Internationaler Tag zur Abschaffung der Sklaverei:

Den Teufelskreis durchbrechen!

In Mauretanien, einem der ärmsten Länder der Welt, leidet bis heute ein großer Teil der Bevölkerung unter der Sklaverei und ihren Folgen. Über die jüngsten Erfolge im Kampf gegen eine historische Erblast berichtet Mona Naggar.

Bouh Kamara und Boubacar Ould Messaoud, Foto: Mona Naggar
Boubacar Ould Messaoud (rechts) ist Mitbegründer und Vorsitzender der Organisation SOS Esclaves; Bouh Kamara (links) ist Organisationsmitglied.

​​Boubacar Ould Messaoud kennt die Sklaverei aus eigener Erfahrung. Seine Eltern mussten Jahrzehnte als Leibeigene dienen. In der Schule wurde er als Sklave verspottet.

Seit vielen Jahren engagiert sich der Architekt Boubacar Ould Messaoud im Kampf gegen die Sklaverei in seinem Land. Er ist Mitbegründer der Organisation SOS Esclaves und auch ihr Vorsitzender.

Der kleine rundliche schwarze Mann mit dem weißen Bart kann zufrieden sein: Nach Jahrzehnten der Tabuisierung hat sich in dem nordwestafrikanischen Land einiges bewegt. Im Sommer verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die Sklaverei unter Strafe stellt.

Ould Messaoud bewertet das Gesetz positiv. Es spiegelt für ihn den politischen Willen der Regierung und des im März gewählten Präsidenten wieder, das Problem anzuerkennen und ernsthaft anzugehen. In Mauretanien ist die Sklaverei zwar längst abgeschafft, aber das Gesetz aus den 80er Jahren wurde nie umgesetzt.

Genaue Statistiken über die Verbreitung der Sklaverei in Mauretanien gibt es nicht. Internationale Organisationen schätzen, dass ungefähr die Hälfte der drei Millionen Mauretanier von dem Phänomen betroffen ist. Es handelt sich dabei um Sklaven und um die so genannten Haratins, ehemalige Sklaven und ihre Nachkommen.

Kein Paradies für Ungehorsame

Boubacar Ould Messaoud beschreibt den Sklaven als einen Mensch, der Tag und Nacht ohne Gehalt für seinen Herrn arbeitet. Er lebt mit ihm zusammen. Er wird von seinem Herrn beerbt und dieser kann auch über das Schicksal der Kinder bestimmen.

Männer oder Frauen arbeiten in der Viehzucht, in der Landwirtschaft oder im Haushalt. Auch die Religion wird missbraucht, um die Sklaverei zu stützen: "Es kursiert bei uns der Glaube, dass der Sklave nicht ins Paradies kommt, wenn er seinem Herrn nicht gehorcht."

Das Phänomen ist historisch gewachsen und hat weniger mit der Hautfarbe tun. Es stammt aus einer Zeit, als Stämme gegeneinander Krieg führten und Karawanen mit Salz oder Gummi Arabicum beladen durch das Land zogen, manchmal Menschen raubten und verkauften.

Es gibt keine neuen Versklavungen, aber die Leibeigenen werden von den Eltern auf die Kinder weitervererbt.

Die Sklaverei hat tiefe Spuren in der mauretanischen Gesellschaft hinterlassen. In der Hauptstadt Nouakchott, wo inzwischen ein Drittel der Mauretanier lebt, zeigt sich die soziale Tragweite des Problems.

Die Mehrheit der Slumbewohner sind Haratins. In den Schulen des Landes sind sie unterrepräsentiert, ebenso in Bezug auf ihren Anteil an Besitzern von Ackerland. Die Heirat mit einem oder einer Haratin ist ein gesellschaftliches Tabu.

Widerspruch zum Koran

Für Cheikh Saad Bouh Kamara ist das neue Gesetz, das die Leibeigenschaft unter Strafe stellt, nur ein erster Schritt, um den Teufelskreis, in dem sich Tausende Menschen befinden, aufzubrechen. Bouh Kamara, Mitglied von SOS Esclaves und Soziologieprofessor an der Universität Nouakchott, fordert eine umfassende soziale Mobilisierung:

"Wir müssen mit Imamen zusammen arbeiten, wir müssen in Moscheen gehen und den Leuten sagen, dass die Sklaverei dem Koran widerspricht. Wir müssen die Einstellung in den Köpfen ändern. In meiner Eigenschaft als Professor bilde ich Trainer aus, die aufs Land gehen, die Menschen aufklären und Sektionen unserer Organisation gründen."

Die Organisation SOS Esclaves kommt auch im Bürgerradio "Radio Citoyen" zu Wort - eine Möglichkeit, mit betroffenen Hörern in Kontakt zu kommen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Organisation versucht auch, durch verschiedene Projekte den Sklaven und ehemaligen Sklaven den Weg zu einer eigenständigen Existenz aufzuzeigen.

"Sie müssen wirtschaftlich auf eigenen Füße stehen, sonst fallen sie schnell in alte Strukturen zurück", sagt Bouh Kamara.

Die Überwindung der Sklaverei und ihre Folgen wird noch Generationen von Mauretaniern beschäftigen. Aber der Vorsitzende von SOS Esclaves Ould Messaoud ist optimistisch:

"Wir kämpfen heute gemeinsam: die Haratins, die Kinder von Sklavenbesitzern und Abkömmlinge von Familien der Oberschicht. Viele sind heute gegen die Sklaverei!"

Mona Naggar

© Qantara.de 2007

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