Internationales Filmfestival auf Sansibar

Sklaverei im Fokus der Kameras

"Celebration of Waters and Dreams" – so lautete der Titel des diesjährigen Filmspektakels auf Sansibar. In diesem 10. Festivaljahr lag der filmische Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung mit der Sklaverei. Detlef Langer berichtet.

"Celebration of Waters and Dreams" – so lautete der Titel des diesjährigen Filmspektakels auf der zu Tansania gehörenden Insel Sansibar. In diesem 10. Festivaljahr lag der filmische Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung mit der Sklaverei und deren Auswirkungen auf die Region. Detlef Langer berichtet.

Das Fort in Stonetown; Foto: Detlef Langer
Das Fort in Stonetown am Indischen Ozean als zauberhafte Kulisse des Filmfestivals und Begegungsort von Regisseuren und Musikern

​​Sollte einmal ein Preis für die zauberhafteste Kulisse eines Filmfestivals verliehen werden, dürfte ihn das Internationale Film Festival Sansibar erhalten und fraglos den Glamour und die roten Teppiche von Cannes oder Venedig ausstechen.

Nur wenige Meter vom grün schimmernden Meer entfernt, auf dem einige Dhows zum Fischfang hinaustreiben, durch den allabendlichen Trubel bei den Garküchen hindurch, wo die Gerüche bruzzelnder Tintenfische, Krabben und Fleischspieße locken, liegt das alte ockerfarbene, von osmanischen Sultanen errichtete Fort.

Bühne für magische Geschichten und Bilder

Zeitweilig von den britischen Kolonialherrschern als Tennisplatz genutzt, ist es nun der Ort eines Amphitheaters und Freilichtkinos, in dem, sobald es dunkel ist, wie magisch Geschichten und Bilderzählungen während des Festivals gegen den nächtlichen Himmel und die dunklen, aber immer noch belebten Gassen der Altstadt von Stonetown erscheinen.

"Celebration of Waters and Dreams" war der Titel des diesjährigen Festivals, das mehr als nur Filme zu bieten hatte. Als "Festival of the Dhow Countries" sucht es den kulturellen Dialog mit den Anrainern des Indischen Ozeans, von der arabischen Halbinsel bis hin nach Indien und Indonesien.

Dhow vor der Küste Stonetowns auf Sansibars; Foto: AP
Austausch von Waren und kulturellen Traditionen seit über zweitausend Jahren: Dhow vor der Küste Sansibars

​​Das heißt mit den Ländern, die aufgrund der Monsunwinde schon seit mehr als zweitausend Jahre mit ihren Dhow-Handelsseeglern regelmäßig Waren, Menschen, Ideen, Kenntnisse und kulturelle Traditionen austauschten.

Im Fort wird nach den Filmabenden den Musikern die Bühne überlassen – nicht nur den einheimischen "Tarab"-Künstlern wie Bi Kidude, sondern auch international renommierten Musikern wie Moussa Diallo, der westlichen mit afrikanischem Sound fusioniert, oder die Band String n' Skins aus Südafrika, die mit afrikanischen Rhythmen und indisch geprägten Melodien überraschen. Daneben gibt es Ausstellungen, Kongresse, Workshops, Lesungen.

In diesem zehnten Festivaljahr war ein Schwerpunkt die filmische Auseinandersetzung mit der Sklaverei und deren Auswirkungen. Die UNESCO hat dazu erstmalig einen so genannten "Breaking the Chaines-Award" ausgeschrieben. Etwa 15 Filme nahmen an dem Wettbewerb teil, darunter auch Lars van Trier mit "Manderlay".

Sklaverei als Schwerpunkt des Festivals

Dass die UNESCO gerade Sansibar für diesen Filmwettbewerb ausgewählt hat, ist kein Zufall: Sansibar war einer der größten Sklavenmärkte im Raum des Indischen Ozeans.

Und es gibt heute noch zahlreiche, beeindruckende Erinnerungsstücke, die von dieser großen menschlichen Tragödie erzählen: etwa die dunklen Höhlen von Mangapwani, in denen noch nach dem Verbot Sklaven versteckt gehalten wurden oder der alte Sklavenmarkt in der Nähe der städtischen Markthallen von Stonetown.

​​Bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts wurden hier jährlich etwa 15.000 afrikanische Sklaven Richtung arabische Halbinsel und Osmanisches Reich, nach Iran und in den muslimischen Teil Indiens verkauft. Anders als beim atlantischen Sklavenhandel also, verkauft in die Länder der islamischen Welt.

Verglichen mit dem atlantischen Handel ist dieser – wenn auch kleinere Teil des Menschenhandels – von der Wissenschaft kaum aufgearbeitet und ebenso wenig von den Medien wahrgenommen worden. Umso wichtiger ist daher dieser Anstoß der UNESCO.

Heute haben alle Staaten der islamisch geprägten Welt die Sklavenhaltung abgeschafft, 1966 auch Saudi-Arabien. Aber das soziale Leiden, die Diskriminierung der Nachkommen von Sklaven wirken noch heute nach. Dies dokumentierte eindrücklich der türkische Filmbeitrag "Baa Baa Black Girl".

Sklaventradition in der Türkei

Dieser erzählt die Geschichte des dunkelhäutigen Mustafa Olpak, dessen afrikanischer Großvater als Haussklave an eine türkisch-osmanische Familie verkauft wurde und der mit der kemalistischen Revolution und Umsiedlung nach Istanbul kam.

