Markiert 1967 in dieser Hinsicht den Wendepunkt?

Sternhell: Die Radikalisierung des jüdischen Nationalismus ist ein Produkt des Sechstagekrieges. Den meisten Leuten in Israel, voran den Machthabern, bedeutet nationale Identität mehr als Demokratie. Ich entsinne mich eines berühmten Rabbiners aus der Zeit nach 1967, einer der Siedlungsgründer in Hebron, der gesagt hat ‘Demokratie ist kein jüdischer Wert‘. Die Nationalreligiösen halten die liberale Demokratie für ein ausländisches, verzichtbares Element. Für sie zählt die Herrschaft der Mehrheit.

Der Premier von Ungarn würde dem zustimmen…

Sternhell: Meiner Meinung nach ist das, was Viktor Orban über illiberale Demokratie sagt – ein Begriff, den er erfunden hat – Bullshit. Demokratie ist entweder liberal oder nichtexistent.

Fast überall in der Welt sind rechte Populisten im Aufwind. Wieweit ist Israel in diesem globalen Trend eingebettet?

Sternhell: Die israelischen Nationalrechten sind dadurch zweifelsohne ermutigt. Sie kooperieren ja auch mit verschiedenen rechten Parteien in Europa. Die Trump-Episode wird nicht ewig währen. Aber unsere Rechten haben einen Zustand geschaffen, zu dem die anderen Israelis keine Alternative sehen. Sie vermögen sich nichts Besseres vorzustellen als den Status Quo.

Friedenskativisten: Fahnen von Israel und Palästina werden gemeinsam geschwenkt; Foto: dpa
"Die Chancen, zwei Staaten zu schaffen, sind bereits viele Male verpasst worden. Leider helfen jene Palästinenser, die von Rückkehr träumen, der israelischen Rechten, die jetzige Situation zu zementieren. Die Zwei-Staaten-Lösung wäre noch möglich, wenn wir uns aus dem Westjordanland zurückziehen, aber die Siedlungsblöcke behalten", meint Zeev Sternhell.

Heißt das, der Nahostkonflikt bleibt ungelöst?

Sternhell: Gegenfrage: Kennen Sie Leute, die bereit und in der Lage sind, soweit zu gehen, um das Problem zu lösen? Nein, die gibt es nicht. Die Lage ist beinahe aussichtslos. Warum sollten wir den Kampf gegen die Siedler aufnehmen, so lange in diesem nationalistischen Desaster hier nichts Dramatisches passiert, solange das Leben gut ist und die Ökonomie funktioniert?

Ohne Lösung der palästinensischen Frage kann es auf Dauer keinen demokratischen Staat Israel mit einer jüdischen Mehrheit geben. Schon jetzt leben zwischen Mittelmeer und Jordanfluss etwa genauso viele Araber wie Juden.

Sternhell: Für die jüdische Mehrheit zählt die arabische Stimme nicht. Auch Tommy Lapid von der Zukunftspartei und Labour-Chef Avi Gabbay – die einzigen Herausforderer Netanjahus – schließen eine Zusammenarbeit mit den arabischen Parteien aus. Die rechtsideologische Siedlerschaft hat einen Staat im Staate errichtet. Sie ist stärker als wir, weil sie für ihre Ideen zu sterben bereit ist, wir sind das nicht.

Wohin wird das führen? Am Ende zu einem bi-nationalen Staat?

Sternhell: Die Chancen, zwei Staaten zu schaffen, sind bereits viele Male verpasst worden. Leider helfen jene Palästinenser, die von Rückkehr träumen, der israelischen Rechten, die jetzige Situation zu zementieren. Die Zwei-Staaten-Lösung wäre noch möglich, wenn wir uns aus dem Westjordanland zurückziehen, aber die Siedlungsblöcke behalten. Nur sind wir aus eigenen Stücken dazu unfähig. Eine echte Lösung erfordert das Mittun von Israelis, Palästinensern, arabischen Staaten, den USA und Europa – eine Sisyphusaufgabe.

Das Interview führte Inge Günther.

© Qantara.de 2018

Zeev Sternhell, 83, israelischer Historiker und Politologe, hat sich weltweit einen Namen als Faschismus-Experte gemacht. An der Hebräischen Universität leitete er jahrelang die Abteilung für politische Wissenschaften. 2008 erhielt er den renommierten Israel-Preis. Im gleichen Jahr entging er, ein Vordenker des linken Friedenslagers, nur knapp dem Anschlag eines Rechtsradikalen, als vor seiner Haustür in Jerusalem eine Rohrbombe explodierte. Sternhell hat sich davon nicht einschüchtern lassen. Noch heute schreibt er für die Zeitung "Haaretz" bissige Kolumnen, in denen er die Besatzungs- und Siedlungspolitik kritisiert.

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