Proteste in Bahrain; Foto: AP/dapd
Interview mit Ali al-Jallawi

"Unter dieser Regierung hat Bahrain keine Zukunft"

Im Gespräch mit Birgit Kurz und Abdelrahman Ammar kritisiert der bahrainische Dichter und Schriftsteller Ali al-Jallawi die Regierung seines Landes, die für die interkonfessionellen Konflikte und die Unterdrückung der Demokratiebewegung in seinem Land verantwortlich sei.

Was empfanden Sie, als der Arabische Frühling in Bahrain mit Hilfe Saudi-Arabiens unterbunden wurde?

Ali al-Jallawi: Der saudische Einmarsch kam keineswegs überraschend, hatte doch die bahrainische Regierung immer wieder damit gedroht, denn sie ist sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass das ganze Volk Demokratie will, Saudi-Arabien jedoch nicht. Eine Demokratisierung des kleineren Nachbars hätte nämlich auch für den großen Bruder am Golf weitreichende Folgen.

Das Problem liegt nun aber nicht nur bei den saudischen Streitkräften, die als Teil der schnellen Eingreiftruppe des Golfkooperationsrates in Bahrain einmarschierten und dort mordeten und vertrieben, sondern auch beim Westen, insbesondere was die Waffen deutscher sowie allgemein europäischer und amerikanischer Provenienz angeht, die gegen Demonstranten und Aktivisten des Arabischen Frühlings zum Einsatz kommen.

Ali al-Jallawi; Foto: Na Dine/DW
Ali al-Jallawi: "Wir brauchen neue Gesichter, eine neue Generation an der Spitze des Landes"

​​Einerseits rufen die Medien westlicher Länder zu Demokratie auf und andererseits verkaufen ebendiese Länder eifrig Waffen ins Ausland. Vor nicht allzu langer Zeit haben beispielsweise die Deutschen den Saudis Panzer geliefert, mit denen diese dann in Bahrain einmarschierten, und kürzlich erst waren der bahrainische Kronprinz und zuvor der Bildungsminister zu Besuch in Deutschland. Dazu muss man wissen, dass diese beiden Regimevertreter einem Ausschuss zur Untersuchung der Vorfälle in Bahrain einberufen hatten, der letztlich befand, dass sie an den Tötungen, Vertreibungen, Folterungen und sonstigen Menschenrechtsverletzungen regen Anteil hatten.

In Bahrain ist die Lage ja ganz besonders komplex. Einerseits gibt es den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten sowie die geopolitischen und strategischen Interessen der Großmächte, andererseits wollen die Bahrainis politische Partizipation. Wie lässt sich dies lösen?

Al-Jallawi: Die einzige Lösung wäre eine Demokratie, in der jede Bürgerin und jeder Bürger eine Stimme hat. Bahrain müsste ein moderner Institutionenstaat werden, der ethnische Spaltungen überwindet und in dem das Gesetz über allen steht. Wie Ampeln funktionieren, versteht ja auch jeder, unabhängig von Religion, Ethnie und Sprache. Außerdem müsste alle Macht vom Volke ausgehen. Dies wollen wir für Bahrain, nur so lassen sich die Konflikte überwinden. Manchmal schürt der Staat selbst interkonfessionelle Konflikte, um dann nach dem Prinzip 'Divide et Impera' behaupten zu können, dass die Gesellschaft gespalten sei, und damit seine Hegemonie zu rechtfertigen.

In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die für die Demokratisierung große Hoffnungen in den Kronprinzen setzen. Kann er diesen Erwartungen denn überhaupt gerecht werden?

Al-Jallawi: Viele sagen, der Kronprinz könne das Land demokratisieren, doch viele setzen auch auf den Premierminister und nicht wenige andere wiederum auf den König selbst. Seit nunmehr fast einem Jahr hält die Welle von Tötungen, Verhaftungen und Gerichtsverfahren unvermindert an und niemand ändert etwas. Der Kronprinz unternimmt nichts. Sicher, er hat eine Initiative zum nationalen Dialog zwischen den verschiedenen politischen Kräften und den Oppositionellen ins Leben gerufen, doch der Einmarsch der bahrainischen und saudischen Militärs machte diesem den Garaus.

Proteste in Sitra; Foto: dpa
Neues Aufflackern der Proteste gegen das Regime: Nach der Beisetzung eines 15-Jährigen Jungen in der Ortschaft Sitra bei Manama kam es zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten.

