Interview mit dem ägyptischen DJ Mohammed Safi

Stimme des Volkes

Kairo ist das Mekka der arabischen Underground- und Independent-Musikszene, in der der Geist der Revolution von 2011 noch fortlebt. Doch Regierung und Musikgewerkschaft versuchen über bürokratische Hürden, Bands einzuschüchtern und kritische Liedtexte zu unterbinden, wie der DJ und Musiker Mohammed Safi im Gespräch mit Claudia Mende berichtet.

Mohammed Safi, was haben Sie als DJ in letzter Zeit gemacht?

Mohammed Safi: Ich hatte allein diese Woche vier Gigs in Kairo. Ich bin häufig in einem Club namens B-side, der virtuelle Partys organisiert. Dort wird dann alles von Funk bis Weltmusik gespielt. Außerdem bin ich häufig im Cairo Jazz Club, einem angesagten Musikclub in der Innenstadt von Kairo. Ich werde häufig gebucht, weil ich besonders vielseitig bin und alles spiele. Von Elektro-Oriental bis House und Techno – abgesehen von Musikstilen, die mir eher nicht gefallen, wie zum Beispiel Elektro-Shaabi, obwohl das jetzt auch in Europa populär wird. Ich respektiere und schätze Elektro-Shaabi, das in den ägyptischen Armenvierteln entstanden ist, aber es ist nicht mein Ding.

Welche Musikstile sagen Ihnen vor allem zu?

Safi: Einige Clubs buchen mich, um orientalisch beeinflusste Musik aus der ganzen arabischen Welt zu spielen, also zum Beispiel Oriental-House-Musik oder Hip-Hop. Manche Stilrichtungen entsprechen eher der Kategorie Glitch-Hop oder Ghetto-Funk. In jedem Fall ist es schön Musik vorzustellen, die sonst niemand in Kairo im Programm hat. Die meisten Clubs buchen mich allerdings für Mainstream-Musik. Aber ich kann durchaus auch Underground-House präsentieren, zum Beispiel von Disco Misr. Mit dieser Band habe ich alte ägyptische Volkslieder im House-Stil neu abgemischt. Und diese Oriental-House-Musik wird hier immer beliebter.

Welche Musik ist derzeit besonders populär in den Kairoer Clubs?

Safi: House Music, das ist weltweit so. DJs sind die neuen Rockstars, jeder möchte ein DJ sein, und in Kairo strömen alle in die Clubs. Nach der Revolution von 2011 ist die Clubszene in Kairo und in Ägypten regelrecht explodiert. Menschen brauchen Gegensätze. Als die Kairoer feststellten, wie sehr sie unterdrückt wurden, haben sie sich gesagt: Lasst uns rausgehen und feiern!

Kairo betrachten viele heute als das Mekka der arabischen Underground-Musik. Teilen Sie diese Auffassung?

Ankündigungsplakat DJ-Gig mit Safi; Foto: Instagram
Mohammed Safi ist einer der bekanntesten DJs in Kairo. In seiner Sendung auf Radio Nile FM stellt er regelmäßig arabische Underground-Musik vor. Vor Kurzem hat er in El-Gouna am Roten Meer ein eigenes Studio in einem alten Schiffscontainer eröffnet.

Safi: Es gibt derzeit dieses virtuelle Clubkonzept. Man bucht einen Raum, in dem eine bestimmte Party stattfinden soll. Die Räumlichkeiten wechseln je nach der Art der Veranstaltung. Dieses Konzept funktioniert zurzeit am besten in Kairo. Daneben gibt es den Cairo Jazz Club, der als einziger Club seit 15 Jahren fantastische Musik bietet. Es ist sehr schwierig, heute eine Lizenz für einen neuen Club zu bekommen, egal ob es eine Lizenz zum Alkoholausschank ist oder eine Lizenz zum Betreiben eines Nachtclubs.

Worin besteht das Problem mit den Lizenzen? Sind sie zu teuer oder gibt es bürokratische Hürden?

