Inhaftierter Sektenführer in der Türkei

Das gottgefällige Leben des Adnan Oktar

In der Türkei hat die jüngste Inhaftierung des dubiosen Fernsehpredigers Adnan Oktar für Schlagzeilen in den Medien gesorgt. Erstmals hatte der erklärte Gegner der Evolutionstheorie in den 1990er Jahren als Anführer einer Sekte von sich reden gemacht, die in mehrere Sexskandale verwickelt war. Von Hakim Khatib

Am 11. Juli 2018 wurde der Sektenführer und Fernsehprediger Adnan Oktar von der türkischen Polizei verhaftet – gemeinsam mit 234 anderen Personen, die mit ihm in Verbindung gebracht werden. Oktar wird unter anderem wegen Betrugs und sexueller Misshandlungen angeklagt. Außerdem wird ihm vorgeworfen, eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben.

Nachdem mehrere Betroffene im Alter zwischen elf und vierzig Jahren Klage eingereicht hatten, durchsuchte die Istanbuler Polizei 120 Wohnungen und Büros. Dafür, dass Adnan Oktar gemeinsam mit Dutzenden seiner Anhänger in Istanbul verhaftet wurde, machte er den "britischen Deep State" verantwortlich.

Wer ist der türkische Fernsehprediger Adnan Oktar?

Als Sektenführer ist Oktar weniger für seine intellektuellen Beiträge bekannt, als für seine Fernsehshows mit Frauen (lit. Harem), aber das ist noch nicht alles: Oktar, der am 2. Februar 1956 im türkischen Ankara geboren wurde, ist ein überzeugter Kreationist und und hat unter dem Namen Harun Yahya (der von seinen Propheten Aaron und Yahya stammt) mehrere abstruse Bücher über Kreationismus und Freimaurerei verfasst.

Verhaftung Adnan Oktars in Istanbul; Foto. picture-alliance/AA
Vorwurf des Betrugs, des sexuellen Missbrauchs und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung: Adnan Oktar wurde am 11. Juli von der türkischen Polizei verhaftet – gemeinsam mit 234 anderen Personen, die mit ihm in Verbindung gebracht werden. Oktar, der sich selbst Harun Yahya nennt, ist bekannt für eine Sendung im Online-Sender A9. Als Moderator trat er dort stets umgeben von stark geschminkten und leicht bekleideten Frauen auf, die er seine "Kätzchen" nannte. Laut türkischer Nachrichtenagentur Anadolu richten sich 106 der Haftbefehle gegen Frauen.

2006 schrieb Oktar den "Atlas der Schöpfung", worin er argumentierte, Darwins Evolutionstheorie sei eine Grundlage des globalen Terrorismus. Seiner Ansicht nach ist die Evolution eine böse Lehre, die direkt mit Materialismus, Nazismus, Kommunismus und Buddhismus verbunden ist. Viele von Oktars Behauptungen ähneln dem fundamentalistischen christlichen Kreationismus, sind aber noch deutlich absurder. Auf seiner Webseite behauptet er, er habe über 300 Bücher geschrieben, die in 73 Sprachen übersetzt worden seien.

Gemeinsam mit seiner Gruppe von Anhängern hat sich Oktar in den letzten Jahren bemüht, Atheismus, Darwinismus und Zionismus zu widerlegen. Unterstützt wurde er durch die "Stiftung für Wissenschaftliche Forschung" (BAV), die für ihre evolutionsfeindliche und kreationistische Ausrichtung bekannt ist. So konnte Oktar in der von der BAV finanzierten Millî Gazete eine Kolumne schreiben und Konferenzen organisieren, um seinen Standpunkt bekannt zu machen.

1979 studierte Oktar an der Fakultät für Innenarchitektur der Staatlichen Akademie der Künste in Istanbul. Nach einer Weile beendete er das Studium und schrieb sich an der Istanbuler Universität für Philosophie und Geschichte ein, wo er sich aber auch schon bald wieder exmatrikulierte.

Unkonventionelle Methoden für schlichte Gemüter

Oktar moderiert Talkshows auf seinem Fernsehsender A9, in denen er über islamische Werte spricht und gelegentlich mit jungen Frauen tanzt, die er "Kätzchen" nennt, und singt gemeinsam mit jungen Männern, die er als seine "Löwen" bezeichnet. In seinem Programm umgibt sich Oktar mit Frauen und diskutiert religiöse und soziale Fragen, um den Kreationismus zu fördern. In verschiedenen Sparten der türkischen Medien wurde er daraufhin als der "berüchtigtste Sektenführer der Türkei" bezeichnet.

Im Februar 2018 wurde Oktars Fernsehprogramm, das theologische Diskussionen und Tanz miteinander verband, von der türkischen Fernsehaufsicht abgesetzt. Die Begründung lautete, er habe die Gleichheit der Geschlechter und die Rechte der Frauen verletzt.

Nachdem Oktar am 31. Januar 2018 vom Leiter des türkischen Direktoriums für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) scharf angegriffen worden war, lieferten sich die beiden einen verbalen Schlagabtausch. Unterdessen wurde er von mehreren Vätern und Geschwistern seiner Haremsdamen gerichtlich verklagt.

Oktar ist nicht zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er wurde in den vergangen Jahrzehnten bereits mehrfach verhaftet - unter anderem wegen Drogenbesitz -, und mehrere Monate in eine psychatrische Anstalt eingewiesen.

Hakim Khatib

© MPC Journal 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Hakim Khatib ist Dozent für Journalismus, interkulturelle Kommunikation sowie Politik und Kultur des Nahen Ostens an der Fulda-Universität für Angewandte Wissenschaften und der Phillips-Universität Marburg. Sein Spezialgebiet ist die Integration der Religion in das politische Leben und politische Diskurse im Nahen Osten. Er ist Chefredakteur des Online-Journals "Mashreq Politics and Culture" (MPC Journal).

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Leserkommentare zum Artikel: Das gottgefällige Leben des Adnan Oktar

Dieser Beitrag ist einfach nur EIN ELENDER MIST, und zwar aus folgenden Gründen: A) er ist INAKZEPTABEL TENDENZIÖS, weil er die Evolutionstheorie als alternativlose Fortschrittsideologie anpreist; diese Einseitigkeit ist unwissenschaftlich und widersprich auch jeder ergebnisoffenen Forschungsintension. B) SO UNAPPETITLICH DIE SEX-ESKAPADEN des Adnan Oktar alias Harun Yahia auch sein mögen, so geben sie dem Autor nicht das Recht auf ihm herumzutrampeln, zumal viele der Vorträge von Harun Yahia wertvolle Denkanstösse anbieten. Er ein bedauerliches Bespiel für den HOCHMUT, DER VOR DEM FALL KOMMT - das möge dem Autor eine Warnung sein. C) NOCH BEDAUERLICHER ist die unkritische Parteinahme des Autors für diesen unsäglichen ATATÜRKEN ERDOGAN und dessen Schreckensregime, möge der Himmel verhüten, dass auch er ihm eines Tages in die Hände fällt.

Rudolf Steinmetz28.07.2018 | 10:15 Uhr