Interview mit Abdelwahab Meddeb

''Die Islamisten sind nicht bereit für eine demokratische Kultur''

Der tunesisch-französische Autor Abdelwahab Meddeb ist ein kritischer Beobachter der politischen Entwicklungen in Tunesien und Ägypten. Im Gespräch mit Ceyda Nurtsch erklärt er, warum die Islamisten keine liberale Diskussionskultur schaffen und er der Idee einer islamischen Demokratie skeptisch gegenüber steht.

Immer wieder schreiben Sie darüber, wie das kreative Denken im Islam seit dem Mittelalter erlahmt ist und die Religion beinahe schon wie eine Anleitung zur Unmündigkeit wirkte. Erachten Sie die Revolutionen in Tunesien und Ägypten als Beginn einer neuen Ära der Selbstermächtigung der Individuen oder – um mit Kant zu sprechen – als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit"?

Abdelwahab Meddeb: Die Islamisten, die heute an der Macht sind, haben an den Revolutionen in Ägypten und Tunesien nicht teilgenommen. Überhaupt ist die Tatsache interessant, dass während der Revolution auch gar keine religiösen Losungen zu hören waren. Deshalb kann man sagen, dass der Regierungsantritt der Islamisten und ihr Erscheinen auf der politischen Bühne eine Art der Entführung der Revolution darstellt.

Für mich haben die Islamisten nichts mit der islamischen Tradition des Mittelalters zu tun. Denn die textuelle Tradition des islamischen Mittelalters war komplex und vieldeutig. Sie basierte auf der Kontroverse und der Pluralität der Ansichten. Aber vor allem war sie Teil einer universell-historischen, theozentrischen Epoche. In allen Gesellschaften stand Gott im Zentrum.

Wenn man heute versucht, wieder Gott anstelle des Menschen ins Zentrum zu rücken, dann erscheint mir das als ein immenser Rückschritt. Der Islamismus entwickelte sich von einer religiösen Tradition zu einer Ideologie. Der Islam als Religion hat ebenso wie alle Religionen eine globale Vision. Das heißt, dass sie in allen Bereichen ihren Einfluss geltend machen möchte.

Demonstration gegen Mubarak in Kairo; Foto: Reuters
Abdelwahab Meddeb: "Während der Revolution gab es in der arabischen Welt eine Art der Utopie. Man glaubte, Politik außerhalb der Politik machen zu können. Diejenigen, die die Revolution gemacht haben, waren nicht diejenigen, die Teil der Politik waren. Das war das Faszinierende."

​​Es geht darum, das Wohl im Himmel vorzubereiten, indem das Leben auf Erden organisiert wird. Während und indem sich aber die Tradition allmählich in eine Ideologie transformiert, macht sie diese globale Vision anfällig für den Totalitarismus. Während der Revolution gab es in der arabischen Welt eine Art der Utopie. Man glaubte, Politik außerhalb der Politik machen zu können. Diejenigen, die die Revolution gemacht haben, waren nicht diejenigen, die Teil der Politik waren. Das war das Faszinierende.

Neben der Intervention durch das Internet gab es etwas, das etwas geradezu situationistisches, etwas anarchisches hatte. Vielleicht vergleichbar mit der post-ökologischen Bewegung der Jugendlichen, der Piraten – mit Leuten, die bestimmte Dinge anpacken wollen, die etwas voranbringen.

Die Frage, die sich auf längere Sicht stellt, ist, ob es sich um eine Form handelt, Politik zu machen. Oder ist es unmöglich, ohne die Strukturen einer organisierten Partei, ohne Mitstreiter und Menschen, die ein klares Ziel verfolgen, Politik zu machen. Die Phase, die wir zurzeit erleben, zeigt uns, dass diese situationistische Vision bislang noch eine Utopie ist.

Sie sprechen sich dafür aus, von einem vergessenen Islam jener Zeit zu lernen, in der eine lebendigere und liberalere Diskussion innerhalb der Religion existierte. Sehen Sie, dass mit der Revolution diese Tradition wieder aufgenommen wird und dass Raum für Diskussionen entsteht, so dass mit der beanspruchten politischen Freiheit auch eine intellektuelle Freiheit einhergeht?

Meddeb: Im Moment herrscht in Tunesien eine freie Debatte zwischen Säkularisten und Islamisten. Das erleben wir zum ersten Mal. Überhaupt denke ich, dass die Menschen die Kultur des gegenseitigen Zuhörens längst vergessen haben. Zurzeit befinden wir uns noch in einer Übergangsphase. Kritisch ist die Phase, die nun folgt. Es stellt sich die Frage, ob mit einem weiteren Sieg der Islamisten die totalitären Tendenzen siegen werden und die Freiheit verhindert wird.

