Interview mit dem israelischen Schriftsteller Amos Oz

"Ich möchte Frieden"

Als der Staat Israel gegründet wurde, war er ein Kind, heute ist er einer seiner berühmtesten Schriftsteller. Im Interview mit Sarah Judith Hofmann erzählt Amos Oz von 1948, den Fanatikern von heute und warum er weiter an den Frieden glaubt.

Israel feiert in diesen Tagen sein 70-jähriges Bestehen. Stoßen Sie auf die Staatsgründung an?

Amos Oz: Ja, ich werde mein Glas auf Israel erheben, weil ich die Welt, in die ich geboren wurde, mit der vergleiche, in der wir heute leben. Nein, die heutige Welt erscheint mir nicht als Paradies oder Himmelreich. Aber ich wurde in die Welt Nazi-Deutschlands hineingeboren - mit Hitler, Stalin und Mussolini. Ich wurde in einer winzig kleinen Enklave verängstigter jüdischer Flüchtlinge geboren. Wir waren weniger als eine Million, ohne klare Perspektive oder Zukunft. Hoffnungen gab es, aber eben keine klare Perspektive. Ja, ich glaube, diese sehr harte, grausame, blutige Welt, in der wir heute leben, ist weniger blutig, grausam und hoffnungslos als die Welt der frühen 1940er Jahre.

Sie wurden in Jerusalem geboren, noch bevor der Staat Israel ausgerufen wurde. Wie fühlte sich das Leben an, in dieser winzig kleinen Enklave, wie Sie sie gerade nannten?

Oz: Während meiner gesamten Kindheit schwebte eine schwere Wolke voller Schmerz und Enttäuschung und Unsicherheit über meinem Zuhause, über meiner kleinen Straße, meiner Nachbarschaft, über dem jüdischen Jerusalem, dem jüdischen Israel. Meine Eltern haben ihre enttäuschte Liebe zu Europa nie mit mir geteilt. Das ist nichts, worüber man mit einem kleinen Jungen spricht: über Europa, das man geliebt hat und das einen gewalttätig und voller Schande hinausgeworfen hat. Aber ich konnte den Schmerz und die Sehnsucht spüren. Ich konnte sogar ahnen, dass sie künstlich versuchten, inmitten dieses heißen und trockenen Klimas von Jerusalem, eine kleine Enklave Europa zu erschaffen. Es war eine seltsame Welt für einen kleinen Jungen, voller Geheimnisse, voller Familienzensur.

Sie waren neun Jahre alt, als David Ben-Gurion die Unabhängigkeit des Staates Israel ausrief. Wie haben Sie den 14. Mai 1948 erlebt?

Premierminister Ben-Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv; Foto: picture-alliance/dpa
Als am 14. Mai 1948 David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung Israels verkündet, geht für viele Juden ein Traum in Erfüllung. Doch noch in der Nacht greifen arabische Länder den neuen Staat an, um seine Proklamation rückgängig zu machen. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist bis heute nicht gelöst.

Oz: Der 14. Mai war ein Freitag. Jerusalem befand sich bereits seit zwei oder drei Monaten unter arabischer Belagerung. Die einzige Straße, die Jerusalem mit den anderen jüdischen Teilen des Landes verband, war praktisch in der Hand der Araber. Von Zeit zu Zeit gelang es einigen Fahrzeugkolonnen, in die Stadt durchzubrechen. Aber wir erlebten Hunger und Wassermangel, denn die Wasserpumpen waren von irakischen Truppen in die Luft gesprengt worden. Jerusalem hatte kein Wasser - und Angst. Denn einige Monate zuvor - und dies werde ich niemals vergessen - hatten des Nachts junge begeisterte Araber aus Ostjerusalem mit Eimern voller Farbe und Pinseln in der Hand unsere Häuser markiert. Sie hatten die Häuser bereits untereinander aufgeteilt. In der Erwartung, dass wir bald nicht mehr da sein oder leben würden. Das ging an diesem Tag in meinem Hinterkopf herum.

Wie haben Sie überhaupt davon erfahren, was sich an jenem Tag in Tel Aviv abspielte?

Oz: Die Unabhängigkeitserklärung selbst haben wir am 14. Mai nicht gehört, weil es keinen Strom gab. Niemand konnte Radio hören und es gab keine Zeitungen. Was es gab, waren Gerüchte. Etwas Großes passiere gerade in Tel Aviv. Aber was genau, wusste niemand. Es war sehr abstrakt.

Es war also kein Freudentag wie der 29. November, der Tag des UN-Teilungsplans, den Sie in ihrem autobiografischen Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" beschreiben.

Nein. Sechs Monate zuvor war das noch eine Nacht voller Euphorie. Die UN-Generalversammlung hatte die Teilung Palästinas in zwei unabhängige Staaten beschlossen - einen für die Juden, einen für die Araber. Jener Tag war die Erfüllung eines historischen Traums, einer zionistischen Fantasie von einer unabhängigen Heimstätte. Aber sechs Monate später zogen die Briten ab. Fünf arabische Armeen marschierten in jenen Staat ein, der gerade erst ins Leben gerufen worden war. Sie erklärten Israel den Krieg. Nein, das war gar nicht lustig.

Amos Oz  bei der Olivenernte mit palästinensischen Bauern im Jahr  2002 als Zeichen der Solidarität gegen den fortschreitenden Siedlungsbau im Westjordanland; Foto: picture-alliance/dpa/M. Kahana
Bei der Olivenernte mit palästinensischen Landwirten: Oz hat Romane, Essays und Kinderbücher geschrieben und ist mit vielen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet worden. Als Friedensaktivist hat er unter anderem die Bewegung "Peace Now" mit gegründet. Seine kritische Sicht auf den Nahost-Konflikt stößt gerade in Israel nicht durchweg auf Zustimmung.

In "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" erzählen Sie, dass sie vor 1948 noch Freunde der Familie in arabischen Vierteln Jerusalems besuchen konnten. Wann war damit Schluss?

Oz: Schon einige Monate vor dem 14. Mai teilte eine Art eiserner Vorhang Jerusalem in ein jüdisches und ein arabisches Jerusalem. Einige arabische Bewohner der jüdischen Viertel zogen in den Osten und Süden der Stadt. Jüdische Bewohner des Ostens und Südens zogen aus Sicherheitsbedenken in den Norden und Westen. Nach dem 48er Krieg - Israels Unabhängigkeitskrieg - war Jerusalem ebenso physisch geteilt wie Berlin mit einer eisernen Mauer, Minenfeldern, Stacheldraht und einem Niemandsland. Wenn ich auf dem Dach unseres Hauses stand, konnte ich Ostjerusalem sehen. Ich konnte den Skopusberg und die arabischen Viertel sehen. Aber ich konnte auch den Mond sehen - und die Chancen, dass ich jemals einen dieser Orte betreten würde, standen ebenso hoch wie die Chancen, jemals den Mond zu betreten. Es schien unrealistisch.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.