Interview mit dem ägyptischen Historiker Khaled Fahmy

Für immer Sechstagekrieg

Der in Harvard lehrende ägyptische Historiker beschreibt im Interview mit Sonja Zekri die arabische Niederlage gegen Israel im Jahr 1967 als Ursache für den Aufstieg des Islamismus.

Es war ein kurzer Krieg, sechs Tage nur, danach hatte Israel die Streitkräfte Ägyptens, Jordaniens und Syriens zerstört, hatte den Sinai und den Gazastreifen von Ägypten erobert und das bis dahin jordanische Ost-Jerusalem. Und das war nur das militärische Debakel. Die politischen und kulturellen Folgen der Niederlage prägen die arabische Welt bis heute, sagt der ägyptische Historiker Khaled Fahmy. Von jenen Juni-Tagen vor 50 Jahren sieht er eine direkte Verbindung zum Aufstieg des Islamismus, zu Al-Qaida, aber auch zum Arabischen Frühling.

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Nach dem Sechstagekrieg war die arabische Welt nicht mehr dieselbe, heißt es. Wie war sie denn davor?

Khaled Fahmy: In Afrika und dem Nahen Osten hatten viele Staaten die Kolonialherrschaft abgeschüttelt. Ägypten stand im Herzen dieser Bewegung. Der Optimismus war ungeheuer, das Selbstbewusstsein der Menschen war gewaltig. Alles war Hoffnung.

Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser war der Star dieser Aufbruchbewegung?

Fahmy: Er verkörperte diese Euphorie, diese neue Würde mehr als jeder andere. Er verhandelte mit den einstigen Kolonialmächten auf Augenhöhe, er sagte: Wir werden euch bezahlen lassen für den Kolonialismus. Umso mehr quält mich eine Frage.

Welche?

Fahmy: Ich frage mich, wie jemand, der so intelligent war, ein so desaströses Krisenmanagement betreiben konnte. Er hatte die Massen auf seiner Seite, das schon, aber die arabischen Könige, Herrscher, sogar die Geheimdienste in den anderen Ländern arbeiteten gegen ihn. Nach dem Krieg sahen viele Araber ihn als tragischen Helden, ich nicht.

Wie sehen Sie ihn?

Ägyptische Gefangene im Sechstagekrieg; Foto: Central Press/Getty Images
Militärisches Debakel und Nassers sinkender Stern: "Ich frage mich, wie jemand, der so intelligent war, ein so desaströses Krisenmanagement betreiben konnte… Zwei Wochen vor Kriegsausbruch fuhren Panzerbataillone 1.000 Kilometer in der Gegend herum, weil sie widersprüchliche Anweisungen hatten. 100.000 Mann wurden in zwei Wochen mobilisiert, sie wussten nicht, in welcher Einheit sie kämpfen sollten, hatten kein Training, keine Waffen, nicht einmal Uniformen", merkt der Historiker Khaled Fahmy kritisch an.

Fahmy: Er war selbst schuld. Er hat Institutionen wie die Arabische Liga ausgehöhlt, die Verwaltung, das Militär geschwächt. Unter den Briten war Ägypten besetzt, das stimmt. Aber es gab eine intakte Staatlichkeit. Nasser hat sie in 15 Jahren komplett zersetzt. Deshalb wäre Ägypten 1967 ohnehin geschlagen worden, das wusste Nasser, das wusste die israelische Führung, das wussten auch die Amerikaner.

Nur die Ägypter wussten es nicht. Die israelische Führung ließ ihr Volk im Glauben, es stehe angesichts der arabischen Übermacht vor der Auslöschung, dabei war die israelische Armee die stärkste der Region. Die arabischen Führer ließen ihre Völker im Glauben, sie seien unbesiegbar, dabei war die Armee marode. Verstärkte dies das Trauma der Niederlage?

Fahmy: Das ist ein wichtiger Aspekt. Aber im Grunde war diese Armee schon vor dem ersten Schuss besiegt, so heruntergekommen war sie. Auf dem Sinai konkurrierten drei ägyptische Kommandeure, sodass die Soldaten nicht wussten, wer ihnen gerade die Befehle gab. Zwei Wochen vor Kriegsausbruch fuhren Panzerbataillone 1.000 Kilometer in der Gegend herum, weil sie widersprüchliche Anweisungen hatten. 100.000 Mann wurden in zwei Wochen mobilisiert, sie wussten nicht, in welcher Einheit sie kämpfen sollten, hatten kein Training, keine Waffen, nicht einmal Uniformen. Sie kamen in der Galabija, dem langen Gewand der Bauern.

Das muss Nasser doch gewusst haben.

Fahmy: Ja. Er versuchte zu deeskalieren, aber er hatte in Feldmarschall Abdel Hakim Amer einen mächtigen Rivalen. Eigentlich war Amer sein Freund, aber mit den Jahren hatte er ein eigenes Machtzentrum innerhalb der Armee aufgebaut. Wo Nasser beschwichtigen wollte, trieb er die Eskalation voran - an jedem Tag des Sechstagekrieges.

Abdel Hakim Amer im Jahr 1955; Foto: wikimedia
Freund und Rivale Nassers: Feldmarschall Abdel Hakim Amer hatte seine Macht in der Armee sukzessive ausgebaut und eine Günstlingswirtschaft innerhalb des ägyptischen Militärs etabliert. Er war verantwortlich für zahlreiche Fehlentscheidungen im Sechstagekrieg und beging nach einem Schauprozess gegen ihn und andere hochrangige Offizeire im Jahr 1967 Selbstmord.