​​Ich selbst habe drei Jahre in Haft verbracht und als ich freikam, geschah dies unter dem Vorzeichen, dass der Staat nun Reformen durchführen werde. Doch nichts geschah, obwohl der Ruf nach Reformen längst nicht mehr neu ist. Wir achten alle Menschen und hegen keine Feindschaft gegen irgendjemanden, sondern stellen uns gegen die diktatorischen Strukturen.

In Bahrain gehen weiter Menschen auf die Straße und demonstrieren für verschiedene Forderungen. Wie schätzen sie die weitere Entwicklung ein?

Al-Jallawi: In Bahrain sind die Menschen nicht erst mit dem Arabischen Frühling auf die Straße gegangen, doch hat sie dieser noch mehr angespornt. Es hat immer schon Protestbewegungen gegeben, seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Und der Staat hat darauf immer nur mit dem Einsatz der Sicherheitskräfte oder verzögerndem Herumlavieren durch die Bildung von Ausschüssen reagiert. Unter dieser Regierung hat Bahrain keine Zukunft. Wir brauchen neue Gesichter, eine neue Generation an der Spitze des Landes. Die Bevölkerung demonstriert weiter, was nur natürlich ist, denn ihre Forderungen sind ganz legitim, während die derzeitige Regierung immer nur weiter mit der gleichen Logik darauf reagiert.

Als Sie 17 Jahre alt waren, wurden sie verhaftet, 1995 dann für drei Jahre ins Gefängnis geworfen. Warum gelten Sie als Gefahr für das Regime?

Al-Jallawi: Lassen Sie mich Ihnen ein paar Hintergrundinformationen über das Regime in Bahrain geben, dann werden Sie dessen Denkweise verstehen. Wir haben seit der Unabhängigkeit 1971 denselben Premierminister und ein Kabinett aus 24 Ministern, von denen zwölf der Königsfamilie angehören. Die Streitkräfte und der Generalstab rekrutieren sich komplett aus Mitgliedern der Königsfamilie, 80 Prozent der Küste von Bahrain befinden sich im Privatbesitz der Königsfamilie, der Premierminister hat vor kurzem Land von der Fläche eines Fußballstadions für drei Dollar erworben. Meinen Sie vielleicht, darüber zu reden wäre erlaubt?

Seit Juli leben Sie in Weimar. Wie ist es Ihnen hier in Deutschland bisher ergangen?

Al-Jallawi: Ich bin nach Deutschland gekommen, nachdem ich aus Großbritannien ausgewiesen worden war. Jetzt lebe ich in der Stadt Goethes und Schillers, der Stadt der Dichter und Denker. Ich habe festgestellt, dass Schreiben eine Sache ist, das Leben eine andere, dass das Schreiben über Demokratie und Freiheit eines ist und deren konkrete Unterstützung etwas anderes. Ich habe lernen müssen, dass weltweit auch bei Menschenrechtsorganisationen, egal ob in Bahrain oder anderswo, viel Heuchelei zu finden ist, denn sie tun nicht viel Handfestes für Demokratie und Menschenrechte, sondern begnügen sich mit Verurteilungen und Erklärungen. Ich habe in meinen Koffern meine Heimat und meine Erinnerungen in den Westen mitgebracht, all meine Träume sind mir ins Exil in diese Stadt gefolgt.

An welchen Projekten wollen Sie in Deutschland arbeiten?

Al-Jallawi: Derzeit habe ich zwei Projekte: Erstens Deutsch zu lernen und zweitens meinen dritten Roman "Yadallahs Schuh" fertigzustellen. Ich würde mir wünschen, dass meine Romane ins Deutsche übersetzt werden. In meinem jüngsten Werk geht es um einen Schuster mit Namen Yadallah, den ich als Kind kennengelernt habe und der die Welt veränderte, indem er die Schuhe der Menschen veränderte.

Interview: Birgit Kurz und Abdelrahman Ammar

Aus dem Arabischen von Nicola Abbas

© Qantara.de 2011

Ali al-Jallawi (Jahrgang 1975) ist bahrainischer Dichter und Schriftsteller. Seitdem er 17 war, wurde er mehrfach inhaftiert. Zu den Werken des unbequemen Intellektuellen und Demokratieverfechters zählen die Gedichtbände "Dilmuniyat" und "'Isyan (Ungehorsam)".

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