Safi: Beides. Für einen Clubbesitzer ist es leichter und lukrativer, einen Club illegal zu betreiben, als sich an die Regeln zu halten. Beachtet man die Vorschriften, dann gerät man in die Fänge der Bürokratie. Deswegen betreiben die meisten ihre Clubs illegal. Und wenn es dann Kontrollen gibt, fließen jede Menge Bestechungsgelder. Danach geht das Leben weiter…

Nehmen die Behörden Einfluss auf die Musik, die gespielt wird?

Safi: Das tun sie vor allem bei arabischer Independent-Musik. Wenn auf Arabisch gesungen wird und die Behörden den Inhalt verstehen, dann versuchen sie, Grenzen zu ziehen. Von House-Musik und einem großen Teil der elektronischen Underground-Musik haben sie keine Ahnung, um was es sich dabei überhaupt handelt. Sie sehen nur einen Haufen junger Leute, die in einem verdunkelten Raum herumhüpfen.

Welche Rolle spielt die Musikgewerkschaft?

Safi: Das Musiksyndikat ist auf dem Papier eine Gewerkschaft für Musiker, aber in Wahrheit will das Egyptian Music Syndicate jede Form von Musik im Land monopolisieren. Egal ob ein DJ bei einem Firmenevent Musik auflegt oder eine Band live spielt. Das Musiksyndikat kommt und kassiert. Leider haben sie inzwischen auch die juristische Vollmacht, um Musiker zu verhaften. Wenn zum Beispiel einem DJ die entsprechende Genehmigung fehlt, reagieren sie statt mit einer Geldstrafe mit Verhaftung. Auf diese Weise hat das Musiksyndikat die Konzerte einiger Bands verhindert, weil ihnen deren Texte nicht gefielen.

Die Gewerkschaft lässt also Musiker bestrafen, deren Liedtexte ihr nicht in den Kram passt?

Safi: Natürlich wird das so niemals kommuniziert. Sie sagen immer, dass die notwendigen Genehmigungen fehlen. Unter diesem Vorwand kontrolliert das Syndikat, welche Musik gespielt wird. Denn nach der Revolution ist die Independent-Musik-Szene explodiert. Überall gibt es Bands und Musiker. Jeder hat sich vor allem in den ersten zwei bis drei Jahren nach der Revolution frei gefühlt, seine Anschauungen und Gefühle durch Musik auszudrücken.

Und wie stellt sich die Situation heute dar?

Safi: Leider hat dieser Trend etwas nachgelassen. Es gibt ein ägyptisches Sprichwort: Wenn man festgebundene Hunde schlägt, bekommen freie Hunde Angst. Und das ist genau die Mentalität, die wir jetzt haben. Die Behörden greifen hart durch, wenn sich die Botschaft von Liedern gegen das System richtet. Dann bewegen sich die Musiker auf sehr dünnem Eis. Geht es dagegen eher um unverfängliche Themen des Alltags, gibt es keine Probleme.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Safi: Wenn man in seinen Texten die Regierung kritisiert, wenn man etwas gegen den Präsidenten oder gegen die Armee sagt – was gesetzlich verboten ist – greift die Regierung hart durch. Viele Independent-Musikgruppen wie Folk Rock Bands oder Bands wie Cairokee und Sharmoofers kritisieren die ägyptischen Verhältnisse in ihren Texten. Vor allem Cairokee ist sehr bissig, doch nutzen sie ihre Texte auf sehr intelligente Art. Bei ihnen kann ein Lied einen harmlosen Titel haben, während zwischen den Liedzeilen jede Menge Kritik steckt. Andererseits ist Cairokee auch sehr positiv eingestellt, da sie stets versucht, in ihren Songs Hoffnung zu verbreiten.

Wenn Cairokee auftritt, dann wissen die Zuhörer, was sie erwartet?

