Interview mit dem israelischen Historiker Zeev Sternhell

Zwei-Staaten-Lösung als Sisyphusaufgabe

Inge Günther sprach mit dem renommierten Historiker Zeev Sternhell über 70 Jahre Israel, die Auswirkungen des israelisch-palästinensischen Konflikts und die nationalreligiöse Siedlerbewegung in Israel.

Sie waren ein 13-jähriger Junge, einer der wenigen aus Ihrer Familie, der den Holocaust überlebt hatte, als David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 Israels Unabhängigkeit deklarierte. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Zeev Sternhell: Ich lebte damals in Avignon, wohin es mich nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst verschlug. Israels Staatsgründung und der Befreiungskrieg hatten einen sehr großen Einfluss auf mich. Ich war noch ein Kind, aber ich wollte mitmachen. Also habe ich mich im Alter von 16 Jahren zur Alija, der Einwanderung, entschlossen, um am Aufbau einer neuen Gesellschaft teilzuhaben.

Im Rückblick von 70 Jahren ist der Staat, wie wir ihn heute haben, wohl weit weg von dem, was wir erhofften. Aber in jener frühen Zeit war es ein unglaublicher Anblick, dass Juden, deren Angehörige von den Deutschen vergast worden waren, einen Platz für sich selber schufen.

In ihrem Fall ist aus dem enthusiastischen Gefolgsmann einer bekannter Kritiker in Israel geworden. War das vor oder nach dem Sechstagekrieg?

Sternhell: 1967 war ich wie die meisten in Israel überzeugt, dass wir nur auf die ägyptische Bedrohung reagieren. Niemand von uns dachte an Jerusalem oder das Westjordanland. Dass Gamal Abdel Nasser die Lage falsch kalkulierte, dass er nicht die Absicht hatte, in einen Krieg zu ziehen, haben wir erst im Rückblick erfahren. Nach unserem Sieg im Sechstagekrieg glaubte ich auch nicht, dass wir den Sinai und die Westbank behalten werden. Ich war überzeugt, wir sollten und würden alle 1967 besetzten Gebiete zurückgeben.

Die Frage ist, warum wir die eroberten Gebiete nicht hergegeben haben, als wir es noch leicht hätten tun können. Bis 1977, als der Likud erstmals die Wahlen gewann, hatte die Arbeitspartei zehn Jahre Zeit, eine Initiative zu ergreifen. Damals galten Sinai und Westbank noch als verhandelbares Paket auf Basis des Prinzips 'Land gegen Frieden'.

Jüdische Siedlung Lechem; Foto: ARD/T.Teichmann
Siedlungsbau ungebremst? Nach der US-Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt hatten im vergangenen Dezember mehrere israelische Medien von einem geplanten massiven Siedlungsausbau berichtet. Israels Bauministerium habe einen Entwurf für drei neue Siedlungen für 10.000 Menschen im Jordantal vorgelegt, schrieb die Zeitung "Haaretz". Zuvor hatte "Maariv" berichtet, Israel plane den Bau von 6.000 neuen Siedlerwohnungen in Ost-Jerusalem.

Wieso ließ sich die nationalreligiöse Siedlerbewegung nicht aufhalten?

Sternhell: Sie war zunächst eine winzige Minorität. Ich persönlich habe kein Problem mit der Eroberung vor 1948/49, weil das eine lebenswichtige Notwendigkeit war. Es war gerecht, da nötig. Wir brauchten ein Stück Land für uns selbst. Aber ich habe ein großes Problem mit dem Festhalten an den Gebieten von 1967. Alle Ziele des Zionismus ließen sich schließlich innerhalb der Grünen Linie verwirklichen. Wir haben kein Recht, den Palästinensern Menschenrechte zu versagen, die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit einschließen.

Worauf führen Sie zurück, dass siebzig Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung das Regierungslager den jüdischen Staatscharakter zu Lasten der arabischen Minderheit hervorheben möchte?

Sternhell: Dass Israel ein jüdischer Staat ist, stand niemals infrage. Aber gleichzeitig wurde nicht in Frage gestellt, dass die arabische Minderheit volle Staatsbürgerschaft hat, zumindest politisch, wenngleich nicht sozial. Heute kreiert das rechte Regierungslager eine neue Legitimität, wonach das Land den Juden gehört, weil sie es vor 3.000 Jahren von Gott persönlich bekommen haben. Ihre Abgeordneten scheuen sich nicht festzuschreiben, dass Palästinenser nicht die gleichen Rechte auf das Land besitzen, weil sie keine Juden sind.

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