Interview mit dem Pianisten Aeham Ahmad

Bittersüße Syrien-Erinnerung

Mit seinem Klavierspiel und Gesang im bürgerkriegszerstörten Palästinenserlager Jarmuk in Syrien verleiht der syrisch-palästinensische Musiker Aeham Ahmad notleidenden Menschen Hoffnung. Für sein Engagement wurde der 27-Jährige nun mit dem Internationalen Beethovenpreis ausgezeichnet. Mit ihm sprach Rim Dawa.

Warum sind Sie nach Ihrem Musikstudium an der Al-Baath-Universität in Homs zum palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk bei Damaskus zurückgekehrt?

Aeham Ahmad: Ich hatte keine andere Wahl. Nach dem Beginn der Revolution 2011 wurde die Situation täglich schlimmer. Dann wurde eine Blockade über Jarmuk verhängt. Wir hatten keine Lebensmittel, keinen Strom, kein fließendes Wasser. Alles ist irrsinnig teuer geworden. Wir mussten sogar Katzen essen, um zu überleben. Menschen sind den Hungertod gestorben - auch einige meiner Freunde und Nachbarn. Indessen schaute die ganze Welt einfach zu, ohne wirklich zu handeln.

Die schwersten Zeiten für mich waren, als ich meinem Sohn Ahmad zusah, wie er vor Hunger weinte - und ich konnte nichts für ihn tun. Ich war machtlos. Mir schien, als ob ich nichts zu tun oder zu verlieren hätte. Der Tod schien unausweichlich. Deshalb habe ich mich entschlossen, ihm mit Würde zu begegnen und zu versuchen, mit meiner Musik das Leben der Lagerbewohner ein wenig aufzuhellen. Ich zog mein Klavier auf einem Karren auf die Straße. Dort spielte ich Lieder, die ich komponiert hatte und die von der Situation im Lager und in Syrien im Allgemeinen inspiriert worden waren - dort, wo Blutvergießen und Tod allgegenwärtig sind. Ich spielte Klavier und sang zusammen mit Freunden - auch mit Kindern. Zainab, ein süßes Mädchen, das mitgesungen hat - das Video kann man auf YouTube sehen - ist später durch einen Kopfschuss gestorben. Es ist sehr schmerzhaft, an sie zu denken.

Wie kam es dazu, dass Sie Syrienverlassen mussten?

Ahmad: An meinem Geburtstag im vergangenen Mai wollte ich das Lager verlassen und an einem anderen Ort in der Nähe spielen. Ich zog den Karren mit meinem Klavier und erreichte einen Checkpoint. Dort hielt mich ein "IS"-Anhänger an und sagte: "Wissen Sie nicht, dass dieses Instrument verboten ist?" Dann hat er es einfach verbrannt. In jenem Moment ging nicht nur mein Klavier, sondern auch mein Herz in Flammenauf.

Dann habe ich den Entschluss gefasst, Syrien zu verlassen und nach Deutschland zu flüchten. Hier möchte ich die Stimme des Jarmuk-Lagers sein, etwas für Syrien tun und eine sichere Zukunft für meine Söhne gewährleisten: Ahmad, der drei Jahre alt ist, und Kinan, anderthalb Jahre.Meine Mutter hat mir die nötige Summe gegeben - rund 3.000 Euro. Sie sagte mir: "Nimm das Geld einfach und verlasse das Land. Ich möchte nicht, dass dir das Gleiche wie deinem Bruder widerfährt." Mein Bruder wurde vor drei Jahren verhaftet und wir haben keine Ahnung, ob er noch lebt oder nicht.

Sie sind jedoch allein gefahren?

Ahmad: Ich hatte vor, Frau und Kinder mitzubringen, aber zum Glück sind sie erst später dazu gestoßen, denn die Reise war sehr hart. Unterwegs sah ich, wie selbst starke Männer zusammengebrochen sind. Wir sind zunächst in die syrische Stadt Homs gekommen und hatten vor, über die Türkei und Griechenland nach Deutschland zu gelangen. In Homs wurde ich aber verhaftet und neun Tage interniert. Deshalb mussten meine Frau und meine Kinder zum Lager in Damaskus zurückkehren. Nach der Entlassung aus der Haft war ich vollkommen gebrochen, entschloss mich aber dann, alleine nach Deutschland weiterzureisen und später zu versuchen, meine Familie nachzuholen.

Welchen weiteren Verlauf nahm Ihre Reise?

Ahmad: Die Fahrt über das offene Meer und durch die Türkei waren für mich sehr gefährlich. Im Boot waren wir dem Tode nahe. Dennoch bin ich heil angekommen. Und ich möchte den Deutschen und ihrer Regierung danken, dass Sie uns wie Menschen behandelt haben. Nachdem ich in verschiedenen Unterkünften gelebt hatte, bin ich jetzt vorläufig in einem Heim nahe Gießen untergebracht worden. Deutschland hat Wunderbares für Flüchtlinge getan und tut das weiterhin. Dennoch muss ich erwähnen, dass das Verfahren sehr lange dauert. Die Leute, die in Syrien zurückgeblieben sind, sind in jeder Minute bedroht. Ich bitte nicht um Geld. Ich möchte nur, dass meine Dokumente schnell bearbeitet werden, damit ich eine Chance habe, meine Frau und Kinder hierher zu holen. Sie sind in Gefahr, und ich fühle mich schuldig, dass ich sie dort zurückgelassen habe.

Welche Bedeutung hat für Sie der Beethoven-Preis, der Ihnen jüngst verliehen wurde?

Ahmad: Beim Konzert zur Preisverleihung spiele und singe ich Lieder, die ich in Jarmuk geschrieben habe. Eines davon sang ich zusammen mit dem Mädchen, das später verstarb. Die Worte zu einem weiteren Lied hat mein bester Freund geschrieben. Er kam aus Gaza. Auch er ist umgekommen. Ein anderes Lied widme ich meinem engen Freund Zakaria al-Khatib, dessen Frau bei der Geburt ihres ersten Sohnes verstarb. All diese Lieder rufen tiefe und gemischte Gefühle in mir hervor: bittere und süße Erinnerungen an Syrien.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ahmad: Ich möchte Deutschland noch einmal danken für alles, was für uns Flüchtlinge getan wird, während Saudi-Arabien - und auch der palästinensische Präsident Mahmud Abbas - uns die Einreise verweigert haben. Mein Traum ist, nach Palästina auszuwandern. Und dass mir geholfen wird, so bald wie möglich mit meiner Familie zusammenzukommen.

Das Gespräch führte Rim Dawa.

© Deutsche Welle 2015

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