Safi: Sie hatten vor einiger Zeit einen Hit mit dem Titel: "Elseka shmael", ("Wir bewegen uns nach links"). Das war eine interessante Art zu sagen, dass sich das Land nicht in die richtige Richtung bewegt. Ich mag ihre Texte. Ihr Sänger Amir Eid ist einfach sehr clever und hat nach der Revolution die Methode perfektioniert, Dinge so auszudrücken, dass er keine Probleme mit den Autoritäten bekommt. Allerdings wurde die Musik von Cairokee aus den öffentlichen Radiosendern verbannt, weil ihre Lieder während der Revolution gesungen wurden, so wie zum Beispiel "Isbet makanik" ("Vertritt deinen Standpunkt"). Ihr Lied "Sout al-hurriya" (Stimme der Freiheit) war eine Art post-revolutionäre Nationalhymne.

Hört man "Sout al-hurriya" heute noch im Radio?

Safi: Die staatlichen Radiosender spielen das Lied nie. Selbst die Privatsender trauen sich nicht, weil sie Probleme vermeiden wollen. Aber auf Cairokee-Konzerte kommen heute mindestens fünf bis zehntausend Besucher, die jedes einzelne Wort mitsingen. In einer Zeit der sozialen Medien und des Internets spielt es keine Rolle mehr, ob die Radiosender das Lied nicht spielen dürfen. Die Botschaft verbreitet sich so oder so. Und davor haben die Behörden am meisten Angst.

Eine andere beliebte Band nennt sich Sharmoofers. Sie fingen an als zwei Typen, die in einem Schlafzimmer herumalbern. Bevor sie ihren ersten Konzertauftritt hatten, gab es bereits über eine Viertelmillion Follower auf ihrer Facebook-Seite. Inzwischen ist die Gruppe gewachsen. Was sie spielen ist eine Art Weltmusik mit ägyptischen, afrikanischen, lateinamerikanischen und indischen Elementen.

In letzter Zeit gab es einige Vorfälle, bei denen Sängerinnen und Tänzerinnen wegen zu freizügiger Kleidung verhaftet wurden. Das Musiksyndikat will "angemessene Kleidung" durchsetzen. Sind Ihnen diese Fälle bekannt?

Safi: Es ist eben Teil der nahöstlichen Kultur, sich anständig zu kleiden. Ich kenne aber keine Vorfälle, bei denen eine bestimmte Kleiderordnung das Problem war. Generell sind die Menschen nicht sehr tolerant, wenn sie etwas für nicht angemessen halten. Doch glaube ich nicht, dass es spezifische Vorschriften für Musikerinnen gibt, wie sie sich kleiden sollen.

Gibt es unter den DJs auch Frauen?

Safi: Ja, es gibt welche und es werden immer mehr. Wir arbeiten an einem studentischen DJ-Wettbewerb, wo man sich mit einer Musikauswahl für Workshops mit Musikexperten bewerben kann. Allein aus diesem Programm sind etwa drei bis vier weibliche DJs hervorgegangen. Einige Clubs haben das aufgegriffen und Abende ausschließlich mit weiblichen DJs angeboten. Dieser Beruf ist heute definitiv leichter zugänglich für Frauen.

Glauben Sie, dass Musik für viele Ägypter ein Ventil darstellt, um Frustrationen loszuwerden?

Safi: Auf jedenFall. Die ägyptische Jugend dürstet nach Musik. Jahrelang gab es nur diese "Habibi"-Lieder, aber "Sout al-hurriya" hat die Independent-Musik in Ägypten hoffähig gemacht. Es gab zwar auch schon vor der Revolution Underground-Musik, so wie die Band Cairokee beweist. Aber diese Musik war eher ein Nischenphänomen. Heute kann ich Lieder hören, die von Freiheit oder meinem Land handeln. Auch Musikrichtungen wie etwa Elektro-Shaabi, der ja in den ägyptischen Armenvierteln entstanden ist, sind ein legitimes Mittel, um Gefühle der Freiheit auszudrücken.

Das Interview führte Claudia Mende.

© Qantara.de 2015

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