Interview mit Claudia Ott

Orientalische Liebeslyrik als poetische Gegenwelt

Nach ihrer vielfach gelobten Neuübersetzung von "Tausendundeine Nacht" veröffentlicht Claudia Ott nun die Anthologie "Gold auf Lapislazuli" mit einhundert Gedichten aus drei Jahrtausenden orientalischer Liebesdichtung. Mohamed Massad sprach mit der Arabistin über die Schönheit und Vielfalt orientalischer Dichtkunst.

Claudia Ott; Foto: Kristina Jentzsch / www.tausendundeine-nacht.com
Die Übersetzerin und Orientalistin Claudia Ott: "Nirgends wurde und wird so viel und so schön über die Liebe gedichtet wie im Orient."

​​Nach Ihrer Neuübersetzung von "Tausendundeiner Nacht" erscheint jetzt Ihre Gedichtsammlung "Gold auf Lapislazuli". Wie sind Sie auf diese Buchidee gekommen?

Claudia Ott: Auf diese Frage möchte ich zwei Antworten geben: Zum einen waren schon bei "Tausendundeiner Nacht" die zahlreichen Gedichte für mich das Herzstück des Textes. Trotz aller Spannung, die in den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht steckt, warten die Zuhörer und Leser besonders in der arabischen "Original-Umwelt" des Textes doch immer wieder auf den Zauber des nächsten Gedichts.

Es war mir schon lange ein Anliegen, die Schönheit der im Orient so wichtigen Gedichte einmal in den Mittelpunkt einer Publikation zu stellen, zumal im Bereich der Liebesdichtung, die ja in allen Kulturen eines der Hauptthemen von Dichtung darstellt. Im Orient aber ganz besonders! Dabei sind die "100 schönsten Liebesgedichte des Orients" mitnichten unpolitisch. Sie entwerfen vielmehr Gegenwelten, sind kleine Paradiese, oft aber auch spitze Stolpersteine und Sand im Getriebe der arabischen und islamischen Welt.

Zum zweiten handelt es sich bei "Gold auf Lapislazuli – Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients" um ein Auftragswerk, das der Verlag C.H.Beck zur Ergänzung seiner Reihe "Die 100 schönsten…" in Auftrag gegeben hatte. In dieser Reihe erschienen beispielsweise "Die 100 schönsten Gebete der Menschheit" oder "Die 100 beliebtesten Gedichte der Deutschen".

Der Titel "Gold auf Lapislazuli" stammt übrigens aus einem andalusisch-arabischen Gedicht, in dem das Funkeln der Sterne am dunkelblauen Nachthimmel beschrieben wird. Die Metapher taucht aber auch schon in altägyptischer Liebesdichtung auf, und schließlich wieder in "Tausendundeiner Nacht".

Nach welchen Kriterien haben Sie die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients ausgewählt?

Ott: Seien wir realistisch: Kein Mensch kann aus der ungeheuren Vielfalt und Pracht der orientalischen Liebesdichtung eine wirklich repräsentative Auswahl der "100 schönsten…" treffen. Denn nirgends wurde und wird so viel und so schön über die Liebe gedichtet wie im Orient, und das schon seit vielen Jahrhunderten.

​​Die Fülle und Qualität möglicher Texte sind einfach überwältigend! Daher war ich anfangs auch sehr unentschieden, ob ich das Angebot des Verlags überhaupt annehmen sollte. Ich habe es schließlich doch gewagt und mich für einen thematisch angelegten Rundweg entschieden. Von "Ursprünge" über "schöne Männer, schöne Frauen", "Vereinigung" bis "Trennung und Abschied" und "Liebestod und Auferstehung" durchwandert der Leser die wichtigsten Themenfelder der orientalischen Liebesdichtung.

Zu jedem der 14 Themen stelle ich eine Auswahl von Gedichten aus allen Epochen zusammen. Subjektiv ist die Auswahl natürlich trotzdem. Manche Gedichte sind mir im Laufe meines Studiums oder in meinen Jahren im Orient wichtig geworden, mit anderen verbinde ich persönliche Begegnungen, es sind auch solche Gedichte dabei, die mir schlicht gut gefallen, neben anderen, die aufgrund ihrer großen Berühmtheit in einer solchen Sammlung einfach nicht fehlen dürfen.