Allerdings scheint mir, dass es schwierig wird, die bereits eroberten Freiheiten wieder rückgängig zu machen, denn sie hat einen neuen Reiz, einen neuen Geschmack für die Menschen bekommen. Das ist eine Neuentdeckung. Doch möglich ist natürlich auch die negative Kehrtwende. Aus diesem Grund wird die Situation sehr angespannt bleiben.

Warum widersprechen Sie der These, dass die arabischen Gesellschaften ihren eigenen Weg gehen müssen und ihre eigene Aufklärung entwickeln können?

Meddeb: Für mich ist die Sache sehr einfach. Warum sollte jeder seine eigene Aufklärung entwickeln? In der islamischen Tradition gab es bereits sehr früh, d.h. im 11. und 12. Jahrhundert, Prämissen für die Aufklärung. Es ist sehr wichtig, sich daran zu erinnern, dass es in der arabischen Tradition Aufklärungstendenzen gegeben hat und die meiner Meinung nach auch zu einer bestimmten Haltung geführt haben.

Warum also seine Zeit verschwenden und etwas neu erfinden, was schon existierte? Das erinnert mich an einen Ausspruch von Averroes, dem Theologen vorwarfen, viel von den Griechen übernommen zu haben. Er sagte, sie haben etwas Außergewöhnliches entdeckt, das wir jetzt übernehmen und zu unserem eigenen Vorteil nutzen können. Vor allem aber können wir es in dem Bewusstsein gebrauchen, dass sie es nicht durch göttliche Gnade erfunden haben, sondern alleine durch menschliche Bemühungen.

In Ägypten sind die Muslimbrüder, in Tunesien ist die Ennahda an der Macht. Beide lehnen den Laizismus ab. Betrachten Sie als ausgesprochener Säkularist diese Entwicklungen mit Sorge?

Meddeb: Ich möchte mit dem Modell der Türkei und dem Beispiel Erdoğan antworten. Als Erdoğan nach Tunesien und nach Ägypten reiste, sagte er etwas sehr Wichtiges in Bezug auf den Laizismus. Er erklärte, dass er ein frommer Muslim sei, den Glauben zutiefst respektiere und diesen gemäß der Kultur und des Ritus praktiziere. Aber politisch stehe er im Dienste eines laizistischen Staatswesens, der eine Trennung von Religion und Politik vorsehe und die bestmögliche Staatsform sei.

Erdoğans Worte stießen jedoch nur bedingt auf Begeisterung…

Meddeb: Das stimmt. Die Ägypter sagten, diese Staatsform sei eine türkische Besonderheit. Schließlich lenkt Erdoğan die politischen Geschäfte mit dem Bild Atatürks im Rücken, einem Feind der Islamisten. Auch in Tunesien haben wir unseren Atatürk. Wir haben Bourguiba, der auch Gegner der Islamisten der Ennahda war. Wir verteidigen Bourguiba. Um Bourguiba in die Falle gehen zu lassen, muss man Gewalt anwenden, denn die Hälfte der Tunesier steht noch immer hinter den Ideen Bourguibas. Seine Ideen haben noch immer Bestand.

Rachid Ghannouchi, Foto: Reuters
Wohin steuert Tunesiens "Jasminrevolution"? Nach der Machtübernahme der islamistischen "Ennahda" unter Rachid al-Ghannouchi befürchten viele säkulare Tunesier eine Rücknahme der liberalen Freiheitsrechte Habib Bourguibas, des ersten Präsidenten der Tunesischen Republik.

​​Ob sich der Islamismus Erdoğans wirklich zu einer islamischen Demokratie entwickelt hat, wird sich an dem Tag zeigen, an dem es einen Wandel gibt. Bislang wurde Erdoğan nicht abgewählt. Ich warte auf den Tag, an dem er die Wahlen verliert und bin gespannt darauf zu sehen, wie er seinen Regierungssitz verlässt und in sein Haus zurückkehrt. Ich denke nicht, dass die Islamisten für eine demokratische Kultur bereit sind. Ich glaube erst an eine islamische Demokratie, wenn dieser Wandel in Form eines demokratischen Machtwechsels auch tatsächlich vonstattengegangen ist. Dieser Wandel ist also der letzte Beweis.

Sie stehen der politischen Entwicklung nach den Umbrüchen in Nordafrika insgesamt skeptisch gegenüber…

Meddeb: Die Diktaturen waren sicher nicht zu tolerieren. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass sie jetzt zu Ende sind, geht es jetzt darum, dass auf die laizistische Diktatur nicht eine religiöse folgt. Denn die wird gewiss schlimmer sein als die laizistische. Unsere große Herausforderung besteht also darin, wie wir eine mögliche religiöse Diktatur verhindern können.

Interview: Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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