Interreligiöses Friedenstreffen

Eine Welt in Flammen

In Antwerpen diskutieren religiöse Führer aller Weltreligionen über das Grauen der kriegerischen Gegenwart. Vor allem Vertreter des Islam finden klare Worte gegen die Barbarei islamistischer Terrorgruppen. Von Daniel Deckers

Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seit Papst Johannes Paul II. Repräsentanten aller Weltreligionen zu einem gemeinsamen Gebet für den Frieden in der Welt nach Assisi einlud. Seit mehr als 25 Jahren auch hält die 1968 gegründete Gemeinschaft von Sant’Egidio den Geist von Assisi gegen alle Widerstände in der katholischen Kirche lebendig – zumal es nach dem Ende des Ost-West-Konflikts eine Zeitlang so ausgesehen hatte, als dass der „Zusammenstoß der Kulturen“ kein unausweichliches Schicksal sei.

Nach und nach spannen die Männer und Frauen der „UN von Trastevere“, wie sie im Vatikan mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung genannt werden, ein Netz von Kontakten zu Religionsführern und Politikern in aller Welt, um Vertrauen entstehen zu lassen. Handfeste Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten. 1992 waren Andrea Riccardi, der Gründer der Gemeinschaft, und Matteo Zuppi, heute einer der Weihbischöfe des Bistums Rom, maßgeblich an dem Friedensschluss zwischen der Frelimo und Renamo im moçambiquanischen Bürgerkrieg beteiligt.

Papst Franziskus und der Mufti von Jerusalem vor dem Felsendom; Foto: Getty images/GPO
Im Mai dieses Jahres besuchte Papst Franziskus erstmalig Jerusalem. Während seines Aufenthaltes in der Westbank betonte er die Wichtigkeit einer friedvollen Lösung für den, wie er ihn nannte „inakzeptablen israelisch-palästinensischen Konflikt“. Auf der Friedenskonferenz in Antwerpen sprachen Vertreter der Weltreligionen vor allem über die aktuellen, gewaltsamen Geschehnisse im Nahen Osten.

Barbarei dieser Tage hallt in Reden wieder

Wie fragil jede Friedensordnung ist, sollte seither nicht nur Zuppi erfahren, der vor wenigen Tagen wieder in Moçambique war, dieses Mal, um vor der Präsidentenwahl zwischen den beiden Parteien zu vermitteln. Über keines der nunmehr 28 internationalen Friedenstreffen der Gemeinschaft haben sich die Schatten von Krieg und Barbarei so sehr gelegt wie über jenes, das am Sonntag in der belgischen Hafenstadt Antwerpen begonnen hat.

So herrschte auch nur dem Anschein nach die heitere Routine der Friedenstreffen, als sich am Sonntagmorgen die Kathedrale von Antwerpen mit buntgekleideten Religionsführern sowie Mitgliedern der Gemeinschaft Sant’Egidio aus allen Kontinenten füllte. Als der Ignatius Aphrem II., syrisch-orthodoxer Patriarch von Antiochien, in seiner Predigt von der drohende Auslöschung der religiösen Minderheiten im Mittleren Osten sprach, konnte noch so viel Licht durch das gotische Bauwerk fluten – dass die Welt in Flammen steht, war allen bewusst.

Als ob es nicht genug gewesen wäre, an diesem Septembertag an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren und – wie der Antwerpener Bürgermeister Bart de Wever vermerkte – an den Zweiten Weltkrieg und die Befreiung der Hafenstadt vor den deutschen Besatzern vor den Tag genau vor siebzig Jahren zu erinnern, so war es doch das Grauen dieser Tage, das in den öffentlichen Zeugnissen und vielen persönlichen Gesprächen widerhallte.

