Wie blicken Sie heute auf Jerusalem? Die Stadt ist noch immer geteilt …

Oz: Ich habe gemischte Gefühle, was Jerusalem angeht. Die Stadt ist faszinierend, schön, tragisch und extrem attraktiv für jegliche Art von Fanatikern oder Erlösern, für Weltverbesserer, selbsternannte Propheten oder Messiasse. Das ist faszinierend. Aber ich glaube, ich könnte nicht inmitten all dieser Menschen leben. Ich brauche meine Distanz.

Ich weiß nicht, was in Jerusalem passieren wird, aber ich weiß, was passieren sollte. Jedes Land dieser Welt sollte dem Beispiel von Präsident Trump folgen und seine Botschaft nach Jerusalem verlegen. Gleichzeitig sollte es aber die Botschaft eines jeden Landes der Welt in Ostjerusalem als der Hauptstadt Palästinas geben.

Sie waren schon immer ein starker Verfechter der Zwei-Staaten-Lösung...

Buchcover "Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers" von Amos Oz im Suhrkamp-Verlag
Appell zum Umdenken: "Die Fanatiker auf beiden Seiten werden alles daran setzen, jeglichen Kompromiss zu verhindern - sie arbeiten hart daran. Aber hier sind unterschiedliche Uhren am Werk. Gleichzeitig realisieren nämlich gerade viele Teile der arabischen Welt, viele Teile des Islam, besonders der sunnitische Islam, dass Israel gar nicht ihr Problem ist und niemals war", so Amos Oz.

Oz: Ich vertrete diese Idee seit 50 Jahren und finde sie immer noch richtig - das ist ungewöhnlich. Meistens widerspreche ich den Dingen, die ich am Morgen gesagt habe, bereits am selben Abend. Es ist einfach. Wir sprechen über ein sehr kleines Haus - ungefähr von der Größe Dänemarks. Es ist die einzige Heimstätte der Juden, es ist auch die einzige Heimstätte der palästinensischen Araber.

Wir können nicht eine gemeinsame glückliche Familie werden, denn wir sind nicht eins, wir sind nicht glücklich, wir sind nicht Familie. Wir sind zwei unglückliche Familien. Also müssen wir das Haus in zwei kleinere Wohnungen unterteilen. Es gibt keinen Grund, auch nur darüber zu fantasieren, dass nach einhundert Jahren des Blutvergießens, Zorns und Konflikts Juden und Araber miteinander ins Ehebett springen und beginnen, sich zu lieben, anstatt Krieg zu führen wie ein ungleiches Paar.

Ihr neues Buch widmen Sie den Fanatikern auf beiden Seiten. "Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers" lautet der deutsche Titel. Wie schaffen Sie es, noch immer an eine Zwei-Staaten-Lösung zu glauben, wenn Sie doch all diese Fanatiker - religiöse und nationalistische - am Werk sehen?

Oz: Die Fanatiker auf beiden Seiten werden alles daran setzen, jeglichen Kompromiss zu verhindern - sie arbeiten hart daran. Aber hier sind unterschiedliche Uhren am Werk. Gleichzeitig realisieren nämlich gerade viele Teile der arabischen Welt, viele Teile des Islam, besonders der sunnitische Islam, dass Israel gar nicht ihr Problem ist und niemals war.

Es gibt einen viel größeren Feind: Iran. Israel ist sogar ein möglicher Verbündeter für Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Nordafrika, die Golfstaaten, vielleicht sogar für ein künftiges Syrien. Erteile ich Ihnen eine eindeutige Voraussage? Selbstverständlich nicht.

In "Liebe Fanatiker” versuchen Sie zu ergründen, was das jüdische Volk zu einer Nation - und nicht allein zu einer Religion - macht. Wie definieren Sie einen jüdischen Staat?

Oz: Bevor ich dies definiere, muss ich eine klare Unterscheidung einfordern: "Der Staat der Juden" und nicht der "jüdische Staat". Herzls Roman hieß "Der Judenstaat", nicht "Der jüdische Staat". Ein Staat kann nicht jüdisch sein - ebenso wenig, wie ein Auto jüdisch sein kann. Ein Staat ist ein Fahrzeug, ein Instrument. Es kann ein gutes, ein schlechtes, ein verfaultes, ein stinkendes Instrument sein. Ein "Staat der Juden" ist eine andere Idee.

Dies bedeutet, dass die Juden, ebenso wie jede andere Gruppe auf der Welt, das Recht haben, die Mehrheit und nicht eine Minderheit auf einem kleinen Fleckchen Erde zu sein. Dies ist der Staat des jüdischen Volkes - und zugleich der all seiner nicht-jüdischen Staatsbürger. Ich beschreibe hier, wie es sein sollte, nicht wie es tatsächlich ist.

Als kleiner Junge waren Sie selbst ein militanter Zionist, ein Fanatiker.

Oz: Ich habe geglaubt, die Sache der zionistischen Juden sei hundertprozentig richtig. Und jeder, der uns dies missgönnt oder dem widerspricht oder dieser Sache im Weg steht, sei ein Antisemit, ein Rassist, ein Monster. Es hat eine Weile gedauert, zu begreifen, dass die Erfüllung des Traums der Juden einen Preis hatte. Und in einem großen Maß mussten die palästinensischen Araber diesen Preis zahlen. Als Kind habe ich das nicht begriffen. Ich begreife es jetzt.

Fürchten sie derzeit einen neuen Antisemitismus - auch in der Israelkritik? Wo ziehen Sie die Grenze? Bis zu welchem Maße ist es legitim, den Staat Israel zu kritisieren, und wo beginnt Antisemitismus?

Oz: Ich fürchte ihn und ich erkenne ihn in mancher Israelkritik wieder. Ich werde versuchen, für Sie die Trennlinie zu ziehen. Wenn Sie argumentieren, Israel begehe furchtbare Verbrechen in den besetzten Gebieten - dann werde ich Ihnen zustimmen. Wenn Sie dann weitermachen und sagen, Israel begehe die schlimmsten Verbrechen auf Erden heute, dann werde ich sagen, dass Sie übertreiben und wir einander nicht einig sind. Wenn Sie dann noch einen Schritt weitergehen und sagen, das, was Juden den Palästinensern antun, sei schlimmer als das, was die Nazis den Juden angetan haben, dann würde ich sagen, Sie gehören in die Psychatrie. Wenn Sie aber hinzufügen "Und deshalb sollte es kein Israel geben", dann ist der Moment erreicht, in dem Sie die Grenze überschreiten. Niemand hat nach Hitler gesagt, möge es doch kein Deutschland mehr geben. Oder nach Stalin, es solle kein Russland mehr geben.

Wo sehen Sie Israel in 70 Jahren? Was wünschen Sie dem Staat für die Zukunft?

Oz: Dies ist das Land der Propheten, hier gibt es zu viel Konkurrenz im Geschäft mit Prophezeiungen (lacht). Ich wage nicht einmal, Ihnen zu sagen, wo Israel in sieben Monaten stehen wird. Ich sage Ihnen, was ich möchte. Dies wird die kürzeste Antwort des gesamten Interviews sein: Frieden.

Das Interview führte Sarah Judith Hofmann.

© Deutsche Welle 2018

Amos Oz wurde am 4. Mai 1939 in Jerusalem geboren. 1954 trat er dem Kibbuz Hulda bei und änderte seinen Nachnamen von Klausner zu Oz, was auf Hebräisch Kraft, Stärke und Mut bedeutet. Seine Bücher wurden in etliche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, sein autobiographischer Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" auch verfilmt. Sein neues Buch "Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers" ist bei Suhrkamp erschienen.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.