Interview mit Asra Nomani über den "Gender Dschihad"

Dschihad im Dienste der Frauenrechte

Die 44-jährige US-amerikanische Autorin Asra Nomani gilt als prominente Vertreterin des "Gender Dschihads". Für die ehemalige Reporterin des Wallstreet Journals gibt es keinen Widerspruch zwischen Islam und Feminismus. Mit ihr hat Alfred Hackensberger gesprochen.

Asra Nomani; Foto: DW
"Frauen sollten nicht die Einmachgläser von Ehre und Reinheit sein. Sie sollten nicht für ihre Sexualität bestraft werden, in dem sie in Hinterzimmern und Ecken von Moscheen hocken", meint Asra Nomani.

​​ In westlichen Ländern wie auch in muslimischen Gesellschaften gelten der Feminismus und der Islam meist als unvereinbare Gegensätze. Warum passt das nicht zusammen?

Asra Nomani: Ja, das höre ich bei meinen Vorträgen immer wieder. Für mich geht das jedoch Hand in Hand. Ich glaube, der Islam war am Anfang eine feministische Religion. Der Prophet Mohammed war ein Feminist, wie seine erste Frau Khadija, seine Tochter Fatima und seine Frau Aisha auch. Sie haben sich alle nicht wegschieben lassen und ihren Mund aufgemacht. Ich denke nicht, dass der islamische Feminismus ein Scheinwiderspruch ist.

Im Übrigen treffe ich in der ganzen Welt religiöse Feministinnen: Mormonische, katholische, maronitische, jüdisch-orthodoxe, evangelische. Meine Erfahrung ist, dass die Frauen im Islam mit den gleichen Dynamiken männlicher Macht zu kämpfen haben, wie in allen anderen Religionen auch.

Als ich bei einem Gespräch mit einem Kollegen Ihren Namen kurz erwähnte, kam die Antwort: Ach, Gender Dschihad. Wie lebt es sich als Aushängeschild?

Nomani: Ganz gut, muss ich sagen. Ich bin sehr stolz, eine Soldatin dafür zu sein.

Wofür kämpft diese Soldatin?

Nomani: Für die Rechte der Frauen und für soziale Gerechtigkeit zugleich. Frauen sollten nicht die Einmachgläser von Ehre und Reinheit sein. Sie sollten nicht für ihre Sexualität bestraft werden, in dem sie in Hinterzimmern und Ecken von Moscheen hocken.

Man sollte ihnen nicht den Mund verbieten, nur weil sie die Männer in Versuchung bringen. Das sind alles Kontrollmechanismen, um uns als Bürger zweiter Klasse zu behandeln.

Und was ist mit der Verhüllung der Frau?

Nomani: Wenn man das Gesicht einer Frau bedeckt, wird sie entmenschlicht. Ein sehr wichtiger Teil des Gender Dschihads ist, den Schleier wegzunehmen, weil wir damit Ignoranz und Unwissenheit beseitigen.

Mohammed Sayed al-Tantawi; Foto: AP
Mit seiner Forderung nach einem Verbot von Gesichtsschleiern (Niqab) an der renommierten Al-Azhar-Universität, sorgte Großscheich Mohammed Sayed al-Tantawi für hitzige Diskussionen.

​​ Dabei haben Sie ja jetzt Schützenhilfe von einer der obersten Autoritäten des sunnitischen Islam bekommen. Mohammed Sayed al-Tantawi, der Großscheich von der Al-Azhar-Universität, hat den Niqab (Gesichtsschleier) als unislamisch bezeichnet und ein Verbot an der Kairoer Universität gefordert.

Nomani: Ja, es ist sehr wichtig für uns, wenn die Al-Azhar-Universität eine Führungsrolle übernimmt. Wir brauchen die Führer des islamischen Mainstreams, um endlich wieder Vernunft in die Religion zu bringen. Ich bin richtig froh, dass al-Tantawi sich mit einer Ideologie angelegt hat, die wirklich erschreckend ist.

Was ist dabei, wenn jemand einen Gesichtsschleier tragen will, selbst wenn er nur einen Sehschlitz frei lässt?

