinschaften gebunden. Eine der negativen Auswirkungen der Verwestlichung ist, dass Persönlichkeiten mit strikten religiösen Botschaften auf dem Vormarsch sind und damit die Bedingungen für Gewalt zwischen den Gemeinschaften geschaffen werden.

Wie entsteht diese Gewalt?

Bhargava: Der wichtigste Faktor für gegenseitige Entfremdung ist Gewalt. Wird eine Person aus einer Gemeinschaft getötet, so sorgt dies in der gesamten Community für Unruhe. Das ist übrigens nicht nur bei Muslimen der Fall, sondern zum Beispiel auch bei den hinduistischen Pandits aus dem Kaschmir, die ihre Heimat verlassen mussten. Ein anderer Faktor ist Absonderung im Alltag. Trennung führt zu Spannungen. Wenn Menschen nicht zusammenleben und nicht in regelmäßigem Kontakt stehen, verstärkt dies das Misstrauen. Wenn sie durch Handel miteinander verbunden sind und über die Grenzen ihrer Gemeinschaft hinaus Freunde haben, verringert sich das Misstrauen. Im Großen und Ganzen hat die im Westen herrschende Islamophobie die Situation in Indien verschlimmert. Globale Medien haben das Bild von Muslimen als Terroristen befördert. Wenn diese irrationalen Ängste gegenüber Muslimen im Westen abnehmen werden sie auch weltweit abnehmen.

Interview & Übersetzung aus dem Englischen von Marian Brehmer

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Professor Rajeev Bhargava, einer der bekanntesten indischen Politikwissenschaftler, ist gegenwärtig am "Centre for the Study of Developing Societies" (CSDS) in Neu Delhi tätig. Gastprofessuren führten ihn nach Harvard, Jerusalem, Berlin (WIKO) und nach Paris (Science Po). Zu seinen wissenschaftlichen Publikationen zählen u.a. "Secularism and Its Critics" (1998), "Politics and Ethics of the Indian Constitution" (2008) sowie "The Promise of India’s Secular Democracy" (2010).

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