Ägyptischer Musiker im Film Tracks of Cairo; Foto: © Movimiento
Interview mit dem Filmemacher Alexander Brief

''Tracks of Cairo'' - Klangspuren der Revolte

Die Dokumentation "Tracks of Cairo" der Filmemacher Alexander Brief und Johannes Roskamm eröffnet tiefe Einblicke in die unangepasste moderne Rock- und Pop-Musikszene am Nil. Katharina Goetze hat sich mit Alexander Brief über die Protagonisten des Films und die Situation ägyptischer Künstler vor und nach dem Sturz Mubaraks unterhalten.

Herr Brief, wie sind Sie als deutscher Filmemacher auf die Idee gekommen, einen Film über die ägyptische Musikszene zu machen?

Alexander Brief: Bei Tracks of Cairo handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Johannes Roskamm und mir – wir haben zusammen die Idee für einen Dokumentarfilm über die Musikszene Kairos entwickelt. Johannes arbeitet schon seit längeren als Kameramann, unter anderen im kulturellen Sektor. Ich habe vor circa fünf Jahren über einen befreundeten Musiker aus Kairo Kontakt zur hiesigen Musik und Kunstszene bekommen, die ich sehr spannend und divers fand.

Filmplakat Crossing the Bridge von Fatih Akin
Filmisches Vorbild "Crossing the Bridge" von Fatih Akin: "Die Idee der Reihe Tracks of… ist, Bilder und Geschichten zu liefern, die einen differenzierten Blick auf das aktuelle kulturelle Geschehen in arabischen und afrikanischen Städten ermöglichen – fernab der üblichen Klischees und Stereotypen", sagt Brief.

​​Eine Quelle der Inspiration war außerdem der großartige Film "Crossing the Bridge. The Sound of Istanbul" von Fatih Akin. Die Idee der Reihe Tracks of… ist, Bilder und Geschichten zu liefern, die einen differenzierten Blick auf das aktuelle kulturelle Geschehen in arabischen und afrikanischen Städten ermöglichen – fernab der üblichen Klischees und Stereotypen.

Sie haben vorher als Tauchlehrer gearbeitet, und betreiben zur gleichen Zeit noch in Deutschland eine Fotogalerie und eine Espressobar: Wie haben Sie die Zeit gefunden, bei all dem auch noch einen Dokumentarfilm zu drehen?

Brief: Die Espressobar/Fotogalerie betreibe ich seit sechs Jahren zusammen mit meiner Lebensgefährtin Juliane Wilcken. Somit haben sich gewisse Arbeitsabläufe bereits automatisiert, und es war eher eine Frage der Organisation und Umverteilung der Arbeit.

Aber keine Frage, ohne die Unterstützung und Rücksichtnahme von Juliane hätte ich das Projekt nicht verwirklichen können. Ich liebe es, Ideen und Träume, die ich in mir trage, auch in die Tat umzusetzen. Das ist natürlich auch immer mit gewissen Risiken verbunden.

Wie war es, mit den verschiedenen Künstlern zusammenzuarbeiten? Und wie wurden Sie dabei als deutscher Filmemacher aufgenommen?

Brief: Egal welchen Status die Künstler haben, ob absolute Stars wie zum Beispiel Mohamed Mounir oder noch recht unbekannte Independent Musiker – alle sind uns auf eine familiäre und sehr unkomplizierte Art begegnet. Ob ich nun als deutscher Filmemacher anders aufgenommen wurde als zum Beispiel ein amerikanischer, kann ich nicht beurteilen.

Insgesamt hatten wir eine fantastische und unglaublich intensive Zeit. Natürlich auch bedingt durch den unerwarteten Ausbruch der ägyptischen Revolution. Alles war sehr emotional, gesellschaftliche Dogmen hatten plötzlich kein Gewicht mehr, alle waren als Ägypter vereint – eine sehr schöne Energie. Die Künstler waren gerade zu Beginn der Aufstände voller Hoffnung!

Graffiti-Kunst in Kairo; Foto: © Movimiento
Verflogene Aufbruchstimmung: "Viele Künstler sind mittlerweile sehr frustriert über die bisherigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Zum Beispiel das massive und brutale Vorgehen des Obersten Militärrats (SCAF): Der Machtapparat setzt sich nach wie vor zum Großteil aus Mubarak-Getreuen zusammen und das Erstarken der islamischen Parteien wird vor allem von den Künstlerinnen sehr kritisch gesehen", meint Brief.

​​Das hat sich im Laufe des Jahres dann geändert, viele Künstler sind mittlerweile sehr frustriert und deprimiert über die bisherigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Zum Beispiel das massive und brutale Vorgehen des Obersten Militärrats (SCAF): Der Machtapparat setzt sich nach wie vor zum Großteil aus Mubarak-Getreuen zusammen und das Erstarken der islamischen Parteien wird vor allem von den Künstlerinnen sehr kritisch gesehen.

Sie kennen Ägypten schon sehr lange. Wie hat sich aus Ihrer Sicht die ägyptische Musikszene nach der Revolution verändert?

Brief: Schwierige Frage. Die Musiker, die wir porträtieren, haben bereits vor der Revolution die Szene geprägt. Mit Sicherheit kann man jedoch sagen, dass im Moment das Fenster zur Meinungsfreiheit deutlich weiter geöffnet ist. Die Künstler können kritisch politische und soziale Themen ansprechen. Das war in dieser Offenheit vor der Revolution nicht vorstellbar. Man kann nur hoffen, dass es sich in dieser Richtung weiterentwickelt.

Haben die porträtierten Künstler den Film schon gesehen? Und wie hat er ihnen gefallen?

Brief: Bisher hat noch niemand den kompletten Film gesehen, aber die meisten Künstler haben bereits ihre eigenen Clips gesehen. Das Feedback bisher war positiv. Die ägyptische Premiere von Tracks of Cairo fand bereits am 27. und 28. März, Part 1 & 2 im Goethe-Institut Kairo statt.

Wird der Film auch in Deutschland zu sehen sein?

Brief: Davon gehen wir aus. Da Tracks of Cairo gerade erst fertig gestellt wurde, befinden wir uns noch in der Anfangsphase der Vermarktung. Es bestehen bereits Kontakte zu verschiedenen deutschen Sendanstalten. Wir haben den Film auch auf mehreren nationalen und internationalen Dokumentarfilm-Festivals eingereicht!

Gibt es schon ein neues Projekt?

Brief: Natürlich liegt unser Fokus jetzt erst einmal darauf, Tracks of Cairo ins Universum zu senden. Ideen für neue Projekte sind bereits vorhanden. Wir würden sehr gerne einen Film über die Musikszene von Addis Ababa realisieren, eine sehr spannende Stadt mit einer einzigartigen Musik- und Kulturszene. Da jedoch Tracks of Cairo ein komplett selbstfinanziertes Unternehmen ist, hoffen wir mit dem Erfolg dieses Films, die Mittel für unser nächstes Projekt einzuspielen.

Interview: Katharina Goetze

© Goethe Institut 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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