Nomani: Das ist genau diese westliche, politische Korrektheit, die den Niqab als eine freie Entscheidung von Frauen entschuldigt. Dabei vergisst man, dass er ein Symbol für eine sehr puritanische und gefährliche Interpretation des Islams ist.

Da werden mit einer angeblich wörtlichen Auslegung des Korans Gewalt gegen Frauen und Selbstmordattentate gerechtfertigt und einem nahe gelegt, möglichst keine Freundschaft mit Juden und Christen zu schließen.

Man sollte daran erinnern, dass es unseren Kirchen auch nicht erlaubt ist, Rassismus zu predigen. Der Islam sollte an den gleichen Standards gemessen werden. Die Mitglieder des Ku-Klux-Klans können ihre Führerscheine auch nicht mit Kapuzen über dem Kopf abholen.

Vielen Musliminnen würden jetzt die Haare zu Berge stehen. Sie tragen den Niqab oder auch Hidschab (Kopftuch) mit Stolz.

Nomani: Die puritanische Interpretation des Islams hat den Niqab und den Hidschab als freie Wahl präsentiert. Amerikanische junge Frauen glauben, sie sind stark und unabhängig, wenn sie ihr Haar oder ihr Gesicht bedecken. Dabei wird übersehen, dass es hier um die Sexualisierung und Dämonisierung von Frauen geht, die angeblich die Männer vom richtigen Weg ablenken.

Ich habe von Musliminnen mehrfach gehört, die Bedeckung hätte eine Art Schutzfunktion vor sexuellen Avancen der Männer.

​​ Nomani: In Ägypten gab es 2008 vom Zentrum für Frauenrechte eine Studie, die zeigte, dass Frauen mit islamischem Kleidungscode am häufigsten sexuell belästigt werden. Ich habe das einmal selbst am eigenen Leib erfahren, als ich in Nordindien war, in einer der konservativsten muslimischen Regionen. Mein Hidschab hat mich nicht davor bewahrt, sexuell belästigt zu werden. Das ist ein Mythos, der verkauft wird, und die Frauen fallen darauf herein.

Al-Tantawi behauptet, der Niqab sei nur eine Tradition und habe nichts mit dem Islam zu tun. Wie kam dann der Niqab zum Islam?

Nomani: Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür, wie das funktioniert. Es gibt Koranübersetzungen aus Saudi-Arabien, bei denen man einfach Passagen zum Niqab einfügte, um ihn als etwas Islamisches zu verkaufen. Mit dem Hidschab ist es nicht anders. Er wird auch zur Pflicht gemacht, obwohl alles nur auf Interpretation beruht.

Was sagt der Koran über die weibliche Bekleidung? Gibt es Vorschriften für die Frau, was sie zu tragen hat?

Nomani: Es gibt keine Anordnung darüber, dass sie ihr Gesicht oder ihre Haare bedecken müsste. Da steht nichts von einem Schal, Kopftuch oder Schleier, nichts von einer Farbe, sei es nun pink oder schwarz. Genau so wenig steht da etwas davon, dass die Hände bedeckt werden müssten und sie nur die Augen zeigen dürfe. Das sind alles Regeln von Männern. Gemäß der Interpretation, die ich für richtig halte, muss eine Frau nur maßvoll in der Wahl ihrer Kleidung sein.

In den Koranausgaben aus Saudi-Arabien, das im letzten Jahrzehnt eine Missionierungskampagne mit Moscheen in aller Welt führte, ist aber alles anders, sagen Sie.

Nomani: Ja, und das macht mich als Muslimin sehr betroffen. Die Regierung von Saudi-Arabien konnte nahezu unkontrolliert eine rigide, unantastbare und monolithische Form des Islam international propagieren.

Als Land der Heiligen Stätten des Islams produziert Saudi-Arabien Koran-Übersetzungen und verteilt sie an die Millionen von Pilger, die zur Wallfahrt nach Mekka kommen. Die Übersetzungen sind sexistisch und intolerant.

Ich bekomme immer wieder Koran-Übersetzungen, die sagen, ich soll mich mit keinem Juden oder Christen anfreunden und mein Gesicht bedecken, ausgenommen von einem Auge, das sichtbar bleiben darf. Ein anderer Weg geht über die Moscheen, die in aller Welt gegründet wurden.