Der allmächtige Diktator Nasser konnte einen Rivalen nicht loswerden? Wie erklärt sich das?

Fahmy: Es ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Meiner Ansicht nach ist es eine Folge des politischen Systems, das Nasser in den 15 Jahren davor installiert hatte. Es gab keine Wahlen, ein willfähriges Parlament, gleichgeschaltete Medien. Gewerkschaften und Berufsverbände wurden von den Sicherheitsdiensten kontrolliert. Niemand traute sich, Kritik zu üben. Nasser hat die Menschen infantilisiert. Er trat als Beschützer der Massen auf - und nahm ihnen ihre politischen Rechte. Im Sechstagekrieg wurde er zum Opfer eines Systems, das er selbst geschaffen hatte.

Umso unbegreiflicher waren die Szenen nach der Niederlage. Nasser bot seinen Rücktritt an, aber die Ägypter strömten millionenfach auf die Straße und baten ihn zurückzukehren. Wem gaben die Menschen denn die Schuld für die Niederlage, wenn nicht ihm?

Fahmy: Der Armee, der Luftwaffe, den Offizieren.

Dabei hatte die ägyptische Führung in den ersten Tagen nach der Niederlage die Menschen sogar glauben lassen, Ägypten habe gewonnen. Selbst das verziehen sie ihm?

Fahmy: Das ist eine sehr heikle Frage, denn diese Fälschung führte zu einer Vertrauenskrise, die bis heute anhält. Unser Land war nicht nur militärisch besiegt, wir erlebten den Untergang einer Weltsicht, einer Philosophie, eines Verständnisses von diesem Teil der Welt und unserem Platz darin. Und mit diesen Fragen leben wir noch immer.

Bis heute?

Fahmy: Ja. Die arabische Welt steckt noch immer in einer tiefen Legitimitätskrise. Nur einmal hatten wir die Hoffnung auf einen Ausweg: auf dem Tahrir-Platz im Januar 2011 während des Arabischen Frühlings. Ich erinnere mich sehr genau, damals marschierte ich mit den Aufständischen. Ich erlebte, wie die Polizeimacht zusammenbrach, es war das wichtigste Ereignis meines Lebens, und ich dachte: Heute tun wir das, was wir 1967 hätten tun sollen.

Was war das?

Fahmy: Wir sahen unseren Anführern in die Augen und sagten ihnen: "Nicht in unserem Namen, nicht über unsere Leichen. Fort mit euch!"

Der Untergang von Nassers Stern gilt als ein Grund für den Aufstieg des militanten Islamismus. Führt tatsächlich ein Weg vom Sechstagekrieg zu Al-Qaida und dem "Islamischen Staat"?

Fahmy: Unbedingt. Man kann das in einzelnen Biografien ablesen von Linken, die zu Islamisten wurden. Die modernen arabischen Staaten litten seit dem ersten Weltkrieg unter einer mangelnden Legitimität. Nasser versuchte, dem mit seinem panarabischen säkularen Projekt etwas entgegenzusetzen, aber er scheiterte, was spätestens mit dem Sechstagekrieg unübersehbar wurde. Damit aber blieb ein emotionales Vakuum, das die Islamisten nutzten. Sie sagten: "Seht ihr, diese Regime sind nicht nur repressiv und undemokratisch, sie sind auch illegitim. Aber wir haben die Moral auf unserer Seite. Und die Geschichte. Und Gott." Das ist eine starke Botschaft. Nur haben sie keine Antworten.

Gibt es heute arabische Debatten über solche Fragen?

Fahmy: Es gibt in den arabischen Medien tatsächlich eine Diskussion darüber, ob wir, also die arabischen Gesellschaften und insbesondere die ägyptische, mit der Niederlage angemessen umgehen. Im Grunde drücken wir uns ja um die direkte Konfrontation. Das beginnt ja schon bei dem Wort, mit dem wir den Krieg umschreiben. Auf Arabisch sagen wir "Naksa", das bedeutet Rückschlag oder Rückfall wie nach einer Krankheit. Zugleich ist es ein Wortspiel mit dem arabischen Begriff für die Vertreibung der Palästinenser 1948, "Nakba", die Katastrophe.

Schafft die Wissenschaft Klarheit?

Fahmy: Das ist schwierig. Wir wissen eine Menge über die Kämpfe, aber fast nichts über die kulturellen, sozialen und politischen Gründe für die Niederlage. Die Forschung ist zäh. Armee, Präsident, Kabinett und Geheimdienste haben riesige Archive, nur dürfen selbst wir Militärhistoriker die Dokumente nicht sehen. Nicht ein einziges.

Dabei posiert Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi gern als neuer Nasser.

Fahmy: Ja. Am liebsten beschwört er die staatstreuen Medien. Außerdem schafft er selbst eine Atmosphäre ständiger Bedrohung durch äußere Feinde, die jener von damals sehr ähnlich ist, einen Glauben an eine internationale Verschwörung, dem viele Ägypter anhängen. Wir leben immer noch im Jahr 1967.

Sonja Zekri

© Süddeutsche Zeitung 2017

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