Interview mit Daniel Barenboim

Musikalischer Dialog über Grenzen hinweg

Das künftige Arbeitszimmer ist so klein, dass nicht einmal sein Flügel hineinpasst. Doch Daniel Barenboim äußert sich im Interview mit Gero Schliess zufrieden über die Fortschritte seiner Akademie, die zurzeit in Berlin entsteht.

Auf Initiative des Dirigenten Daniel Barenboim entsteht in Berlin zurzeit eine völlig neuartige Musikhochschule - die Barenboim-Said Akademie - benannt nach ihm selbst und dem inzwischen verstorbenen amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said.

Zum Wintersemstester 2016/2017 werden hier 30 junge Studierende aus dem Nahen Osten ihre Ausbildung beginnen. Daniel Barenboim will sie im Geiste des von ihm gegründeten West-Eastern Divan Orchestra ausbilden, das zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Studenten besteht. Ab 2018 sollen an der Akademie dann 80 bis 90 Musikstudenten aus dem Nahen Osten studieren.

Neben der Akademie mit ihrem einzigartigen Ausbildungsgang wird es im gleichen Gebäude auch einen neuen Kammermusiksaal geben.

Herr Barenboim, Staatministerin Grütters hat Sie heute in ihrer Ansprache den Architekten eines Luftschlosses genannt, das nun Gestalt annimmt. Diese Luftschloss ist ja auch Teil ihrer Utopie, mit der Musik Brücken zu bauen. Doch wir leben in einer Zeit, in der es gefühlt noch nie so viele Konflikte und Kriege gibt wie jetzt. Waren Ihre vielen Initiativen und Aktionen alle umsonst?

Daniel Barenboim: Ich glaube nicht. Im Gegenteil. Wenn Sie krank sind und eine Weile eine bestimmte Medizin nehmen, die nicht wirkt, dann müssen Sie eine andere probieren. Und das machen wir jetzt gerade. Das, was im Nahen Osten über Jahre hinweg gemacht wurde, hat keinen Frieden gebracht und war nicht produktiv. Und deswegen versuchen wir etwas anderes.

Der vom amerikanischen Architekten Frank Gehry entworfene Konzertsaal der Akademie im Herzen Berlins. Foto: DW
Völkerverständigung durch Musik: "Musik verbindet die Menschen und kennt keine Feindschaften. Ich komme aus Israel, bin aber auch Palästinenser", sagte der weltberühmte Dirigent nach seinem historischen Auftritt in Kairo 2009.

Sie versuchen es mit Musik, Bildung und dem Brückenbauen aber schon sehr lange ...

Barenboim: Ich glaube Bildung ist ein viel wichtigeres Thema als man denkt. Heute geht es zu 95 Prozent nur um das Ökonomische. Natürlich ist die Ökonomie wichtig. Alle Menschen müssen genug zu Essen haben, Geld und Arbeit haben. Aber es gibt auch andere Dinge, die wichtig sind. Im Gaza-Streifen zum Beispiel, einer Region mit schrecklichen Problemen, ist das Durchschnittsalter 16 oder 17 Jahre. Wenn Sie da nichts für die Bildung der Menschen tun, was für eine Zukunft werden sie haben?

Stichwort Bildung. Ein Schwerpunkt der Barenboim-Said Akademie ist die musikalische Bildung. Dazu haben Sie auch ein Manifest mit dem Titel "Musikalische Bildung als humanistische Bildung" verfasst. Was genau haben Sie sich in der Akademie vorgenommen?

Barenboim: Musikalisch natürlich neben dem Hauptinstrument, dem Klavier, Theorie, Musikgeschichte, Harmonielehre, Kontrapunkt und so weiter. Ein ganz normales Curriculum. Hinzu kommt aber ein sehr gut ausgedachtes Programm in Philosophie, in dem man nicht nur die Geschichte der Philosophie lernt, sondern auch versucht, zu verstehen, wie jeder von uns diese Ideen nutzen kann, um sich zu verbessern, um glücklicher zu sein, um sich besser zu verstehen.

Warum ist diese Art von musischer Bildung so wichtig für einen Profi-Musiker?

Barenboim: Musik ist ganz abstrakt. Wenn wir über Musik sprechen, dann sprechen wir ja gar nicht über Musik selbst, sondern über unsere Reaktion darauf. Das heißt: Ein Musiker, der kein inneres Leben hat, hat keine Assoziationen und bleibt auch da total abstrakt. Das ist keine Kunst. Man kann kein Künstler sein, ohne ein reiches inneres Leben. Aber es ist schwer, die Verbindung zwischen diesen zweien zu machen. Und das ist es, was wir versuchen.

Sie haben es geschafft, sehr viele Akteure für die Barenboim-Said Akademie an einen Tisch zu bringen: Die Staatsministerin, den Außenminister, die Stadt Berlin und unzählige Stiftungen. Das ist ungewöhnlich, für Berlin fast schon sensationell. Was für ein Signal sendet das in die Welt?

Barenboim: Ich finde, die Staatsministerin hat das heute sehr klar formuliert und ich bin sehr dankbar dafür. Sie hat gesagt: Das ist ein Zeichen dafür, dass die Bundesregierung an diese Institution als einen neuen Weg glaubt, der eine Entwicklung in Gang setzen und eine bessere Verständigung, wenn nicht gar einen Frieden im Nahen Osten bringen kann. Das ist etwas, wo wir versuchen, etwas Neues zu machen. Und das hat die totale Unterstützung der Bundesregierung. Sie können sich vorstellen, dass mich das sehr glücklich und fast auch ein wenig stolz macht.

Interview: Gero Schliess

© Deutsche Welle 2016

Daniel Barenboim ist Pianist und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. Gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward W. Said hat er in Weimar 1999 das West-Eastern Divan Orchestra gegründet.

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