Interview mit dem irakischen Maler Rafa Al-Nasiri:

Kreativität als Widerstand

Rafa Al-Nasiri zählt zu den international bekanntesten irakischen Künstlern der Gegenwart. Sein Werk ist geprägt von der arabischen Schriftkultur, aber auch von seinen intensiven Begegnungen mit Künstlern in China und Europa. Martina Sabra hat sich mit dem Künstler unterhalten.

Rafa Al-Nasiri; Foto: privat
Rafa Al-Nasiri - einer der international bekanntesten irakischen Künstler der Gegenwart.

​​Sie haben den Irak 1991 verlassen - wesentlich später als viele andere irakische Kulturschaffende. Haben Sie sich von der Baath-Partei und Saddam Hussein benutzen lassen?

Rafa Al-Nasiri: Nein. Unsere Abteilung ist nie gebeten worden, Führerporträts zu liefern oder ähnliches. Ich glaube, dass unsere Kunst einfach außerhalb des Horizonts der Parteiführung und der Machthaber lag. Sie konnten damit nichts anfangen. Das einzig Nützliche für das System waren die positiven Medienberichte über die internationalen Kunstausstellungen, die wir in den achtziger Jahren in Bagdad organisierten. Aber bei der Auswahl der Künstler für die Ausstellungen hatten wir freie Hand. Ich habe selbst verschiedene Länder Südamerikas bereist, und die Künstler selbst ausgesucht.

Sie haben von 1959 bis 1963 in Peking studiert und dort unter anderem auch die chinesische Sprache erlernt - so gut, dass sie sie heute noch sprechen. Zuletzt waren Sie 1989 in China. Nur wenige zeitgenössische Künstler aus der arabischen Welt sind so stark von der chinesischen Kultur geprägt wie Sie. War das ein Zufall, oder haben Sie sich damals bewusst dafür entschieden?

​​Al-Nasiri: Ich habe China bewusst gewählt, nachdem ich 1959 im Rahmen einer großen Ausstellung in Bagdad zum ersten Mal mit der chinesischen Kunst in Berührung gekommen war. Die chinesischen Mal- und Schreibtechniken haben mich damals ungeheuer fasziniert. Wir waren ja stark vom westlichen Zeichnen und Malen geprägt.

Die Chinesen benutzten Tinte. Sie nutzten den Raum ganz anders. Auch leerer Raum hatte eine Funktion. Vieles habe ich intellektuell erst später durchdrungen. Aber was ich sah, löste unmittelbar Begeisterung in mir aus. Seit damals liebe ich es, Dinge möglichst knapp und einfach, aber gleichzeitig hochemotional und sehr tiefgründig auszudrücken.

Haben deutsche Künstler oder deutsche Kunst Sie beeinflusst?

Al-Nasiri: Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich war schon 1965 in Deutschland. Wir haben damals von Bagdad aus eine Reise mit dem Auto durch insgesamt 24 Länder gemacht, zwei Monate lang. Unter anderem waren wir in Hamburg, Frankfurt und München. Eine tolle Zeit.

Hommage to al Mutanabi von Rafa Al-Nasiri; &copy www.rafanasiri.com
Inspiriert von chinesischer und deutscher Kunst gleichermaßen - Hommage to al Mutanabi von Rafa Al-Nasiri

​​Mehr als diese Reise haben mich aber deutsche Künstler beeinflusst. Ganz wichtig für mich war Otto Eglau. Ich war 1964 und 1965 in Salzburg sein Assistent. Mit seiner Familie bin ich immer noch in Kontakt. Und dann natürlich Käthe Kollwitz. Sie ist für mich die wichtigste graphische Künstlerin aller Zeiten. Wir haben im Irak an der Kunstakademie natürlich auch Dürer und Rembrandt studiert. Aber Käthe Kollwitz war für uns die Richtschnur.

Ihre jüngste Ausstellung in Kuwait Ende 2007 trug den Titel "Light from Darkness". Bezieht sich das auf den Irak?

Al-Nasiri: Ja. Es gibt aktuell eine tödliche Dunkelheit. Die Kunst kann vielleicht Licht in dieses Dunkel bringen. Wir als Künstler haben nur ein Mittel, um Widerstand in dieser Tragödie leisten, nämlich unsere Kreativität. Auch wenn wir von Tod und Schrecken umgeben sind, so kann man diese doch künstlerisch verarbeiten, und versuchen, einen Ausdruck für das Leiden zu finden. Mit Hilfe der Kunst die irakische Identität zu stärken, das Beste zu geben, auf internationalem Niveau zu bleiben – darin liegt für mich der einzig wahre Widerstand.

​​Sie leben seit 1991 mit Unterbrechungen in Amman. Sie hätten in der Zwischenzeit in ein anderes Land gehen können. Davon sahen Sie jedoch ab und haben stattdessen ein Atelier und eine Druckwerkstatt im Webdeh-Viertel eingerichtet. Was hält Sie in Jordanien?

Al-Nasiri: Ich bin in den letzten Jahren viel gereist. Aber ich bin jetzt in einem Alter, wo man Ruhe braucht, um produktiv zu sein. Außerdem ist Amman einfach näher an Bagdad. Einige der besten irakischen Gegenwartskünstler leben hier. Wir stehen in Kontakt, trinken gelegentlich ein Glas zusammen. Im Irak selbst liegt die Kunstszene am Boden. Das Land ist um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Das Interview führte Martina Sabra.

© Qantara.de 2008

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