Obwohl juristisch nunmehr frei, aber unfähig, alle Kinder zu ernähren, musste er eine seiner Töchter einer fremden Familie zur Adoption geben – eine noch bis 1964 übliche Form der Haussklaverei in der Türkei.

Mit bewegenden Worten erzählt Mustafa, wie sein Vater die adoptierte, verschwundene Schwester wieder fand. Mustafa Olpak hat 2006 ein erstes Treffen von hiervon ebenfalls betroffenen Afro-Türken organisiert.

Die Geschichte der schwarzen Beduinen hat der israelische Dokumentarist Uri Rosenwaks gemeinsam mit einer Gruppe junger schwarzer Frauen aus der Beduinenstadt Rahat in der Negev-Wüste in seinem Film "The Film Class" aufgearbeitet.

"Diese schwarzen Beduinen wurden in Afrika von arabischen Sklavenhändlern gekidnappt und in Sansibar, Saudi-Arabien und Ägypten verkauft", so Uri Rosenwaks. "Bis vor 50 Jahren waren diese schwarzen Beduinen noch Sklaven weißer Beduinen. Als ich mit der Gruppe zu arbeiten anfing, hatte ich noch keine Ahnung davon. Auch die jungen Frauen in der Filmklasse sprachen nicht davon."

Es brauchte 18 Monate vertrauensvolle Zusammenarbeit und ein Schlüsselerlebnis, in der ein kleiner Beduine eine Leckerei, die er verspeiste, "Sklavenkopf" nannte, bis die jungen Frauen des Filmkurses das große Tabu offen legten und von der noch andauernden Diskriminierung als Nachkommen von Sklaven sprechen konnten.

In beeindruckender Weise zeigt der Film, wie die jungen Frauen lernen, über ihr Stigma zu sprechen, wie sie eine Vorstellung davon gewinnen, was Sklaverei war, wie sie beginnen, selbstbewusst die Kamera gegen die andauernde Diskriminierung einzusetzen.

Beispielsweise in einem Gespräch mit dem Bürgermeister ihrer Stadt, der die "althergebrachte Tradition" verteidigt, schwarze und weiße Beduinen sollten nicht untereinander heiraten.

Erbe der Sklaverei als gesellschaftliche Belastung

Dass die historische Erfahrung der Sklaverei auch das Leben der Menschen in Sansibar belastet, machte die öffentliche TV-Talk-Show "Hatua" deutlich, die während des Festivals im Fort produziert wurde. Darin wurden bittere Worte gegen die Nachkommen der Sklavenhändler laut.

Der Sansibari Mohamed Omari führte diskriminierende Tendenzen an, wonach Heiraten immer noch allein auf die jeweiligen Stadtviertel beschränkt seien. Andere Diskussionsteilnehmer äußerten in der emotional geführten Debatte, dass nicht allein die Araber am Sklavenhandel beteiligt gewesen seien.

Mahfouha Hamid aus der Familie des bekannten Sklavenhändlers Tippu Tip rief: "Sklaverei ist die schlimmste Form der Ungerechtigkeit in der Geschichte, aber lasst uns keine Gefühle der Bitterkeit pflegen."

Andere Gesprächsteilnehmer im Amphitheater meinten, man solle nicht nur über Vergangenes sprechen, sie wiesen auf moderne Formen der Sklaverei in Afrika, auf Sexsklaverei und Kindersoldaten hin.

Weitere filmische Aspekte des Festivals

In der Filmauswahl wurden brennend aktuelle Themen wie diese nicht vergessen. Der als Weltpremiere vorgestellte Film "Elfu Huanza Moja" dramatisierte in fünf Geschichten reale Fälle von Kindesmissbrauch in der tansanischen Gesellschaft. Andere tansanische Filme – wie "Hali Halisi" oder "Fimbo ya Baba" – fokussierten auf dem Thema AIDS.

Neokoloniale Ausbeutungsmechanismen wurden anschaulich in Filmen wie "Bushmann's Secret" aus Südafrika dargestellt. Der Film kritisiert die Aneignung des traditionellen Wissens von Buschmännern durch Pharmakonzerne, "Black Gold" genannt, ferner wird das Missverhältnis der Gewinne internationaler Kaffeekonzerne und der niedrigen Einkommen afrikanischer Kaffeebauern aufgezeigt.

Eine besonders leidenschaftliche Teilnahme demonstrierte das sansibarische Filmpublikum bei "Zanzibar Queen of Soccer". Dieser Film porträtiert eine sansibarische Frauenfußballmannschaft, die mit Selbstbewusstsein und Leidenschaft ihre Spiellust gegen viele Widerstände in der muslimisch geprägten Gesellschaft durchsetzt.

Die Jury des Festivals zeichnete diesen Film ebenso aus wie "Bushmann's Secret". Ausgezeichnet mit dem "Goldenen Dhow" wurde im Bereich des Dokumentarfilms aber der ugandische Film "The Power of the Spirits" über traditionelle Heilpraktiker in Uganda.

In der Sparte Spielfilm wurde "Malooned" aus Kenia mit einer "Silberne Dhow" ausgezeichnet, eine "Goldene Dhow" ging an "Juju Factory", von dem kongelesischen Filmemacher Balufu Bakupa-Kanyinda.

Die Filme "Boa Boa Black Girl" und "The Film Class" erhielten den "Breaking the Chaines-Award". Die Jury regte an, das Thema Sklaverei zu einem regelmäßigen Bestandteil des Festivals in Sansibar zu machen.

Detlef Langer

© Qantara.de 2007

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