Großmufti spricht sich gegen Gewalt aus

Andrea Riccardi selbst war es, der in seinen einführenden Worten die letzten Reste einer Friedensillusion zerstreute. In der Ukraine ist der Krieg auf europäischen Boden zurückgekehrt, politische Ordnungen im Nahen und Mittleren Osten zusammengebrochen, immer mehr Staaten, die das Leben ihrer Bürger nicht mehr zu schützen vermögen, die Einhegung kriegerischer Gewalt mittels internationaler Konventionen durch gezielte Zurschaustellung von Grausamkeiten als Mittel der Propaganda in ein nie dagewesenes Gegenteil verkehrt: Terrorismus als Kult entmenschlichter, oft religiös legitimierter Gewalt. Ist das der Dritte Weltkrieg, der heute Stück für Stück geführt wird, von dem Papst Franziskus kürzlich gesprochen hat?

Vian Dakheel; Foto: picture-alliance/A. Abbas
In einer emotionalen Rede auf der internationalen Friedenskonferenz berichtete die irakische Abgeordnete, Vian Dakheel - selbst Jesidin, von der Jesiden-Verfolgung durch die Milizen des „Islamischen Staates“.

Wer Vian Dakheel zuhörte, der einzigen weiblichen Abgeordneten im irakischen Parlament, die das Leiden ihres Volkes, der Yeziden, am eigenen Leib erfahren hat, der fühlte sich unversehens in jene Hölle zerfetzter Körper, ausgelöschter Dörfer und eines allgegenwärtigen Todes „vor der Zeit“ versetzt, in die Europa vor hundert Jahren versank. Nicht anders wirkte der Bericht von Ignatius Aphrem II. aus den Ruinen syrischer Städte und den zerstörten Kirchen, in denen Flüchtlinge um ihr Überleben kämpfen. Ungläubiges Staunen hingegen, als Shwaki Ibrahim Abdel-Karim Allam, als Großmufti von Ägypten die höchste religiöse Autorität des sunnitischen Islam, das Wort ergriff. Niemand hatte die höchste Autorität des sunnitischen Islams je so unmissverständlich bestreiten hören, dass man je im Namen des Islam Gewalt ausüben könne.

Eines ist über die Einlassung des Großmuftis hinaus die Botschaft von Antwerpen: Überall in der islamischen Welt sind Scheichs, Imame und Emire bereit, die Perversion ihrer Religion zum Zwecke der Gewalt auch mit Taten zu ächten.

Wenn Muhammad Abdul Khadir Azad, der Großimam der Moschee von Lahore in Pakistan, gemeinsam mit Paul Bhatti, dem Bruder des 2010 ermordeten pakistanischen Ministers für Minderheiten, in die Brennpunkte religiöser Gewalt reist, um einen fanatisierten Mob davon abzuhalten, christliche Dörfer zu zerstören; oder wenn christliche und muslimische Autoritäten in Nigeria gemeinsam gegen Boko Haram Zeugnis ablegen und den Teufelskreis aus Armut und Fanatismus durchbrechen wollen, dann wird ein wenig von jenem Frieden sichtbar, den sich jede wahre Religion zum Ziel gesetzt hat.

Daniel Deckers

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2014

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Leserkommentare zum Artikel: Eine Welt in Flammen

Meine Guete, lieber Autor... Nun setzen Sie aber bitte ganz schnell mal wieder die rosarote Brille ab, da wird einem ja uebel... Uebrigens, die hoechste sunnitische Autoritaet ist nicht der Grossmufti, sondern der Grand Sheik des Azhar Instituts, und der heisst Ahmed el Tayeb. Ihr letzter Satz ist uebrigens der Hammer! Wenn ich mir unsere Welt so anschaue, dann sind in der Realitaet aber bisher alle, ausnahmslos alle grossen und "wahren" Religionen (welche ist uebrigens wahr oder nicht wahr Ihrer Meinung nach?) grandios in der Umsetzung ihrer hehren Ziele gescheitert!!! Wobei gerade der Punkt dass sie sich jeweils als die "einzig wahre Religion" empfinden hat Aber- und Abermillionen von Menschen das Leben gekostet. Darueber kann man doch einfach nicht hinwegsehen. Ich aergere mich wahnsinnig ueber Ihren Artikel!

Ingrid Wecker03.10.2014 | 11:20 Uhr