Saudi-Arabien ist also für die Ausbreitung eines rigiden Islam verantwortlich. Ein lukratives Geschäft könnte man beinahe sagen, wenn man an den Krieg gegen den Terror und die gestiegenen Ölpreise denkt, die Saudi-Arabien reich machen wie noch nie zuvor.

Nomani: Das kann man wohl sagen. Und wir machen die saudische Regierung nicht für ihre Komplizenschaft bei der Schaffung dieser gefährlichen Ideologie verantwortlich.

Zuerst wurde sie nach Pakistan exportiert, das heute ein Eldorado für militante Islamisten ist. Danach wurden Stellvertreter-Gemeinden in aller Welt gegründet. Ich spreche jetzt nicht von irgendwelchen Dörfern in Pakistan, sondern von meiner Heimatstadt Morgantown in West-Virginia.

Wie funktioniert das?

Nomani: Sie übernehmen Moscheen und lehren eine wahhabitische und salafistische Ideologie und der Rest der Gemeinde muss dabei mitmachen. Das funktioniert sehr gut. Die Männer lassen sich dann Bärte mit einer bestimmten Länge wachsen, sonst gelten sie nicht als richtige Muslime. Und die Frauen verschleiern sich.

Aber da muss es ja auch ein Bedürfnis danach geben. Propaganda alleine ist wohl zu wenig. Geht es da um ein Gemeinschaftsgefühl, um Mode, um Cool-Sein?

Nomani: Natürlich gibt es auch ein Bedürfnis danach. Cool ist man, wenn man einen Glauben praktiziert, der abseits westlicher Interpretationen liegt. So können junge Frauen denken, dass sie Rebellen sind, wenn sie den Hidschab tragen.

Eine Fashion-Protestbewegung auf breiter Ebene?

Nomani: ​​ Ich glaube daran, dass die Religion hier eine Konsumgüterindustrie ist. Es ist ein Geschäft, konservative wie liberale Ideen innerhalb des Islams zu verkaufen. Es gibt eine Modeindustrie in diesem Bereich: Eine Abaya (traditionelles arabisches mantelartiges Übergewand) für 10.000 Dollar in einer Boutique am Golf, Wallfahrtskleidung oder islamisch-moderate Badeanzüge über das Internet.

Auf dem liberalen Sektor beispielsweise geschieht das mit T-Shirts und aufgedruckten Sprüchen wie: "So sieht ein radikaler Muslim aus." Ich bin immer wieder erstaunt, was und wie man etwas als ein islamisches Produkt verkauft.

Zurzeit ist es islamische Musik. Das lustigste, was ich kürzlich gesehen habe, war islamische Unterwäsche. Ein G-String, auf dem hinten bismillah ("Im Namen Allahs") zu lesen war.

Ob Bewegung oder Mode: Alles hat sein Ende. Wie lange wird das noch gehen?

Nomani: Ich glaube in 20 Jahren ist es zu Ende mit dieser Ausprägung des Islam, die den Frauen den Schleier oder das Kopftuch aufzwingen will. Mohammed Sayed al-Tantawi ist einer der ersten Führer, der indirekt gesagt hat, jetzt ist es genug. Das ist ein guter Trend.

Bis dahin müssen die muslimischen Frauen also noch leiden?

Nomani: Sicherlich noch einige Zeit. Aber man muss auch betonen, dass es nicht nur Frauen sind, die leiden, sondern auch die Männer sind betroffen. Bei den Taliban mussten sie ein bestimmtes Aussehen, Denken und Verhalten haben, sonst galten sie nicht als richtige Muslime. Kontrollmechanismen machen keinen Halt bei den Frauen, sie dehnen sich weiter und weiter aus.

Bei den Taliban wurden die Frauen Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben verbannt. Am Ende kulminierte die religiöse Kontrolle darin, die Buddha-Statuen in die Luft zu jagen. Meinen Sie, dass Tantawi daran gedacht hat?

Nomani: Ich denke, das hat er erkannt. Da geht es nicht nur um den Schleier von Frauen. Irgendwann kann er selbst zur Zielscheibe werden, weil er nicht dieselbe Interpretation des Islams vertritt. Es ist nicht nur eine Bedrohung für Frauen, sondern für uns alle.

Alfred Hackensberger

© Qantara.de 2009

Verwandte Themen
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.