Da ich Gedichte aus sieben Sprachen ausgewählt habe, sind nicht alle Übersetzungen aus meiner Feder geflossen, sogar die allerwenigsten! Im Gegenteil, aus meinem neuen Büchlein kann man auch eine kleine Geschichte der Übersetzungen und Nachdichtungen aus orientalischen Sprachen ablesen, von Luther und Goethe über Friedrich Rückert und Annemarie Schimmel bis hin zu Adel Karasholi und Zafer Senocak.

Warum interessieren sich Ihrer Meinung nach deutsche und europäische Leser und Leserinnen für die orientalische Literatur?

Ott: Der "Orient" ist für die deutsche Leserschaft noch immer eine Art Projektionsfläche für Sehnsüchte, exotische Phantasien, aber auch bedrohliche Stereotypen und Bilder.

Was die Literatur, speziell die Dichtung, und noch spezieller die Liebesdichtung betrifft: Seit Goethes "Westöstlichem Diwan" blicken deutsche Dichterinnen und Dichter, Leserinnen und Leser beim Thema Liebe in Richtung Orient, und dieser Blick ist auch gerechtfertigt, wie die neue Auswahl "Gold auf Lapislazuli" hoffentlich zeigen wird! Darüber hinaus gibt es in den letzten Jahren allgemein ein großes Interesse an allem, was den Orient betrifft. Das spüre ich auch in meiner Arbeit als Dozentin an der Universität: Noch nie waren die Hörsäle in der Arabistik, Orientalistik oder Islamwissenschaft so voll wie heute!

Trotz dieses großen Interesses ist die Anzahl von Übersetzungen arabischer Literatur ins Deutsche relativ gering? Wie erklären Sie sich diesen Missstand?

Ott: Leider dominiert in der Wahrnehmung des modernen Orients das Interesse an politischen Sachbüchern den Buchmarkt. Es werden viel mehr Bücher über den Orient publiziert als Übersetzungen arabischer – oder persischer, türkischer, afghanischer etc. – Literatur.

​​Entsprechend verhält es sich auch mit der Zielrichtung des Interesses an Literatur: Während wir ein englisches, französisches oder auch russisches Buch lesen, weil wir einfach ein gutes Buch lesen wollen, greifen wir zu einem arabischen Buch, um etwas über die Situation der arabischen Welt zu erfahren.

Woran das genau liegt, möchte ich nicht beurteilen; mit Sicherheit hat es auch etwas mit der politisch aufgeladenen Situation im Nahen Osten zu tun. Dennoch wünsche ich der arabischen Literatur viel mehr literarisch interessierte Leserinnen und Leser, denn sie hat es verdient!

Welche Rolle messen Sie der Literaturübersetzung beim Prozess der Annäherung zwischen den Kulturen bei?

Ott: Ich würde sagen: Eine entscheidende Rolle! Wir konnten vergangenes Jahr auf einem Autorenforum in Dubai erleben, wie bedeutend die Rolle der Übersetzer und ihrer Arbeit für den Dialog zwischen Literaturen ist. Über dieses Thema wurde und wird auch viel diskutiert.

Dennoch muss vor der Übersetzung ein echtes, partnerschaftliches Interesse aneinander stehen. Leider erleben wir noch zu häufig eine selbstzufriedene, etwas überhebliche Haltung seitens des etablierten europäischen Literaturbetriebs. Sicherlich muss auch die Ausbildung literarischer Übersetzer aus orientalischen Sprachen intensiviert und ausgeweitet werden. Denn von ihnen gibt es noch viel zu wenige.

Interview: Mohamed Massad

© Qantara 2009

Claudia Ott, Dr. phil., studierte Orientalistik in Jerusalem, Tübingen und Berlin sowie arabische Musik in Kairo. Sie hat mehrere Jahre in arabischen Ländern gelebt und arbeitet als Übersetzerin, Musikerin und Dozentin an der Universität Erlangen-Nürnberg.

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